1858_Gutzkow_031_288.txt

laut sprechen hört ... Armgart rafft zusammen, was sie mit wenig Griffen finden kann, ihren Mantel, ihren Winterhut, ihre Hemden, einige Tücher, Strümpfe, Unterkleider, Schuhe, Bücher ... Ein grosses Umschlagetuch wird auf dem Boden ausgebreitet, ohne Licht tastet sie hin und her, öffnet das Nähtischchen, leert es, wirft alles in ihr Tuch, die Zipfel knüpft sie zusammen und ihr Bündel ist geschnürt.

Um Gottes willen, Armgart, was hast du vor? flüstert Angelika, die zurückgekommen.

Ist sie's? kommt sie?

Eine Dame kommt!

Armgart spricht kein Wort und stürzt mit dem Bündel von dannen.

Angelika besinnungslosfolgt, wie von ihr angesteckt ...

Armgart klinkt die Pforte nach dem Garten auf. So feucht der Boden, so kühl die Luft, ist sie doch schon ausserhalb des Gartens, quer hindurch über Salat und Rüben und Zwiebelstauden, wie sie die Wege nur abkürzen kann.

So stiegt sie dem Lichte zu, das sie an den kleinen bleigefugten Fenstern der Fischerhütten sieht.

Angelika, das sah sie, folgte nun schon nicht weiter ...

Jetzt an den Fenstern der Fischerhütten anzupochen, da um einen Kahn zu bitten, dort dem Tönneschen, den sie richtig sieht und der in einem buch studirt, oder den halb zuhorchenden, halb zuschlummernden älteren desselben, allen denen erst zu klopfen und zu schmeicheln oder etwas aufzubinden, eine Erfindung, eine Ausrede, einen Auftrag etwa ... etwa auf der Villa Vergessenes holen zu müssen ... das gäbe fragen, Aufentalt ... Nein! Sie kann ja selbst rudernfort ans Uferin einen Nachenihn losgeketteltdas Ruder ergriffen

So fährt sie von dannen.

Noch konnte sie des jenseit der Insel gegen den Strom angehenden Nachens nicht ansichtig werden ... Sie steuert am Ufer der Insel hin, um nicht zu weit unten am Enneper Tal zu landen ... Sie steuert gerade nach der entgegengesetzten Richtung, als in die jenen Nachen der Strom drängen muss ... Nun aber gewinnt sie die Höhe des Wassers und der ganze Spiegel liegt in dem immer mehr aufgehenden Mondlicht vor ihr ... Auf zweihundert Schritte ist sie von dem Boot entfernt, in dem eine Dame sitzt mit einem DienerMutter! rief es in ihr ... sie suchtedie silbernen Locken! ... O, wie pocht ihr das Herz! ... Einmal war's ihr doch, als sollte sie über das wasser hinwegfliegen, sollte einen Freudenschrei ausstossen, die arme ausstrecken und rufen: Mutter, da hast du dein Kind! ... Aber auch nur einmal überwältigte sie's und sogleich stand ihr der Vater vor Augen, der Vielgeprüfte, der Wettergebräunte, der Flüchtling auf dem Oceane! ... Und dennoch, dennoch sucht das Auge das Antlitz der Dame ... Es ist ihr abgewandt ... Da stehen die weissschimmernden Birken auf der Insel ... Wird der Kahn vorübergleiten, wird er landen? ... Er hält ... er will zur Insel ... landet ... es ist nur die Mutter ... und jetzt, jetzt ist ihr's doch, als zög' es sie in den Strom hinunter ... die weissen Birken werden zu den Locken der Mutter ... ein ganzes Leben geht ihr auf, beschienen wie vom Mondlicht ... alles, was sie je nur unter den Trauerweiden und Birken vom Menschenund vom Frauenloose geahnt, scheint sich ihr plötzlich zu erfüllen, lebendig zu werden, zahllose Gestalten ziehen dahin und wie unter den Klängen einer ganz ausserweltlichen Musik ...

Schon entführte der Strom die schwache Schifferin ... Sie konnte den Nachen nicht mehr regieren.

Er bringt sie aber ans Ufer ... Weit, weit von dem Punkte, auf den sie mit aller nur möglichen Anstrengung ihrer arme zugesteuert hatte, landet sie. Sie gerät in ein Gestrüpp von Weiden und Schilf, an dem sich bequem und sicher aussteigen lässt.

Jetzt gedenkt sie des nächsten, Kommenden ... Was soll sie beginnen? Wohin sich wenden? Ohnehin mit ihrem überschweren Bündel!

Die Türme hatten schon von da und dort die neunte Stunde geschlagen. War auch die Welt hier noch wacher als auf der Insel drüben, wem sollte sie sich anvertrauen! Wie weit war nicht der Weg zu einer Post, die erst im nächsten Städtchen am fuss des Geierfelsen lag! Ihre Baarschaft betrug einige Groschen über einen Taler.

Den Kahn musste sie dem Zufall überlassen ... Ein Moment der Besinnung ... Sie wagt den Sprung ins Uferröhricht, nachdem sie ihr schweres Bündel schon vorausgeworfen ... Es gelingt alles.

Angelika's Anzeige und eine Verfolgung befürchtend, suchte sie nur zuerst eine gelegenheit, weiter zu kommen.

Nirgends Menschen; aber Lichter auftauchend da und dort ... Sie lässt ihr Bündel im Schilfe liegen und läuft nach Drusenheim hinüber. Den Wirt vom Palmbaum kannte sie ja und er sie ... Was sie sagen wollte, wusste sie noch nicht. Sie wollte nur in die Berge hinüber, vielleicht in ihre Heimat nach Westerhof, in ihr Stift, zum Heiligenkreuz, zu Paula, die ihr plötzlich in der fieberhaften Angst und Verwirrung ihrer Phantasie erschien, als wenn sie am Altar mit dem Grafen Hugo stünde, mit dem schönen Reiterobersten im weissen