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alle Eigentümlichkeiten der Weinreisenden. Er konnte mitten in eine Phrase über die von Terschka angeregte Schönheit der alten belgischen Bauten eine Zwischenrede mit der Wendung einwerfen: "Meine gnädigste Frau, dieses weniger!" Oder Frau Bettina, wie sie statt Betty dem seit einigen Jahren erschienenen Briefwechsel Goete's mit dem kind zu Liebe genannt wurde, ungeduldig über die draussen gefesselten Gäste, wollte einen Schmetterling haschen. Es mislang ihr und Baron Binnental nannte diese kleine graziöse Unterbrechung, die der schönen Frau allerliebst stand: "Eine verfehlte Speculation!" Als er einige male, wetteifernd mit dem immer gefallsamen Terschka, der aus dem: "Küss' die Hand!" gegen Frau Bettina nicht herauskam, von "schiefgewickelten" Ideen sprach, erregten diese Ausdrücke wohl bei beiden grosses Gelächter, Moritz jedoch hatte auf der Lippe, seinen Bruder Bernhard zu fragen, ob dieser in dem Eifer nach Vornehmheit vergessen hätte, sich den Pass des Herrn von Binnental zeigen zu lassen.

Und dabei bekam Moritz wahrhaft Mitleid mit dem armen Seligmann, der sich hinter den äussersten Stachelbeerhecken versteckte und je mehr Menschen kamen, ganz gegen das Naturell seines Stammes, desto weiter sich zurückzog.

Immer grösser und grösser wuchs die Zahl der Connexionen. Nun sah man, dass man in Homburg und Baden-Baden die Liebenswürdigkeit selbst gewesen war. Jeder, der auf seiner Rückreise den schönen Strom berührte, war aufmerksam gemacht worden, die Villa im Enneper Tale zu besuchen ...

So auch ein Herr von Gutmann mit Gattin ...

So auch zwei englische Ladies, die mit Ponies an fuhren und mit Mappen kamen, um nach Tisch vielleicht noch die Gegend aufzunehmen ...

So auch ein grosser "Exporteur in Landesproducten" aus Hamburg mit zwei Schwestern ...

Bernhard geriet in eine gegen seine sonstige blasirte Haltung immer mehr zunehmende Aufregung. In dieser gab er sogar den Bedienten den Befehl, den so "lauernd schleichenden" Seligmann ganz aus dem Garten zu verweisen.

Moritz machte zu alledem den Beobachter und bemerkte bereits Manches.

Z.B. als das von Gutmann'sche Ehepaar in den Garten getreten war ...

Herr von Binnental entfaltete gerade ein Brillantfeuerwerk von "famosen" oder "schaurigen" Tatsachen aus dem Badeleben Ostendes und Scheveningens und hatte auf die Frage des Herrn von Terschka, ob Herr von Binnental auch ein Schwimmer wäre, wieder die geistreiche Antwort gegeben: "Dieses weniger!" – als seine Blicke des Herrn von Gutmann ansichtig wurden und vom Momente an verstummte Herr von Binnental. Moritz konnte diese auffallende Beobachtung um so mehr machen, als ihn Frau von Gutmann interessirte; eine seine graziöse Erscheinung war es, nicht mehr ganz jung, aber von gefälligem Eindruck und einem ohne Zweifel im Salon gebildeten Benehmen. Als sie selbst mit einem jener Misverständnisse, die in Gesellschaft mit neuen Bekanntschaften oft vorkommen, sich selbst in ein längeres Gespräch mit Herrn von Binnental eingelassen hatte und erst allmählich erkannte, dass sie sich an ihr ebenbürtigere Persönlichkeiten hätte wenden müssen, stand doch Herr von Gutmann lange genug allein, um über den Eindruck, den auch ihm Herr von Binnental zu machen schien, von Moritz beobachtet zu werden. Dies schien der Eindruck des höchsten Erstaunens zu sein. Offen sprach Herr von Gutmann zu Moritz seine feste überzeugung aus, in jenem jungen mann einen gewissen Oskar Binder wiederzuerkennen, derNun freilich nahm er Anstand, die Antecedentien eines Mannes offen anzugeben, der hier in solchem Kreise bei Rittern der Ehrenlegion verweilen konnte und von Pferden, Hunden und von Güterankäufen sprach. Dass auch ihm der Makel anklebte, auf eine nicht besonders motivirte Weise Bankrott gemacht zu haben und mit der geschiedenen Frau eines angesehenen Mannes, gegen deren Aufführung die sprechendsten Beweise an Ort und Stelle vorlagen, sich von Weib und Kind entfernt, dann diese Frau und mit ihr den selbstgegebenen Adel geheiratet zu haben, um ein speculatives Leben in den Bädern zu führendas war allein der Anstand, der Herrn von Gutmann verhinderte, offener mit der Wiedererkennung seines frühern Commis hervorzutreten. Seine Frau führte mit diesem gerade eine liebenswürdige und höchst charmante Causerie, ganz noch als wenn sie in seinem Bazar stünde und unter Scherz und Bewunderung der vorgelegten Stoffe, sicher nur infolge angeborener Kleptomanie, ein Packet Spitzen escamotirte. Moritz bemerkte den Schrecken, der auf den Gesichtszügen des Herrn von Binnental immermehr platzzugreifen anfing ...

Diese so interessanten Bekanntschaften wuchsen immermehr ...

Bernhard's neue Existenz strahlte im Lichte der edelsten Gastlichkeit. Man hatte im ersten flüggen Drange des Bestrebens, ein Haus zu machen, jeder persönlichen Berührung, selbst einer Frage am Cursaal zu Baden-Baden, ob diese oder jene Pièce nicht von Beetoven wäre? und der Antwort der Nachbarin (zufällig Meta Carstens, die mit Bruder und Schwester ihre zweijährliche Ferienreise machte): "Jewoll!1) Die C-Moll-Symphonie!" – dann bei einer Kritik des Fünf-Uhr-Diners (hamburger beibehaltene alte Gewohnheit) und der Bewunderung der aufgetragen gewesenen Erbsen (die sie rühmende war Sophie Carstens) eine Ausdehnung zur Einladung, auf der Rückreise das Enneper Tal zu besuchen, gegeben. Frau Bettina liebte die natur, die Musik, die schönen Künste und sogar die Freundschaften noch ebenso, wie Bernhard bereits nur noch die Livreen, die Pferde, die Hunde und die grossen Namen liebte. Nach den Honigmonaten klärt sich das. Jetzt ist die Gärung noch etwas bunt. Zu dem Commis mit fünf Jahren Correction, zu