Erstens, welche Bedenken diese Einladung drüben bei den Englischen fräulein überhaupt hervorgerufen hatte. Doch hatte er der Schwester Aloysia gesagt: Unser Herr spricht: "Reinige zum ersten das Innenwendige am Becher!" woran er die Betrachtung knüpfte, dass man von dem Auswendigen nicht zu viel Wesens zu machen brauchte ... Dann hatte er vor wenig mehr als einer Stunde erst mit Angelika und Schwester Aloysia die Briefe aus Wien und Kocher lesen können (denn zwei Taufen und ein Krankenbesuch hatten ihn sogleich nach der Application in Anspruch genommen); den Rat hatte er gegeben, "abzuwarten" – ein für Armgart nicht minder als das Wort "Geduld" höchst antipatischer Begriff ... Den Major fragte er nach dem Obersten, Armgart's Vater.
Jedes allgemeine Gespräch pflegt sonst von dem Uebergang zu Persönlichkeiten gestört zu werden. Hier aber ereignete sich der Fall, dass die Mitteilungen, die der Major von dem Obersten von Hülleshoven machte, manchen interessirten. Ja als er auf Kocher am Fall überhaupt zu sprechen kam und das neueste nachbarliche Erlebniss erwähnte, das Erbrechen eines Grabes drüben, als er den Anteil schilderte, den daran eine gewisse Lucinde Schwarz hätte, die den noch immer nicht aufgefundenen Täter auf die idee gebracht, in einem Sarge Schätze zu suchen, da wurde plötzlich alles rege und ging wild durcheinander. Selbst der immer stummer gewordene Herr von Binnental fuhr auf und die gerade von möglichen Gewittern und der richtigen Abgangszeit der Dampfschiffe sprechende Frau von Gutmann und beide ganz in Beetoven, Mozart und jetzt wieder die köstlichen Früchte des Desserts und die Vergleichung der geographischen Breitengrade des Enneper Tals mit den "Vierlanden" bei Hamburg verlorenen Damen Carstens riefen wie elektrisch berührt:
Lucinde Schwarz?!
Eine ultramontane Emissärin, die in den gegenwärtig schwebenden Zeitläufen – begann der Major ...
Der Major würde mit diesem für die Nähe eines Pfarrers ziemlich scharfen Worte und den naturgemäss zu erwartenden Repliken, dann wieder bei den darauf folgenden nähern Erläuterungen leicht bei dem vortrefflichen Dessertwein sich eine leise Anspielung erlaubt haben können auf den nicht ostensibeln Grund seiner heutigen Anwesenheit in dieser Gegend, wenn nicht in diesem Augenblick der allgemeinsten Spannung und durcheinander fahrenden fragen: Lucinde? – katolisch? – wo? – wann? – ein Blitzstrahl das seiter immer dunkler gewordene Zimmer erleuchtet hätte. Der erschreckenden Helle folgte in so raschem Aufeinander ein erschütternder Donner, dass alles aufsprang, weil man voraussetzte, es müsste irgendwo in der Nähe eingeschlagen haben.
Das Diner war damit zu Ende.
Rasch lehnte man die bunten Fenster zurück und sah entsetzt ins Freie. Zum Glück wurde nirgends ein Feuer oder Rauch ersichtlich, aber der ganze Himmel war eine einzige grosse graue Wolke; ein Gewitter tobte und der Regen floss. Die Damen Carstens vergassen alle Gemüse- und Obstzucht in der Welt, alle Confessionsunterschiede und bedachten nur ihre Schuhe von Zeug und die mangelnden Regenschirme und die Weiterfahrt auf dem Dampfschiff. Ueberall fanden sie gefährlichen Zugwind, rieten zum Schliessen von hundert Fenstern, die sie in der Nähe und dann auch sogleich weit offen stehend witterten. Auch Frau von Gutmann verlor ihre erkünstelte Heiterkeit und flüsterte mit ihrem Gatten. Herr von Binnental hatte noch mit dem Dampfboot in die Residenz des Kirchenfürsten zurück wollen! Bereits zum öftern war von ihm die notwendigkeit einer Eisenbahn nach Belgien behauptet worden ...
Wirklich war es nun ein Gewitter, als hätte sich wochenlang darauf die natur vorbereitet. Während man gemütlich ass und plauderte, hatten Stürme die Wolken immer dichter heraufgejagt. Sie entluden sich in Blitzen, die dicht in der Nähe schon in den dunkelwallenden Strom schlugen. Das hatte sich erst von Westen her in einzelnen Vorboten angekündigt. Dann kam ein dunkelblauer Streifen, der sich ausdehnte wie mit Drachenflügeln, Staubwirbel aufriss, die wie in Trichterwindungen sich drehten, die Türen zuschlugen, Fenster zerklirrten ... Jetzt brach ein Regen mit Schlossen aus und mit Blitz und mit Donnergekrach ...
Nun das ganze von Besuchern überdeckte Tal! ... Ueberall in Berg und Flur weissschimmernd die hochaufgenommenen Kleider! ... Stimmen dazwischen! ... Hülferufe nach einem kind, das fehlte und nicht geborgen! ... Die Sonntagsfreude allen dahin! ... Wo sollten die Lustgänger sich bergen! ... Wo sollte sich alles ducken und verstecken! ... arme Jugend auch von drüben, von Lindenwert, dein Besuch der Villa wird zu wasser!
Oder – ist es denn möglich? Nein! Neuer Schrekken! In diesem Tumult der Elemente kommen ja eben wirklich vom Ufer, dort unten ausgestiegen, die neunundzwanzig jungen Mädchen wie eine versprengte Wallfahrt daher! Wie ebenso viele Tauben zeichnen sie sich am grauen Horizonte ab! ... Man sieht sie im aufgeweichten Boden versinken, kämpfen gegen die Fluten vom Himmel mit ein paar alten Regenschirmen! ... Sieben auf einen, den dann alle sieben auch halten müssen, wie wenn sie mit Sturmböcken gegen die empörte natur anliefen!
Schirme! Tücher! Galoschen! Jean! Franz! Den Damen entgegen!
So rief Bernhard und niemand war schon eifriger als Terschka, der auf Armgart "zu brennen" erklärt hatte und schon mit hülfe eines andern eine ganze Garderobe auf dem arme hatte und hinauseilte ... Dieser andere hinter ihm her, einen Regenschirm über ihn haltend, zwei unterm Arm ... Moritz und Bernhard blicken befriedigt Terschka und dem andern nach ... Wer war der andere, dieser Helfer in der Not? Waren also doch noch gewisse