1858_Gutzkow_031_274.txt

Cigarre auf jede Aeusserung desselben mit der liebenswürdigsten Selbstentäusserung ein: "Ah!" – "In der Tat!" – "Meinen Sie wirklich?" – Mit diesen Zwischenreden folgte er allen Ansichten, die Bernhard Fuld über die grosse Erbschaft aussprach, die demnächst der Auftraggeber Terschka's, Graf Hugo, antreten wollte. Immer wieder kehrte das ihm sicher hochwichtige Gespräch auf Harmlosigkeiten zurück, auf die Gegend, auf das Stift Lindenwert, auf die Pferde seines Wirts, auf die Preise des Heus und der Fourrage in hiesiger Gegend, auf das erst neuerdings eröffnete Bad zu Homburg, wo Bernhard Fuld mit seiner jungen Frau vor wenig Wochen die erste Saison durchgemacht und zu erzählen wusste von einer Jagdpartie der Spielpächter im Costüm der zeiten Ludwig's XIII. und einer andern im Geschmack rotgekleideter englischer Fuchspreller. Bei der geschickten Art, wie sich Wenzel von Terschka zu unterhalten wusste, lenkte er das Gespräch immer wieder auf den Beistand ein, den für seine grosse Erbschaft und vielleicht die zweckmässigste Entäusserung derselben Graf Hugo in dem Fuld'schen haus zu finden hoffte.

Bernhard, der ohne seinen erst aus der Stadt noch erwarteten, sicher zum Diner kommenden Bruder Moritz nichts Geschäftliches unternahm oder zusicherte, nicht einmal eingehend etwas erörterte, war schon mit der gleichgültigen Bemerkung hervorgetreten, dass vielleicht eine Parcellirungdas Rentabelste wäre und sich dann zu einer Recognoscirung des Terrains niemand besser eignen würde, alspar exempleein erfahrner Landwirt und Gütermakler Namens Löb Seligmann ...

Und gerade in diesem Augenblick wurde Löb Seligmann von einem eben in seiner Toilette fertig gewordenen, in schöner, bunter Livree auftretenden Bedienten angemeldet.

Terschka, der alles nur leicht zu nehmen schien, doch den Namen des Agenten sogleich zweimal sich nennen liess, setzte bei seinem Wirt Privatgeschäfte voraus und ging auf sein Zimmer. Er besass die Klugheit, die Dringlichkeit seines Anliegens mit nichts zu verraten, sondern die Geschäftswelt an sich herankommen zu lassen. Fast könnte es scheinen, als hätte dies für sein lebhaftes Naturell keine kleine Aufgabe sein müssen.

Mit seinen hellgelben, seidenen Handschuhen steht nun der glückliche zu Tisch Geladene vor dem dem Baronisirtwerden so nahe gerückten "Vetter" Bernhard Fuld und äussert ihm durch einen trunkenen blick die schon oft ausgesprochene Bewunderung seiner reizenden Besitzung.

Bernhard Fuld hatte die Gewohnheit, beim "Unter uns" nicht die vornehme Reserve zu beobachten, die ihm sonst eigen war ...

Graf Rudolf in der "Nachtwandlerin" singt, auf die schöne Gegend blickend: "Hier das Bächlein, dort die Mühle!" – und ebenso verklärt schaute Löb Seligmann rundum ...

Bringen Sie die Quittung über diewie viel Taler waren es –? fragte Bernhard.

Herr Fuld, Sie werden doch sagen, dass ich meine Sache gut gemacht habe! begann Seligmann. Sie sollen sich bauen auf den Berg den schönsten Pavillon und eine Treppe hinauf mit so viel Stufen, als ich Ihnen Jahre zu leben wünsche! Hundert Stufen sind mir nicht genug, Herr Fuld!

Wer sagt Ihnen, dass ich einen Pavillon bauen will mit Stufen? erwiderte Fuld und fand sich schnell in die so höchst angenehme Nachricht. Ich will nur einen Weinberg haben und mein eigenes Getränk auf den Tisch, Drusenheimer Ausbruch! Denken Sie, die Papiere stehen so, dass ich alle Tage Champagner trinken kann?

Champagner! ... Seligmann ahnte eine bedeutsame Anspielung auf das heutige Diner, liess seine gelbseidnen Handschuhe nicht wenig in der Sonne spielen und verzichtete still für sich auf Champagner, befriedigt vollkommen von gewöhnlichemJohannisberger Cabinet oder ähnlichen Mittelsorten

Wie ist denn diese plötzliche Umwandelung des verrückten Küfers gekommen? fragte Fuld, aufblinzelnd zu seiner vielleicht schon oben lauschenden Gattin.

Seligmann zuckte die Achseln, holte einen tiefen Seufzer und erwiderte:

Herr Fuld, das ist ein Roman! Wenn ich's erzählte, Sie würden es nicht glauben!

Bernhard Fuld hatte noch mit seiner Toilette Zeit und sagte:

Erzählen Sie nur!

Löb Seligmann machte eine mysteriöse Miene.

Sie wollen mich überraschen! sagte Fuld, als der Makler schwieg und setzte mit einem Tone, der selbst Scherze in der immer ihm gleichen blasirten Art aussprach, erläuternd hinzu: Wahrscheinlich, weil ich jetzt die ganze geschichte um sechshundert Taler habe!

Nein, umsonst! parodirte denn doch Löb Seligmann und nicht ohne eine gewisse Aufwallung über den Vetter, der der Mann war, solche Scherze ernst zu nehmen.

Sie haben, fuhr Fuld in der Tat fort, das Geschäft mit sechshundert Talern fertig gekriegt und wollen nun dreihundert als Courtage? Revanchiren Sie sich ein andermal!

Herr Fuld! sagte Löb zurückfahrend. Meine fünf Procent sind mir fast an Freiheit und Leben gegangen!

Mit einem halb zugedrückten Auge erwiderte Bernhard blinzelnd:

Hanswurst!

Hanswurst? Um den Küfer herumzubringen, hab' ich eine Komödie gespielt, die, wenn man die Hand umdreht, wär' ein Trauerspiel geworden und Sie wissen, Herr Fuld, ich bin für die Oper

Fuld staunte denn doch und würde auf die weitere Auslassung des Vermittlers mehr gedrängt habenschon vielleicht eines Stoffes wegen für die Unterhaltung beim Diner –, wenn dieser nicht von der Veranda aus, wo sie sich befanden, den Küfer im Sonntagsstaate daherkommen gesehen hätte, umringt von Alt und Jung, die aus dem "Hahnen" her ihn als einen jetzt erst erkannten, wahrhaft erleuchteten und ganz unglaublich wunderbaren Mann begleiteten.

Stephan Lengenich sah sich wie ein Feldherr oder ein hier enttront gewesener Monarch um. Jetzt erst