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näher kannten, es nannten, ihr siegreich zu Gebote stehenden träumerischen Kindlichkeit, die den Eindruck eines Wesens sogar voll Poesie und Unschuld machte.

Der wilde Freiherr war sogleich gewonnen und rühmte den Geschmack seines Sohnes mit vielen humoristischen Donnerwettern, Sackerlots und zudringliche à la bonne heures.

Ohne viel Umschweife zu machen, erklärte er, dass der Kammerherr eine Baronesse von Tüngel heiraten müsse; er wisse sehr wohl, und auch seiner künftigen Gemahlin würde es nicht verborgen bleiben, dass der Junge seine tollen Stunden hätte, doch lasse er sich leiten, wie ja dieser Aufentalt hier in Eibendorf bewiesen hätte. Ferner: Er wisse auch, dass ihm selbst die Kunst abginge, mit einem Menschen, der ganz aus der Art geschlagen, richtig zu verkehren; dass Jérôme das Pulver nicht erfunden, sei bekannt; der Titel eines Kammerherrn wäre die Gnade eines benachbarten Fürsten gewesen, in dessen Gebiete einige seiner Güter lägen; sein älterer Sohn, der Regierungsrat, hätte dafür des Verstandes nur zu viel; die natur gliche gern aus, und ein Unglück wär' es nicht, wenn der Bund mit den Tüngels zur Ausführung käme; Kinder würde es schwerlich geben; wie viel eine richtige weibliche Behandlung zu tun vermöchte, hätte ja Lucinde bewiesen, und er wäre ihr von Herzen dankbar dafür. Dass er seinen Dank, wie er gleich aufrichtig hier bekennen wollte, bis zur Adoption einer solchen Schwiegertochter, wie sie wäre, steigerte, davon könnte natürlich keine Rede sein. Der grosse Narr weine zwar und wolle nicht von ihr lassen; es würde sich aber auch das bei ihm geben. Einstweilen möchte er selbst nicht allzu lange in dem haus hier verweilen: er müsse bekennen, weder allzu viel Weihrauchduft noch lutersche Pfarrhausluft wäre sein besonderer Geschmack; leider hätte er einen katolischen Pfarrer nicht wählen können, da es ja den "armen Käuzen" an einer Pflegerin und zerstreuenden Kindern fehle. Das Beste wäre, sie folgten ihm einmal vorläufig alle beide, der Kammerherr und Lucinde. Schloss Neuhof wäre sehr gross, hätte nicht nur zwei Seitenflügel, sondern im Park auch noch ein paar Pavillons, von denen sie den einen ganz allein beziehen könne und zwar so lange, bis das Arrangement mit den Tüngels getroffen wäre und sie sich dann in aller Stille eines Tages entfernen oder sonstwo auf seinen Gütern etabliren könne. Für ihre Existenz "so oder so" solle schon gesorgt werden; denn die Undankbarkeit wäre einer der letzten von den alten Fehlern der Wittekinds ...

Und nun schloss er, auch von der Bündigkeit seiner eigenen Darstellung geschmeichelt, mit einem Gelächter, dass die ganze stube schütterte. Er zog dabei Lucinden an sich, um sie zu küssen, was auch erfolgt wäre, wenn ihn in seinem gewaltigen, selbstzufriedenen lachen und dem Versuch, seinen rauhen Backenbart an der Sammtwange des Mädchens zu reiben, nicht ein Husten überkommen wäre, den er auf die verdammte Witterung, das heurige zu späte Eintreffen des Frühlings und "allerlei sonstigen niederträchtigen Aerger" schob ...

Lucinde hatte keine Veranlassung, diesen Anordnungen Widerstand zu leisten. Sie selbst sehnte sich aus einem haus hinweg, in dem sie die frühere Wertschätzung vermisste. Die Schraube mit dem Kammerherrn und der Möglichkeit, sich in eine glänzende Lebensstellung zu versetzen, ging ja noch fort. Vorläufig standen die neuen Verhältnisse, die der Kronsyndikus in Aussicht stellte, schon so lebhaft vor ihrer Phantasie, dass sie den Gedanken, in einem grossen schönen Park einen eigens für sie eingerichteten Pavillon zu bewohnen, sich schon ganz mit allen möglichen Farben, ausmalte.

Ihre ängstliche Schüchternheit aber legte sie nicht ab. Diese war auch vielleicht nicht ganz gemacht. Noch hatte überhaupt das Leben die wirren Stoffe, die in ihrem inneren lagen, nicht verarbeitet bis zur klaren Unterscheidung von Gut und Böse. Ihr Instinct sagte ihr jetzt, dass sie sehr anspruchslos und ungefährlich erscheinen müsse, wenn sie die gute Meinung, die der Kronsyndikus von ihr gefasst zu haben schien, behaupten wollte. Dass sie sich mit dem, was er in Aussicht stellte, nicht ganz zufrieden geben würde, wusste sie schon. Damit sie aber dahin gelangte, mehr zu gewinnen, war es notwendig, alles mit sich geschehen zu lassen, was der Kronsyndikus vorschlug. Sie erkannte gleich seine Art, als sie ihm wegen dieser weisen Anordnung ganz besonders innig gedankt und ihn damit noch wohlwollender gestimmt hatte. Sein ganzes Leben war, nach der gewöhnlichen Vorstellung solcher Charaktere, eine einzige grosse Erfahrung von Undank. Lucinde gefiel ihm immer mehr, und er sagte auch unten, dass in ihren schwarzen Augen etwas läge, was ihn, so alt er wäre, selbst noch töricht machen könnte.

Der unruhige und stürmische Geist des Mannes verlangte die allgemeine Abreise schon vor Ende des Tages.

Der Kammerherr liess alles geschehen, was man anordnete, blieb ihm doch sein Liebstes auf Erden, das Ideal seiner Träume, die ewig gleiche Belebung seiner Bilder, seine Schülerin, seine Heilige.

Wie ein Kind nahm er Abschied von dem haus des Pfarrers und den nächsten Umgebungen. Noch an den Riedbruch in dem wald war er, bis an die Knöchel versinkend, gegangen und hatte an derselben Stelle, wo er einst Lucinden gefunden, einige schon sprossende Gräser und Schneeglöckchen gepflückt. Schon lange verkündete hier ein Würfel aus Sandstein mit einigen Emblemen des Philosophen jener kleinen Stadt, dessen System er an der Drechselbank und auch aus einigen bei demselben persönlich nachgeschriebenen Heften so bewunderte, und auf diesem Würfel das eingegrabene griechische Wort