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hielt es aber für politische Weisheit, wenn an Ort und Stelle in manchen Dingen nachgegeben und sich accommodirt wurde und vor seinen beiden Vettern glaubte er keine grössere Genugtuung zu haben, als wenn er ihnen den Major zu Tische führte.

Mit Hochherzigkeit reinigte er den auf diese Eröffnung hin erst laut auflachenden, dann aber gar nicht abgeneigten gönner vom Staub der Landstrasse. Seit gestern Mittag unterwegs hatten Uniform und Knöpfe, Degenkoppel, Stiefel und Sporen gelitten. Mit Grützmacher's hülfe wurde das Werk der Adonisirung glücklich vollendet und lachend sich zurückversetzend in die zeiten der Campagne und den viel minder rücksichtsvollen Besuch manches flandrischen Meierhofs und manches burgundischen Edelsitzes, billigte er nach Seligmann's Rat als passendste Anknüpfung den Pferdehandel und die Besichtigung einiger stattlichen Mecklenburger, die im Stalle des Besitzers von Drusenheim neu angekauft standen ... Man verliess den Palmbaum, wo Grützmacher mit einem seiner loyalsten, aber vielsagendsten Blicke zurückblieb.

Gerade war die Gesellschaft der Villa auf einer erneuten und auf Veranlassung der "in solchen Dingen pedantischen" Damen Carstens das Armband suchenden Promenade begriffen. Nachdem schon lange vor aufsteigenden Nebeln die Sonne verschwunden war, begann es etwas zu tröpfeln. Wie die Gesellschaft, von dieser unerwarteten Wendung der Sonntagslust überrascht und auf eiligem Rückweg begriffen, mit gespannten Sonnenschirmen da und dort aus dem Grün auftauchte, ging Schulzendorf, sich einen jugendlichen Schneller gebend, dem Wirte entgegen und über die Mecklenburger hinweg erfüllte sich alles aufs trefflichste. Es war in der Ordnung, dass man dem Major die herrlichen Tiere, die Stallungen, die kostbaren Futterbehälter, die Porzellankrippen zeigte ... es war in der Ordnung, dass man ihn dringend bat zu bleiben. Seligmann, entzückt über ein sogar ganz freundliches Zunicken seines Vetters Bernhard Fuld, stieg triumphirend in die Küche.

Jetzt waren alle Gäste mehr als vollzählig beisammen und nur einer fehlte noch ... Schleudere deinen Bannstrahl, Paul genannt der Vierte! Kanonische Regel, verhänge deine entschiedensten Strafen! Ein Priester im haus, ja sogar am gedeckten Tische eines Juden! ... Dennoch öffnete sich die Tür und der Pfarrer trat ein, in gewählter Sonntagskleidung, in schwarzer Weste, schwarzen Handschuhen ... der praktische Mann war bei seinem Patronatsherrndie Auslegung des Bullariums hat ihre eigentümlichen Geheimnisse.

Wir schildern nicht den geschmackvollen Esssaal mit bunten Fenstern, die die Gesichter grün, die Suppe rot, die Löffel blau erscheinen liessen. Wir schildern nicht den runden Tisch mit seinen Herrlichkeiten. Wir schildern nicht die galonirten Diener, die mit gründlich einstudirter Ruhe serviren. Wir schildern nicht diese scheinbar granitne Sicherheit, die Bernhard über die Folge der Gänge, das Abnehmen der Teller und Präsentiren der Weine zur Schau trägt, während sein scharfes Auge stechend auf eine etwas laut niedergesetzte Schüssel oder eine zur Erde fallende Gabel gleitet. Als es Gemüse gab, riefen die beiden Hamburgerinnen einstimmig ihrem Bruder zu: Nikolaus! Junge Erbsen! Das Gespräch wurde Schmetterlingsflattern, obgleich Engländerinnen immer gründlich sind. Am Lurleifelsen werden sie sicher die Fusstapfen der Lurlei gesucht und am Mäuseturm die Löcher der Mäuse gezählt haben, die jenem Hatto von Mainz einst das Leben nahmen. Was aber auch nur angeregt wurde, alles zündete vorzugsweise bei Meta und Sophia, die, wenn sie auch stets mit den verklärtesten und schönsten Stellen und Excerpten ihrer Tagebücher beschäftigt waren, doch von jeder Speise zweimal nahmen. Wie plastisch und sozusagen objectiv wurde von ihnen eine jede Lebensäusserung behandelt! Selbst wenn sie nur ein wenig Salz verlangten oder sich vom Nachbar ein Glas wasser erbaten, geschah es im Vollgenusse dieser höchst merkwürdigen, aber behaglichen Situation.

Der Pfarrer ist einer jener Urmenschen, die an jeder Stelle das tun, was die Lage der Dinge gerade mit sich bringt. Ebenso gut wird er einen wohlbereiteten Salmen zu würdigen wissen, wie eine eingestandene Sünde. Das ist die beste Menschenart, die bei jedem Ding sich auf dem platz weiss ... Schweigsam waren nur geworden Moritz der Pessimist, Binnental, Herr von Gutmann, selbst Frau von Gutmann ... das Armband wirkte doch drückend ... Dagegen war Terschka ein Matador. Hufbeschlag mit Schulzendorf, Stangen- oder Kandarenreiten mit dem Grafen Dammhirsch, Percussionsflinten mit einem Jagdjunker, Zukunft der österreichischen Finanzen mit einem Herrn Bendixen aus Frankfurt, Drainage und alte Münzen mit Herrn Carstens, Rouge et Noir mit Herrn von Gutmann, Caramboliren beim Billard mit Binnental, Musik mit Miss Arabella, Malerei mit Miss Julietta, das von Liebig eben entdeckte Conserviren junger Gemüse in Blechbüchsen mit den Damen Carstensallem und jedem steht dieser Wunderbare zur Rede ... Und nur mit der Frau vom haus spricht er von Wien und lacht mit ihr vertraulich über die ganze übrige Welt. Die Wiener und Wienerinnen haben das. In der Fremde gehören sie alle einer geheimen Conspiration an, deren Devise die Unübertrefflichkeit ihrer Heimat ist.

Beim Gespräch über Lindenwert, die Pensionärinnen, Armgart, musste man denn auch auf Armgart's Mutter kommen, Monika von Hülleshoven.

Sie kennen sie? fragte der Geistliche Terschka.

Auch Schulzendorf horchte auf. Einen Namen hörte er, den er von Kocher am Fall kannte.

Sie hat eine Tochter hier in der Erziehungsanstalt auf der Insel! fuhr Terschka fort. Ich hoffe sie heute noch zum Kaffee auf der Terrasse kennen zu lernen! Gnädige Frau hatte die vortreffliche idee, die Terrasse heute zum Salon der kleinen Zöglinge zu machen!

Engeltraut schwieg zu der freudigen allgemeinen Acclamation. Zu vieles wusste er, was mit dieser Bemerkung schmerzlich zusammenhing.