1858_Gutzkow_031_275.txt

recht hätte er, nach der geistlichen Schutzrede und dem feurigen Anschluss der Dorfbewohner, den Fuss in der Gemeinde behalten mögen; doch hatte er Seligmann in seinen Kellergewölben den Schwur getan, dass es rings in den Gewölben und an den Fässern widerhallte: um einen gewissen Preis wolle er das Geschäft zu stand kommen lassen, einen Preis, bei dessen Anblick es ihm gewesen war, als wäre aus der Wand oder aus einem Fasse heraus auf ihn zugetreten geradezu der Bote der himmlischen Gerechtigkeit! Was Stephan da geschworen hatte, als er die Laterne in die Höhe gehoben und atemlos gesprochen: Mensch! wo hast du das her? ... als Seligmann mit der rechten Hand, während die linke das Bewusste schnell wieder verbarg, seine Vatermörder in die Höhe zupfte, weil sie in der feuchten Kellerluft ihre stärkehaltige Positur verloren ... was er geschworen, als er alles liegen liess, wie es lag, über Dauben, Setzreifen, Bandhaken, Visirstäbe, Stellzirkel hinwegtrat, die linke Hand Seligmann's ergreifen wollte, dieser aber retirirte und ihn so mit sich zog, wie er ging und stand und wie an einem Köder in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer ... was er wieder dort geschworen, als der lange, breitschultrige Mann, mit seinem geröteten Antlitz, den wackelnden Ringen in den Ohren, das knatternde Schurzfell über den Lenden, vor dem zarten, kleinen alten Mädchen stand und an seinem Schutzpatron sankt-Stephanus, dem Gesteinigten, festalten musste, um nicht im Glauben wankend zu werden vor Bewunderung einer Beredsamkeit, die ihm bewies, dass er den Fluch der ganzen Kirche auf sich laden würde, wenn er nicht dahin sich ergäbe, jenen Anblick nur vorläufig einmal gehabt zu haben, den Anblick jenes vom Jagdkleid des Kronsyndikus vom Deichgrafen im Ringen losgerissenen grünen Kragenswas er da geschworen: dem Löb Seligmann dafür zum Lohne "und bis auf weiteres" das von ihm vermittelte Geschäft des Verkaufs zu stand kommen zu lassen, das hielt er denn nun auch.

Stephan Lengenich, im geist sich bis an die Spitze des Geierfelsen hinter ihm hinaufgipfelnd und das ganze Enneper Tal zum Schemel seiner Füsse nehmend, kam näher ...

Seligmann rief ihn von der Terrasse grüssend an ... Lengenich zog den Hutlässig wie ein Fürst.

Bernhard erklärte sich bereit zum sofortigen Abschluss und zur Ausstellung einer Anweisung auf sein Comptoir in der Stadt.

Fuld's kurze und geschäftliche Begrüssung des inzwischen auf die Veranda eingetretenen Handwerkers war diesem wenig genehm; denn wenn Leute aus dem volk etwas ihnen Wichtiges unternehmen, so wollen sie es mit einem entsprechenden Umstand vollzogen sehen. Ehe aber Stephan nur erst die Anrede gemacht hatte: Lieber Herr! war Bernhard schon mitten in dem Gegenstand. Und ehe jener nur erst sein: Lieber Herr! wiederholt, dann von seiner Geburt her "in dem haus da drüben hinter den Wallnussbäumen am dritten Fenster rechts Eintausendsiebenhundertunddreiundneunzig" begonnen hatte, da bezweifelte Bernhard schon wieder Stephan Lengenich's wirkliche Absicht, bei neunhundert Talern stehen zu bleiben und nicht auf Billigeres zurückzugehen. Und wie der Küfer nun gar erst von dieser Seitenschwenkung, die er jedoch schon rascher parirte, im Context irre wurde und zu seiner Wanderschaft übersprang als Gesell und von den fünf Groschen sprach, die er manchmal nicht in der tasche gehabt hätte, und dann der Weg bis zu dem Düsternbrook bei Schloss Neuhof noch in unendlichster Perspective lag, da waren alle drei schon aus der Veranda einige Stufen, über welche eben im seidenen, duftenden Kleide dahinrauschend ein allerliebstes kleines Frauchen mit einem grossen weissen Spitzenteller auf dem rabenschwarzen Haare ihnen begegnete, in Bernhard's Arbeitszimmer angekommen und hatte dieser schon eine Feder in der Hand und setzte eine Verständigung auf, die Lengenich unterschreiben sollte ... Jetzt war zwar in der Pracht und Eleganz der Umgebung die Biographie des Küfers vollends verschüttet, doch hatte er für sein umständliches Gemüt nun einen Vorsprung gewonnen. Er sollte etwas unterschreiben! Da lag ein Bogen Papier, unter den er seinen Namen setzen sollte, während ein andrer darauf warten muss! Das ist ein grosses Privilegium! Da kann ein jeder sicher sein, ob er nun Napoleon oder Alexander der Grosse heisst, dass er ruhig zuhören muss, wenn sein Wirt beim Schliessen eines Mietcontractes die Pause benutzt und die gegenwärtige Höhe der Steuern auseinandersetzt! Lengenich las jede Zeile mit Aufmerksamkeit und ihm störte nicht das heitere lachen der kleinen Frau und ihr Scherzen draussen mit Wenzel von Terschka, ihn störte nicht, dass Bernhard Fuld noch gar nicht einmal angekleidet war. Der Preis war noch offen gelassen, in Erwartung, Lengenich würde sich vor Seligmann in der unter ihnen abgemachten Summe verraten.

Wirklich Siebenhundert? sagte Bernhard. Haben Sie sich nicht verschwören müssen, Herr Lengenich?

Siebenhundert?

Seligmann trommelte auf die Fensterscheiben. Die berühmte Auctionsarie aus der "Weissen Dame" bekam er in seine beleidigten Finger.

Inzwischen hörte man leichtes Fuhrwerk im Kieselsande anfahrenbald war es zwölf Uhrvor Tisch war noch manche Anordnung zu treffen ...

Bernhard sagte:

Ich stelle also eine Anweisung aufachtundert Taler.

Seligmann trommelte und pfiff sogar leise die Verzweiflung des Schlossverwalters aus der "Weissen Dame" ...

Na, richtig, neunhundert! sagte endlich Fuld ärgerlich, nur um zum Ziele zu kommen und auch erschrekkend über den immermehr zurückhufenden und sich purpurn überfärbenden Küfer ...

Als er geschrieben, musste er dann auch zur Strafe noch aushalten, dass Stephan Lengenich ihm die