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Diese wilde Räuberoper mit ihrer rauschenden Musik, mit ihren üppigen Trinkgelagen und Tafelschwelgereien weckte ihm wieder den ganzen Humor der sonntäglichen Erwartung, den er infolge eines Streites mit Veilchen fast verloren hätte. Dieser Streit betraf einen Gegenstand, der ihn, wie wir sogleich hören werden, in die Lage versetzen konnte, sich seinem Gastgeber, Herrn Bernhard Fuld in einer Weise zu Tisch einzuführen, die diesen selbst fast dafür belohnte, so einmal seinen bescheidenen Vetter ausgezeichnet zu haben.

Auf dem Dampfschiffe hielt sich Löb mit Stephan Lengenich so herausfordernd und kühn, wie der wilde Held der gestrigen Oper. Wäre er auch beim Landen, als er inzwischen, angeregt durch die Schifferkähne, zur "Stummen von Portici" übergegangen war und nicht achtend des schmalen Steges und des Menschengedränges trällerte: "Auf, singt die Barcarole!" fast in den Fluss gefallen, so kehrte doch nach dem ersten Schrecken seine ganze Erwartungsfreudigkeit zurück. Während Lengenich zum Pfarrer ging, umkreiste er die stolze Villa seines Vetters und rüstete sich zum Eintritt.

Bernhard Fuld inzwischen finden wir in der behaglichsten Stimmung eines geschäftsfreien Sonntagsvormittags.

Jeune homme von einigen dreissig Jahren hat er seinen hie und da schon grauenden Bart mit grosser Kunst übermalt und à la mécontent geordnet. Auf seine Veranda begibt er sich in türkischem Schlafrock mit Fes auf dem haupt und ungarischem Tschibuk in der mit einem goldenen Siegelring geschmückten feinen etwas magern Hand ... Er ist nicht allein. Seine Gesellschaft ist ein gestern angekommener Gast, Baron Wenzel von Terschka, ein ihm geschäftlich Empfohlener von einem Freunde der Familie seiner Frau ... Und während diese sich noch hinter einem blumengeschmückten Fenster oben bei ihrer Toilette befindet, die heute eine neu aus Paris gekommene war, da sie ein grösseres Diner, Nachmittags grossen Kaffee hatte, ergingen sich der Wirt und Herr von Terschka (dieser schon in vollständigster Mise) in Naturbewunderung, Börsencursen, Louis Philippistischer Politik und Pferdezucht. Der neue Stall war besehen worden, Terschka's Kennerwort vernommen, Homburger und Baden-Badener Grafen und Barone, die sich vielleicht als Traineurs auszeichneten und von zwei alten magern Pferden, d.h. Wettrennern, mit denen sie Preise gewannen, lebten, waren mannichfach als Autoritäten für diese oder jene Fütterungsmetode citirt worden, kurz, man konnte sich jetzt mit Behaglichkeit dem Blumenduft und der zauberischen Aussicht hingeben in zwei allerliebst geformten gusseisernen Lehnstühlen.

Die Besitzung hatte schon beim Ankauf, wie heute auch von der Kanzel bemerkt worden, viel Geld gekostet und mehr noch hatte man in sie hineingesteckt. Das Landhaus war, wie Terschka sagte, würdig am Comersee zu stehen ... Die nahe Kirche, die ebenfalls neu, hatte dem Erbauer allerdings in erster Frühe vor seinem Schreibtisch einige "unangenehme Viertelstunden" verursacht. Sie bot nämlich die Unbequemlichkeit, dass sie nie fertig wurde. Immer noch gab es etwas zu vervollständigen an ihr und zu ergänzen. Bald fehlten noch Chor- und Beichtstühle, Schränke in der Sakristei, allerlei von jenen Mechanismen, von denen man bei Aufbewahrung der heiligen Gerätschaften, der praktikablen Benutzung z.B. nur der Leuchter als Laie kaum eine Vorstellung hat. Was hatte der israelitische Patron der Kirche des St.-Dionysius nicht schon für unheilige Sacrebleus in die Holzschnitzereien, die Vergoldungen, die Stickereien und die Gelbgiesserrechnung allein für die beiden Glocken gewettert! Wir wollen nicht wünschen, dass die mehreren Goddams, die auch heute auf die in frühester Morgenstunde schon wieder vor dem fleissigen Rechner ausgebreiteten Noten und vorzugsweise die des Gelbgiessers fielen, irgendeinen Einfluss auf die hehren Ruferinnen der Lüfte ausüben mögen. Bernhard Fuld unterwarf sogar die Inschriften der Glocken einer Kritik, denn der Bildner der Form liess sie sich buchstabenweise bezahlen und Pfarrer Engeltraut hatte grossen Wert darauf gelegt, die Worte des Psalmisten: "Wohl denen, die in deinem haus wohnen, die loben dich immerdar, Sela!" auf die grosse Glocke und die Worte des Propheten: "Wie lieblich sind auf den Bergen die Boten, die da Frieden verkündigen!" auf die kleine zu setzen. Der von ihm sogar noch beantragt gewesenen, aber von Fuld gestrichenen dritten Glocke hätte er hingehen lassen, dass sie nur einfach die Jahreszahl brachte.

Bernhard's Gast, der die Cigarren seines tschibukrauchenden Wirtes ebenso zu würdigen versteht, wie die pittoreske Lage der Veranda, ist kein Jüngling mehr und doch besitzt Herr von Terschka etwas ausserordentlich Jugendliches. Von sechsunddreissig Jahren, die man ihm nach dem untrüglichen Merkmal aller Jahre, den Runzeln, die von den Schläfen nach den Augen zulaufen, geben musste, hatte er noch ganz das Wesen eines Jünglings, jedenfalls noch immer das aus der Zeit, als er mit seinem Freunde Grafen Hugo von Salem-Camphausen unter den Offizieren zu Kiel sass, damals, als des Kronsyndikus Trauer selbst beim Weine von diesen feierlich geehrt wurde und gerade Terschka es war, der bei gelegenheit der Nase Lucindens und eines Bildes auf einem herumgereichten Armbande die Veranlassung wurde, an eine Römerin zu erinnern, über die der Kronsyndikus in jene nächtliche Aufregung geriet, die ihn seine noch lebende "zweite Frau" sehen liessund das war bereits sechs Jahre her. Schlank und behend von Gestalt, mager, wachsbleich wie ein Armenier, mit schwarzem Haar, weissen Zähnen, leidenschaftlichen schwarzen Augen, befliss sich Wenzel von Terschka völlig unbedeutend zu sein, so kindlich, so gutmütig, wie nur irgendeinem gebornen Czechen möglich. Mit Gewandteit folgte er jedem Gedanken seines Wirtes und liess sich in der Morgenunterhaltung beim Genusse seiner