sie ... sie verstand diese Stellen nicht ... aber bei der Nachricht, dass die Mutter schon unterwegs wäre und von ihr Besitz nehmen wollte, nahmen ihre Gesichtszüge den Ausdruck des Schreckens an, der ihre schönen Lippen halb öffnete und wieder, wie verboten, die beiden Zähne hervortreten liess. Immerfort strich sie mit der Hand über den Scheitel ihres Haares, gleichsam diesen zu ebnen, und die Hand wollte nur die Gedanken ebnen, die wilden, unruhigen, die schon Entschlüsse in ihr zu treiben begannen.
Der Pfarrer befiehlt dir, deinen Schein von Richterschaft aufzugeben, dir nicht anzumassen, dass du ein Urteil fällst über Vater und Mutter und dass du dich ruhig ergeben sollst und vorläufig dem Willen des
Armgart lächelte und blickte wie abwesend auf die Oberin Aloysia, als die diese Worte gesprochen.
kommt die Mutter früher als der Vater, so gehörst du den Umarmungen der Mutter! fuhr Schwester Gertrudis fort. Inzwischen hat der Pfarrer nach Westerhof geschrieben und wartet von dort auf Antwort!
Jetzt, zumal da vollends auch Angelika so ganz zu allem schwieg, flossen Tränen der Liebe und des Schmerzes. Und doch standen der stillergebene Stolz des Vaters, die würdevolle Entsagung des Tiefgekränkten auch der Freundin Angelika so lebhaft vor Augen, dass sie das Gefühl des Kindes, gerade diesem Vater sich nicht zu weigern, gerade ihn mit der Heimat nach so langer Trennung wieder auszusöhnen, vollkommen verstand. Die excentrische Gefühlsweise Armgart's entsprach im grund auch ihrer eigenen Lebens- und Menschenauffassung. Nicht wer Matematik treibt, sondern wer ein starkes Herz hat und doch entsagen, doch kämpfen muss, lebt das Leben nach Gesetzen und regelt jedes noch so glühend aufwallende Gefühl. Angelika wusste selbst nicht viel von der Stärke, die sie besass. Sie war unbewusst stark und gab sich nach aussen doch wie die Schwäche selbst. Sie tröstete und schalt und verschwendete noch Worte, wo ihr Inneres längst entschieden hatte. Darin glich sie einer Mutter, die, mit den strengsten Worten und vor Schmerz selbst vergehend, ihrem leidenden kind die schmerzhaftesten Wunden lindern und verbinden kann, während dem dabeistehenden Mietling in seinem scheinbar weicheren Mitgefühl angst und wehe wird.
Und wir sehen ja heute noch Benno drüben! war Angelika's Trost gewesen. Er kommt gewiss hinüber! Von der Villa aus erspähen wir ihn schon und wohl gar auch Tiebold de Jonge –
Armgart zeigte stumm auf die heranziehenden Wolken und später sagte sie ohne Verstellung:
Ich bin krank! Nach Drusenheim – geh' ich nicht mit hinüber!
Armgart! verwies Angelika und fühlte ganz das Nämliche, was die Gescholtene.
O, sagte Armgart nach einer Weile, es ist furchtbar mit diesen Aerzten der Seele! Zu wissen, dass ein Arzt auf ein Uebel heilt, das wir gar nicht haben! Ungeduld, das ist ja meine Krankheit gar nicht! Eine Zeit kann kommen, wo ich auf die Art in keinen Beichtstuhl mehr gehe!
Armgart! Armgart! rief aufs neue ernstlich verweisend Angelika und – fühlte doch wie die Gescholtene.
Ich will der Priester meiner älteren sein! fuhr Armgart fort. Ich will sie zum zweiten male trauen, noch einmal segnen! Davon träum' ich Tag und Nacht! Darauf hin sehe' ich Leiden und blutige Dornen über mich verhängt, aber auch Rosen, himmlische Rosen der Erfüllung!
Und Angelika hörte alles das äusserlich tadelnd, innerlich billigend. Mit all ihrer Matematik und Physik lebte sie in einer gleichen Anschauung überirdischer Dinge, in gleicher Verehrung vor den grossen Zauberformeln der Seele, denen alle natur gehorchen muss. Angelika besass den reichen aufgesammelten Schatz der Liebe einer Jungfrau, die ohne Hoffnung verblühen muss.
Man hatte längst zu Mittag gegessen ... Alles war in Kummer über das zunehmende Sichüberwölken des himmels ... Kurz vor Vier fasste man den heroischen Entschluss, ehe es "giessen" würde, doch hinüberzuschiffen ... Die Erzieherinnen gaben nach ... die Englischen fräulein wollten dem Pfarrer ein gegebenes Versprechen halten.
Angelika befürwortete nun selbst das Zurückbleiben Armgart's. Sie liess ihr ausser dem Briefe der Mutter auch den kurzen und so unbestimmten des Dechanten. Und bei alledem, mehr mochte der Dechant jene geheimnissvolle Zuschrift aus Italien nicht studirt haben, als Armgart seine Runenschrift bis auf jedes Häkchen und jeden Bindestrich zu entziffern sich mühte. Ob voll Jammer und Klage über das veränderte Wetter nach langem Hin- und Widerreden das Institut sich eingeschifft hatte, ob die jungen "nachgemachten Engländer" sich drüben einfinden würden, ja ob selbst Benno ihrer harrte ... sie blieb daheim und las und wachte über die kleine Liddy.
O, das sind seltsame Zustände, wenn es so in unserm inneren an allen Enden und Ecken zupft und kein Gedanke Stich hält, kein Gefühl zur Tat wird, keine Vorstellung, und wäre sie auch nicht schreckhaft an sich, doch kein reines und volles Behagen gewähren will! Dann weiss man, und die fiebernde kalte Hand bezeugt es, dass man in seiner sorge und seinem Unmut sich gewiss nur selbst zerstört, und doch kann man den Blutstrom, der alle Lebenswärme zum Herzen drängt, im Laufe nicht ändern, geht und wirft sich stöhnend aus einem Winkel in den andern und sagt sich nur: Eins ist gewiss, ich werde krank! ... Auch Freunde können dann nicht helfen. Ja, wer hat denn gleich von euch den sanften Ton und den vollen Accord der reinen Uebereinstimmung, den Ton, der uns gerade jetzt so not