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Hand reichte, gleichsam eine ewige Freundschaft mit ihm schloss, sich freute, ihn persönlich kennen gelernt zu haben, seine kostbare Einrichtung bewunderte, einige Bilder betrachtete, nach dem Preise der Rahmen fragte, dreimal den Hut suchte, während er ihn doch schon in der Hand hatte, und nicht fortkonnte ...

Seligmann unterstützte ihn in diesem Laviren ... Denn Eines war höchst sonderbar. Der Vetter machte keine Miene, sich zu erinnern, dass er heute bei ihm speisen sollte ...

Schon rief Bernhard Fuld: Jean! und der Bediente kam und half ihm bei Abschluss der Toilette ...

Stephan Lengenich bewunderte noch immer einige Porträts und verglich bei einer der ringsum aufgehängten Damen die Augen mit denen Veilchen Igelsheimer's ...

Excuse! sagte Bernhard ärgerlich und zog ohne weiteres den Schlafrock aus ...

Aber kein Wort vom Diner?!

Nein, sehen Sie, Herr Seligmann, diese weissen hände mit den Ringen! .. Dort!

Bitte recht sehr! bemerkte Bernhard immer verdriesslicher und doppelsinniger und liess seine weiten roten Beinkleider sinken, um ganz enge schwarze anzuziehen ...

Und nichts vom Diner!?

Stephan Lengenich besann sich jetzt, was der Anstand erforderte. Der Mann war er nicht, der nicht verstanden hätte, mit den Grossen umzugehen, mit feinen, gebildeten Herren wie Schnuphase, mit Secretären des Kirchenfürsten und ähnlichen Lebensstellungen ... Jetzt empfahl er sich und verwechselte nur noch die Türen ...

Da, da, lieber Mann! zeigte Fuld und er war dabei auf der Folter ...

Aber nichts vom Diner?! .. Löb Seligmann steht wie angewurzelt ...

Ja aber, was wollen S i e denn noch? fuhr Bernhard Fuld jetzt auf, zornig über den kleinen Mann mit dem schwarzen Wollenkopf und hatte nicht übel Lust hinzuzusetzen: Haben Sie denn Pech an den Stiefeln? ...

Dabei zog er schon den Frack mit dem roten Band der Ehrenlegion an.

Das wurde denn nun doch dem Vetter zu viel!

Vor Stephan Lengenich, der schon draussen war, compromittirte er jetzt weder sich noch den Vetter. Mit einem Tone, der gleichfalls unerschrocken dem "Unter uns" entsprach, sagte er:

Herr Fuld! Ich wollte nur gefragt haben: Wann ist die Stunde, wo bei Ihnen gespeist wird?

Jetzt sah ihn Fuld gross an und besann sich ... Lange musste er kopfschütteln und lachen. Endlich rief er gezogenen Tones:

Schlemihl! ... Es ist ja wahr! ... Wissen Sie was? Gehen Sie in die Küche, Seligmann! fragen Sie Reginen, wie viel Minuten vor zwei Uhr die gespickte Rehkeule irgendwo zum Anschneiden ist, dass man's nicht sieht, wenn sie auf die Tafel kommt!

Löb Seligmann hob voll Trotz das Haupt aus den Schultern und warf es mit einer gewissen schiefen Senkung wieder in den Nacken. Die Art, wie er von dannen ging, sagte geradezu: Ich denke, Sie haben sich meiner nicht zu schämen, Herr Fuld; denn es steht geschrieben: Alle Jüden sind wir geborne Prinzen.

So schritt er fort; sein Gemüt löste sich aber in Elegie auf ... Er musste gedenken: Gott, wenn du nun nach Kocher am Fall hättest schreiben müssen, du warst auf Fuld's Villa und sie hatten die Einladung vergessen! ... Dieser Gedanke goss über sein Antlitz die äusserste Wehmut ... Lengenich, der ihn draussen erwartete, begriff nicht, warum so weich die Worte von seinen bleichen Lippen kamen:

Gehen Sie jetzt, Mann! Versöhnen Sie sich mit Ihrem Bruder, der Ihr ärgster Feind gewesen! Ich bleibe auf der Villa! Sie wissen! Ich speise beimeinem Vetter!

Der Küfer war in verwandter Stimmung. Er wusste, dass im alten, Anno 30 renovirten haus der älteren eben jetzt sein Bruder Melchior mit der Familie zu Tische geht ... Er wusste, dass es heute seit einem Jahrhundert dort Klösse, gekochte Birnen und Speck gab ... So nach der Rechtfertigung des Pfarrers mit Darreichung des Handschlags vom Bruder sogleich empfangen zu werden, verlangte er nicht. Dazu war der Berg zwischen ihnen zu hoch gewesen. Aber ein kurzes: "Stephan, du bist's?" ein aufrichtiges, ehrliches, deutsches: "Ja, Melchior, ich bin's!" ein Schweigen von Seiten Melchior's und ein Deuten bloss auf den Mittagstisch und die Worte: "Willst mitalten?" ... mehr verlangte Stephan nicht ... mehr bedurft' es auch nicht zur Aussöhnung. Endlos ist das Volk in Verstandesdingen, in Herzensdingen kurz.

Seligmann aber, alle Sorgen, die sich noch an den Fund des Portefeuilles aus der Kutte des Mönches Sebastus knüpften (eines Portefeuilles, das einem mann gehörte, an dem sich rächen zu wollen auch ihm sein erstes Gelüst gewesen) abschüttelnd auf die Weisheit, hochherzige Besonnenheit und Beredsamkeit Veilchen's stieg in das Souterrain der Villa, wo neben dem französischen Koch, Herrn Jülien aus Paris, Regine waltete, die der jungen Madame Fuld ihre älteren mitgegeben hatten, um dafür zu sorgen, dass sie den Zusammenhang mit den Vorschriften des Talmud nicht zu sehr dem vornehmen Weltleben ihres Gatten opferte. Waren keine Gäste da, so hatte Regine den Oberbefehl und duldete am Kalbsbraten keine Butter, am Rehbraten keinen Rahm, nimmermehr Aale, nimmermehr die Verwechselung der Geschirre je