dem bankrotten Rentier und seiner neuen Gattin, dem weiblichen Vidocq, zu den Ladies, die die Töchter eines Porterbierbrauers in London waren, kam Nikolaus Carstens, seinerseits höchst unschuldigerweise hier ein grosser Exporteur genannt, teilweise jedoch mit grösserm Rechte als Münzenkenner und halber Gelehrter gefeiert. Er bedurfte der ganzen Würde, die ihm seine weisse, grosse, in der Hitze nicht eben kühlende Halsbinde gab, um die Aeusserungen seiner Schwestern über eine gewisse von ihnen bewohnte Villa vor dem Dammtorwalle mit Besonnenheit zu unterstützen.
Wir bedauern nicht verweilen zu dürfen bei der Anmut der Wirtin, die ganz wie ein verkörperter Tropfen vom heutigen Frühtau noch nachblinkte. Sie einen Diamanten zu nennen, deren sie einige Dutzende auf Brust und Händen trug, wäre zu kalt von uns. Sie ist das Leben selbst, der Frühling, der lachende, die Sonne, die glühende. Wie ist das im Glück geboren und erzogen! Sie hat soeben bei dem Wandeln hinaus auf den nun heute zu ihrer kindlichsten Freude erworbenen halbwüsten Acker und Weinberg, dessen Höhe jedoch das schönste Panorama bot, eines der kostbaren Bänder, die sie auf dem schönsten arme von der Welt trug, verloren – Moritz tadelte gleich, dass sie deren zu viel trug und nannte es ein gefährliches Unterbinden der Pulsadern – beim Zeigen und Bewundernlassen dieser Armringe war einer von ihnen verloren gegangen ... eben kam der Verlust zur Sprache ... eben bei der Debatte über das verhältnis irgendeines neuen wiener Componisten zu Beetoven, einer Zusammenstellung, über deren Ketzerei Meta Carstens vor Aufregung fast plattdeutsch sprach und dabei Brillanten und Rheinkiesel in geistvolle Vergleichung brachte ... Nun allgemeine Bewegung; aber die junge Frau sagt: Bitte! bitte! Lassen Sie doch nur! ... Die Bediente springen ... Terschka ist schon überall ... Bernhard bittet um alles in der Welt, den Fall leicht zu nehmen ... Bettina nimmt den Fall wirklich schon leicht ... Man kehrt unverrichteter Sache zurück, das Armband ist nicht zu finden ... Und jetzt kommt es erst heraus, dass es das schönste war, dasselbe, das Frau von Gutmann so lange bewundert hatte ... Moritz fixirt Herrn von Binnental ... aber ein Graf Dammhirsch – wirklich das einer von sechzehn Ahnen, aber bloss Traineur und Besitzer von zwei alten magern, schnellfüssigen, ihn ernährenden Stuten – verbürgt die Ehrlichkeit der Gegend ... Doch die Masse der Spazierfahrer und Ueberlandgänger! ... Enfin tranchons le mot! ruft Bernhard. Tranchons le rostbeaf! sagt Moritz, mit Anspielung darauf, dass man auch allenfalls Hunger haben könnte ... Das Ding kostete mindestens sechzig Friedrichsdor! flüsterte er; aber Bettina sprach schon wieder von Musik und verteidigte den neuen Componisten und bewunderte Talberg's Tremolo.
Die Stimmung war allerdings ein wenig gedrückter geworden und nur die Naivetät der Engländerinnen belebte sie wieder durch ihr Entzücken über die Gegend.
Bernhard sah sich nun nach Seligmann um, den er aus dem Garten verwiesen hatte, ja sogar von der Eingangspforte der Villa weg, wo der gute Vetter sich nützlich zu machen den Einfall bekam und den Schlag der Wägen öffnete, wenn die Bediente nicht sogleich zugegen waren. Jetzt hätte der nach dem Armband suchen können. Er bereute fast, vor einer Viertelstunde zu ihm gesagt zu haben: Seligmann! Ich werde Ihnen doch einen Hut mit Tressen geben, ein Bandelier und einen Stock, wenn Sie durchaus hier den Portier machen wollen!
Man konnte nicht leugnen, Seligmann trug die Farbe seines Stammes in seltener Treue. Dazu kam seine unendliche Glückseligkeit, die unverkennbare, fast verwandtschaftliche Freude, andere im Augenblicke gleichfalls so glückliche Menschen hier begrüssen und aus dem Wagen helfen zu können mit seinen allerdings schon etwas von der Hitze stark mitgenommenen gelbseidenen Handschuhen.
Indessen hatte er sein Vergehen vollständig eingesehen und da die gute Regine mit der Unterstützung des Koches noch ausschliesslich zu tun hatte und ihm selbst der Duft von speisen, die ihm noch so lange vorentalten bleiben sollten, doch ein zu lebhaftes Andringen zu seinen Geruchsorganen verursachte, so zog er es vor, einstweilen noch und da leichte Wolken die heisse Sonne zu bedecken anfingen, die Villa zu verlassen und noch ein wenig auf Drusenheim zuzuspazieren, zu sehen vielleicht, ob Stephan Lengenich bei seinem Bruder Speck, Klösse und Birnen ass.
Eben das eiserne Torgatter der Besitzung auf das sanfteste zurücklehnend hörte er Säbelklappern und traute seinen Augen nicht, den Major Schulzendorf mit seinem Wachtmeister Grützmacher aus Kocher am Fall dahertraben zu sehen ... Ja, sie waren es! ... Wie die Rosse dampften! ... Wie die Schnurrbärte der Reiter vom Kalkstaub der Landstrasse so marsch- und manövermässig gefärbt waren! .. Der Gruss der Nachbarn aus Kocher am Fall tat ihm so wohl, wie wenn sie ihm Grüsse von der Hasen-Jette und vom David mitbrächten.
Ei, Seligmann! Schlag, wie kommen denn Sie hierher? rief ebenso erheitert Major Schulzendorf und ritt etwas langsamer.
Ja, aber Sie, Herr Major? Von drüben? zwölf Stunden weit?
Dienstgeschäfte! ...
Bedeutungsvolle Pause ...
Grützmacher spricht natürlich kein Wort, wenn der Chef redet ...
Dieser wollte weiter ...
Apropos! hielt er plötzlich sein Ross an. Seligmann! Wissen Sie hier keine Pferde?
Herr Major, wollen Sie wechseln?
Wechseln! Kaufen! Kaufen!
Seligmann besann sich ... Vielleicht war ein Geschäft zu machen.
Der Major drängte .