und seinem Pferde abgeholt und von dem schärfer blickenden Auge desselben veranlasst wurde, gewisse auf dem Balcon sichtbare Persönlichkeiten mit gewissen Notizen in ihren Portefeuilles zu vergleichen?
Oder steht Armgart auch nur zur Seite und glossirt mit Moritz diese "stillen Sonntagsfreuden ländlicher Zurückgezogenheit" und hört die geschichte, die Herr von Gutmann bei gelegenheit Lucindens, der spätern Schauspielerin Konstanze Huber, von einem jungen Commis erzählt, mit dem Herr von Binnental eine ganz merkwürdige Aehnlichkeit hätte?
Von alledem nichts –
Denkt euch einen von Regen träufenden breitastigen Ulmenbaum! Denkt euch an ihm einen gewaltigen Ast und auf dem Ast einen schmächtigern Zweig und in dem Zweige ein grünes Winkelchen und in dem Winkel ein Vögelchen, das in Sturm und Unwetter, in Regen, Blitz und Donner wie ein ganz klein bucklig Zwergmännlein in seinen aufgeplusterten Federn sitzt! Mit Augen und Schnabel sitzt der Kopf, mit Krallen und Sporen sitzen die Füsschen ganz in dem Federwulst versteckt. Sonst so schlank, sonst so leicht durch die Blätter hüpfend, hockt das Tierchen wie ein Männlein aus der Gnomenwelt oder wie ein Kind, das Grossmütterchens alten Pelzmuff über den Kopf gezogen hat.
So verzaubert sitzt Armgart einsam auf der Insel Lindenwert.
Sie wollte nicht mit ... Sie blieb daheim ...
Sie blieb in ihrem Schlafsaal Nr. 5, an dessen äusserm Ende eine der Pensionärinnen ein wenig unpässlich liegt, die kleine Liddy, die bei Sturm und Ungewitter ruhig in ihrem Bettchen schlummert. Sie hat die Pflege der Kleinen übernommen ... Still ist's in dem noch immer düstern saal, auch nachdem die Schlossen ausgetobt haben. Einige Scheiben knickten ein, glücklicherweise ohne Zugwind durchzulassen ... Armgart zieht sogleich die grauen Fensterladen vor und nun wird's in dem saal mit den fünf leeren Betten und der einen schlummernden Kranken noch gespenstischer. Da hockt sie denn an dem einen freigebliebenen Fenster, an dem nassen Ulmenbaum, an dem kleinen, von ihr dortin getragenen Nähtisch, vor dem aufgeschlagenen buch, in dem sie lesen wollte und nicht lesen kann ... in einem Rosenkranz von Gebeten und Gedichten von Beda Hunnius mit einem wundervollen Titelkupferstiche, einen Kranz darstellend von sieben Rosen, die die sieben Schmerzen Mariä entalten und drüberher triumphirend das Lamm mit der Fahne, das Symbol ihrer schwierigsten und mangelndsten Tugend – der Geduld.
Aber sie scheint recht geduldig geworden zu sein ... sie gluckst nur so und duckt sich und "hockelt", wie die Mädchen sagen.
Erst während des Mittagsessens war Angelika den andern nachgekommen mit der Vorsteherin Aloysia. Sie hatten drüben zwei Stunden auf den Pfarrer warten müssen. Und was brachten sie mit? Mahnungen zum Abwarten! Und die Mutter schrieb doch – der Pfarrer hatte gestattet, dass Armgart den Brief las –:
"Mein gutes fräulein Angelika Müller!
Ich erhalte von unserm sanften, liebevollen Dechanten aus Kocher am Fall Ihre Einlage an ihn. Sie wissen nicht, dass mir einst mein Kind, mein einziges, wie von Zigeunerhand gestohlen wurde; dass ich hinausgejagt in Sturm und Verzweiflung hundert vergebliche Versuche machte, mein Kind mir wiederzuerobern, dass ich dann, als alles vergebens, in ein Kloster ging, fast zehn Jahre der Selbsterkenntniss lebte und der eingestandenen Pflicht –, erst mich selbst zu erziehen. Jetzt bin ich fast fünfunddreissig Jahre; aber ich fühle mich wie mit Siebzigen. In euern Wäldern wusst' ich mein Kind von meiner Schwester und meinem Schwager liebevoll gehütet, wie ihr eben liebt, wusste sie so erzogen, wie ihr die Menschen erzieht. Ich schildere Ihnen die sehnsucht nicht, die mich nach meinem kind verzehrte, das man mir nur zurückgeseiner Garnison versetzten Gatten folgte. Es trennte mich nichts von ihm, als die freudige Lust, ihm folgen zu können. Zuletzt, als erneute Versuche der Eroberung vergebens waren, beruhigte ich mich mit dem Gedanken, dass ich Armgart vielleicht zum Opfer meiner Nichterziehung gemacht hätte. Wie oft nennen wir Erziehung, was nur ein unglückliches und widerstandloses Dahingeschleiftwerden ist von älterlichen Torheiten! Wie oft nennen wir Liebe, was nur ein unglückliches Zermalmtwerden von den Rädern unserer eigenen Entwicklung ist! Törichte Mütter, die ihr von der Zärtlichkeit für eure Kinder sprecht und sie nur zu den Opfern eurer Stimmungen macht! Eure Umarmungen sind nicht deshalb so heftig, weil sie von euerm reinen Herzen kommen, sondern weil sie von eurer leidenschaft kommen, von eurer Verzweiflung oft um nichts, von eurer verletzten Eitelkeit! Mit stürmischen Küssen bedeckt ihr eure Kinder und flösst ihnen oft nur Gift ein! ... So war wenigstens meine Vergangenheit ... Jetzt ist, nach einem langen Klosterleben, vieles, vieles in mir anders. Ich erzog mich, eines Kindes würdige Mutter zu sein. Da soll Armgart's Vater zurückkommen und neue Stunden des Kampfes und der Prüfung sollen heraufziehen? Dem Vater soll gehören, was mit mindestens gleichem Rechte mir gehört? ... Wie ich diese Zeilen schreibe, bin ich im Begriff Wien zu verlassen und mein Kind, dessen Seelenkampf ich verstehe, den ich jedoch nimmermehr von Armgart allein oder von meinem Gatten werde entscheiden lassen, in meine arme zu schliessen. Ich kann mich vor ihr rechtfertigen.
Monika Hülleshoven."
Das Auge der kleinen Richterin hatte gefunkelt beim Lesen des so seltsam entschiedenen Briefes ... Bei den Worten: "Wie mit Siebzigen" strich sie sich bewusstlos ihren dunkelbraunen Scheitel, als gedächte sie der weissen Locken ihrer Mutter; bei der Schilderung der falschen Liebe und Zärtlichkeit der Mütter stockte