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rüttelte am Fensterkreuz und redete die Rosse und die Kutsche seines Vaters höhnend und herausfordernd an.

Bald erschien der Kronsyndikus selbst. Es war eine Gestalt von gleichem Wuchse wie der Sohn, hünenhafter Höhe und trotzigfesten Schrittes, so weiss auch schon sein Haar schimmerte.

Er trug einen grünen Jagdrock, hohe Stiefel mit Sporen und liess eine Reitgerte schon in der Ferne bedenklich in der Hand hin- und hertänzeln. Doch lachte er, am Gartenzaun schon vom Pfarrer empfangen, zum Fenster empor und schien besserer Laune als sein Sohn, den er schon draussen, zum Parterrefenster zu, mit folgenden Anreden seiner väterlichen Huld versicherte:

Pinselheld! Ha! ha! ha! Stubenhocker! Trifft man dich endlich einmal? Farbenkleckser! Schäm' er sich! Treibt sich in der Welt herum! Muss ihn 'mal wieder mit Gewalt holen!

So tändelte er mit fingirter Ueberraschung, den Sohn hier zu finden, und als wenn der Kammerherr hier aus freien Stücken lebte. Dieser ging auch auf den Spass ein. Der Vater tändelte mit dem Sohn, wie mit einem Hunde, den man zum Wedeln und Springen reizen will. Und im haus wurde es nun ängstlich stiller; die Furcht des Sohnes vor dem Vater war die des Tieres. Man behauptete, dass der Kronsyndikus von Wittekind-Neuhof trotz seiner Jahre noch im stand war, den baumstarken, jüngern Mann niederzuwerfen und ihn auch schon oft mit beiden Händen eine Viertelstunde lang auf der Erde gehalten hatte Auge in Auge, Mund gegen Mund den Trotz desselben bändigend.

Mit einem kurz zusammengeschleiften, liebkosenden Hui-hu! Hui-hu! Hui-hu! trat der Kronsyndikus ins Haus.

Die Verständigung im Erdgeschoss, die Begrüssungen und Auseinandersetzungen hörte Lucinde nicht. Aber das vernahm sie, dass es nicht sanft herging, dass die Kinder, der Pfarrer, die mutige Frau Pfarrerin wie immer tätig sein mussten, die Vermittler und Beruhiger zu machen. Zuletzt kam der Diener des Kammerherrn, mit dem Lucinde schon lange conspirirte, auf den Zehen zu ihr geschlichen und teilte ihr flüsternd mit, dass es sich um die Abreise des Kammerherrn, seine alte doch noch beschlossene Vermählung mit einem Freifräulein handelte, aber auch von seiner Weigerung und dem unwiderruflichen Entschluss, nur Lucinden zu seiner Gemahlin zu erheben ...

An dem wilden lachen des Vaters, das dann und wann heraufschallte, merkte man den Eindruck dieser Eröffnungen des Kammerherrn, der immer stiller wurde und zuletzt sogar in das gewöhnliche Schlussstadium seiner Wutanfälle fiel, in ein an diesem starken und mächtigen mann ganz besonders schreckhaftes feiges Verzagen, das sich bis zum Weinen und lauten Wehklagen steigern konnte.

Wie dies stossweise Schluchzen schon vernehmbar wurde, hörte man von unten heraufkommen. Fort! rief Lucinde dem Diener zu und stand auf dem Sprunge, die Tür zu schliessen. Der Diener ging und tat, als wär' er im Begriff gewesen eben auf den Boden zu steigen. Die Pfarrerin aber war's, die kam. Sie klopfte leise an und bat Lucinden mit weicher stimme herunterzukommen, der Vater wünschte sie zu sehen. Er kann heraufkommen! antwortete sie in beklommener Angst. Ich bitte Sie, fräulein Schwarz! sagte die Frau und drängte. Nein! Nein! Ich komme nicht! Damit verschloss sie auch noch ihre Tür. Verriegelt hatte sie sie gleich beim ersten Hineinschlüpfen. Nach einer Weile, während die Pfarrerin seufzend gegangen war, hörte Lucinde den schweren, sporenklirrenden Tritt eines Mannes auf der Stiege. Eines der Kinder zeigte ihm den Weg; und bald hörte sie ein klopfen, das unfehlbar mit keinem menschlichen Finger, sondern mit dem Knopfe der Reitpeitsche erfolgte. Zitternd stand sie und wagte nicht zu öffnen. Als das klopfen mit einigen freundlichen Worten wiederholt wurde, öffnete sie und musste staunen, den Kronsyndikus ohne Stock oder Reitpeitsche zu sehen; wirklich waren es nur seine Finger gewesen, die geklopft hatten.

Die grosse Gestalt trat ein.

Auffallend war die Aehnlichkeit mit dem Sohne, nur hatten Wuchs und Kopf nichts Gedunsenes wie bei diesem. Wettergebräunt, mit leisen Pockennarben überlaufen und hier und da mit Warzen besetzt war das Antlitz; rote Flecken um die stumpfe Nase und die knochigen Wangen verrieten die Liebe zum Wein; die dicken Augenbrauen waren gelbweiss, die Haare noch stark und von gleicher gelbweisser Farbe. Man sah das Bild eines auf seinen Namen, seinen Rang, seine Verbindungen, vielleicht auch auf seine eigenen Meinungen und Entschliessungen sich mit unerschrockener Festigkeit stützenden Adeligen, das Bild eines Mannes, den Widerspruch erbitterte.

Lucinde hatte aber kaum einige Worte von ihm gehört, so bemerkte ihre Klugheit auch sogleich, dass diese Art Menschen dann ungefährlich, ja sogar zuvorkommend und liebenswürdig werden kann, wenn man allen ihren Gedanken nachgiebig folgt und sie ganz für etwas ebenso Grosses und Vorzügliches nimmt, als wofür sie gehalten sein will ...

Auf die ersten von ihm statt drohend sogar im Gegenteil schmeichelnd ausgesprochenen Begrüssungen des schönen Mädchens, auf seine Versuche zur Courtoisie und sogar eine Befangenheit, die von Lucindens Erscheinung geblendet war, gewann sie bald den Mut, seinen Worten Stand zu halten.

Sie war in der gewählten Tracht, die der Kammerherr, der sie noch nie unzart berührt hatte, und sie nur anschauend und bewundernd liebte, an ihr besonders gern hatte. Sie trug ein schwarzseidenes Kleid, hatte in ihr geflochtenes, offenes Haar einige bunte Bandschleifen gesteckt, die ihr weit bis in den Nacken hingen, und benahm sich mit der ihr eigenen und, wie alle, die sie