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Sie haben was, Seligmann! Kommen Sie uns doch nach! In den Palmbaum, heisst ja wohl das Wirtshaus?

Zu Befehl, Herr Major, zu Befehl!

Wie wir wissen, war der Major ein berühmter Pferdehändler. Seligmann durfte annehmen, dass diese Aufforderung vollkommen ernst gemeint war.

Grützmacher, der erst dicht neben seinem Chef ritt, sich jetzt aber drei Schritte zurückhielt, bestätigte mit einer eigentümlichen Ironie in dem sonnenverbrannten, wie mit Speck und Staub überstrichenen Antlitz die gelegenheit zu einem Geschäft. Und sein Brauner sogar schien den Seligmann zu erkennen. Er machte einen so gewaltigen Satz, dass ihm Grützmacher's Säbel fast an seine Vatermörder streifte.

Na, na, Landsmann! sagte Grützmacher zum Gaul und beruhigte ihn.

Die eigentümliche Ironie des seinem Chef Nachsprengenden verstand der Nachbar des Wachtmeisters zu Kocher am Fall auf den ersten blick. Seligmann sagte sich: Gewiss ist bloss ein Pferd dienstuntüchtig geworden! Nun wird er eine Reise von zwölf Stunden und sogar über den Strom hinweg unterwärts mit der diessenbacher Fähre machen! Nebenbei werden ein paar Wagenpferde für Herrn von Ingelheim, ein paar Ackerpferde für den Grafen Grafenberg, ein Reitpferd für dessen Herrn Sohn beschafft. Oder wär's noch etwas Anderes? setzte er in sinnendem Selbstgespräch, aber nachfolgend hinzu ... Seligmann verstand sich auf die Zeit ... Ihm selbst lag der Streit der Guelfen und Ghibellinen seit gestern centnerschwer auf dem Herzen, so leicht auch nur ein einziger grüner Streifen Tuches von einem Jagdrock wiegt.

Im Palmbaum fand er dann den Major, der bereits, wie er erzählte, heute sieben bis acht Pferde behandelt und teilweise schon erstanden hatte. So aufmerksam Schulzendorf dann zuhörte und sich Namen und Ortschaften notirte, wo Seligmann noch einige junge, tüchtige Pferde wusste, auch eines ganz in der Nähe auf einige hundert Schritt, so fand er den Major doch nicht in der Stimmung, den Duft des Stalles sogleich wieder einzuatmen, sondern erst vor allen Dingen den eines tüchtigen Mahles.

Im Palmbaum gab es eine leidliche Table-d'hôte. Das Gewühl von Menschen, die sich noch an der mit jedem neuen Gast mehr verdünnten Suppe und an ausgekochtem Rindfleisch mit Salzgurken satt assen, war heute so gross, dass Seligmann plötzlich auf einen ihn selbst überraschenden Gedanken kam. Wiedachte er; wennüberlegte er; prächtig! – beschloss er. Der Major war an der Villa vorübergeritten und hatte bei seinem ausserordentlich seinen norddeutschen Spürsinn (die Guelfen räumen den Ghibellinen vorzugsweise eine grössere Feinheit der Geruchsnerven ein) Seligmann beneidet, als dieser sich rühmte, dort zu diniren. Selbst wenn es nur Kugel-Schalet gab, wussten ja Grützmacher und er, dass der Major solchem Geruch manchmal selbst bei Jette Lippschütz nicht widerstehen konnte. Selbst unter deren Dach sah man ihn oft eintreten am Freitag Abend mit der feinsten Nase, die nur je jenseits der Elbe zum spürenden Organ alles Guten und Schönen sich ausgebildet ... Ueberhaupt sechsunddreissig Landdragoner standen unter dem Trefflichsten. Jeder von ihnen wusste, dass ein so tüchtiger Chef nur zum Wohle des Vaterlandes geboren werden konnte, und eine dies bezeugende Kleinigkeit, nämlich zu seinem Geburtstagebezeugte auch an ihnen wieder, so arm sie waren, ein gutes Herz. Schulzendorf nahm jeden Hasen, auch wenn er geschenkt war. Und nun gar erst der Pferdehandel! Sechzig Taler kostete nun so eine tüchtige Mähre von einem Bauer z.B. hier im Enneper Tale; dann hat man einen guten Freund, Grützmachern z.B., die gute treue brave jüterbogker Seele macht so ein Tier "rittig", setzt Leib und Leben, Frau und Kinder daran, das wilde Jungblut zuzureiten, und nach sechs Wochen nimmt es dann der beste aller Könige für achtundachtzig Taler. Bei sechsunddreissig Pferden, die wie alle Pferde nur zu oft nicht einschlagen, kommt der Fall der Erneuerung und ein Gewinn von achtundzwanzig Talern per Stück sehr häufig vor. Wollte man aber darum den Major anklagen, dass er im Dienste lässig gewesen? Nimmermehr! Er strafte wie einer! Er machte Abzüge wie einer! Er lächelte stets so scharf, so sarkastisch, so liebevoll mephistophelisch, aber zuweilen konnte sein Inneres auflodern, wie wenn seine Väter nicht geborene niederlausitzer Tuchmacher, sondern (nach Shakspeare) "von Deukalion her erbliche Fürstendiener" gewesen wären. Er vergass keine Titulatur nach oben, aber wehe dem, der eine von unten vergass! Um zu zeigen, wie ein Chef Untergebene behandeln müsse, duldete er nimmermehr, dass Grützmacher von den Schreiben, die aus dem Landdragoneramte an untergeordnetes Volk gingen, den Streusand wegblies. Kreuzhimmeltausendsakkerment! fluchte er trotz Niemeier und Knapp, bei denen er noch in Halle Teologie studirt hatte, wenn Grützmacher von einem Bescheid an einen Dorfrichter oder an eine kleine Stadtgemeinde den Streusand wegblasen wollte! ... Diese Bagage muss wissen, mit wem sie zu tun hat! ... Aber nach oben hin war dann Schulzendorf auch um so mehr die schuldigste Devotion selbst ... In dieser Weise zeigte sich jene Gesinnung, die niemand schärfer durchschaute als Procurator Nück, wenn er nachdenklich seinen Frack mit dem goldenen Sporn betrachtete, oder Michahelles, wenn er zum Kirchenfürsten sagte: "Eminenz! Erst nur gewisse Fürsten gewinnen und in dreissig Jahren wird dann aus dem Schoose des Protestantismus selbst heraus eine Bewegung entstehen, der man getrost es commandiren kann, Rom auf halbem Wege entgegenzugehen!"

Auch Seligmann wollte einen starken, kräftigen Staat,