allen nach der Kirchtür, wo vielleicht der "Gerechtfertigte" stand, der jeden Sonntag nach Drusenheim kam, nie aber so früh wie heute, dass er schon beim Herrn Pfarrer Empfehlungen aus den Umgebungen des Kirchenfürsten abgeben konnte und nur nach der Gewährleistung des Ortsgeistliche sich plötzlich durch irgendeine Begebenheit, vielleicht auf Löb Seligmann's feurige und sonntagsfreudige Ueberredung hin, entschloss, seinen "Blutacker" herzugeben.
Halb elf war es ... und die Kirche war nun aus ... und so heilig das Debut des Tönneschen gewesen war, dem Gebrauche, dann auf einen Trunk Drusenheimer, womit keineswegs das alldortige wasser gemeint war, herzhaften Bescheid zu tun, entzog man den jungen Novizen, der sich so brav und tapfer gehalten und dafür allgemein belobigt wurde, nicht im mindesten. Alles strömte ins Wirtshaus. Und mag auch die Frau Baronin von Cepeda (bekannter unter dem Namen der heiligen Terese) noch so schön und gewohntermassen geistreich und höchst vornehm gesagt haben: "Verlieren wir doch nicht die gute gelegenheit, die wir nach der heiligen Communion haben, uns Schätze zu erwerben! Nicht mit geringem bezahlt Seine göttliche Majestät die Herberge, in welcher sie eine gute Aufnahme gefunden!" – dennoch auch wohl in dem brennend heissen Hispanien, dem vaterland der liebeglühenden Terese entschuldigt man nach der Messe das Verlangen nach dem kühlen Labsal einer Posada. Die Schiffer von Lindenwert, Tönneschen's Alte und Grossalte, tranken trotz aller Warnungen der "Application" zur Osterzeit, den eben genossenen Leib des Herrn in ungestörter wirkung zu erhalten, im "Hahnen" auf des Debutanten Wohl und der halbe Ort war dabei lebendigst durcheinander und unter ihnen der "Gerechtfertigte", dem alles die Hand schüttelte, verwundert über sein Abziehen, den nunmehr niemand gekränkt haben wollte und der dann schon in der Stimmung sein durfte, Atanasiusmedaillen auszuteilen und durch bald hohe, bald seltsam tiefe Reden die Bedeutung und Wunderkraft derselben zu erläutern.
Das Pensionat machte noch einen weiter den Bergen zugewandten Spaziergang, während Angelika und Schwester Aloysia zurückblicken, um womöglich den Pfarrer zu sprechen in Angelegenheiten der wie in den Lüften schwebenden Armgart, die nun aber auch den Roland glänzen sah, so hell, so deutlich, als müsste sie jeden erkennen, der drüben aus den Fenstern desselben und etwa unter den schönen herabgelassenen, rot und grau gestreiften Markisen hervorsah.
Ja, der heutige Sonntag wird viele Menschen glücklich machen ...
Wir brauchen nur an Tiebold de Jonge, an die Partie der Freunde Piter Kattendyk's zu erinnern ...
Wir brauchen nur an Benno zu denken, der sich ihnen anzuschliessen hofft, wenn ihn eine Wanderung in die Kette der Sieben Berge, wohin ihn Nück's Aufträge verschickten (gerade des Sonntags ist der Bauer am zugänglichsten für Dinge, deren Erörterung ihn dann keine Arbeit versäumen lässt), Nachmittags und auf alle Fälle des Abends nach dem Roland wieder zurückkehren lässt ...
Aber den Hoffnungen, den Erwartungen, mit welchen schon um neun Uhr mit dem ersten Dampfboot im Enneper Tale ein gewisser Mann in schwarzem langschösigem Frack, in Nankingpantalons, in kameelgarner Weste, in hellgelbseidnen Handschuhen gelandet war, denen kommt die Erwartung keines andern gleich, selbst die seines Begleiters nicht, Stephan Lengenich, der sich heute unter gewissen Bedingungen von Drusenheim losreissen wollte.
"speisen Sie nächsten Sonntag bei mir in Drusenheim!"
Diese Worte waren auf dieser Erde am Donnerstag Vormittags elf Uhr jemanden gesprochen worden in der Residenz des Kirchenfürsten. Sie wurden dann wiederholt in den Moppes'schen Kellern, dann bei Veilchen Igelsheimer in der Rumpelgasse; sie waren hinübergeschrieben worden gegen Kocher am Fall, wo David Lippschütz mit seiner lebhaften Phantasie gewiss bereits der Mutter auseinandersetzte, was wohl alles der Onkel zu essen bekommen würde bei den reichen "Vettern", den Millionären, auf ihrem feenhaften Lustschlosse im Enneper Tale ... Löb Seligmann sang bereits seit Donnerstag keine Arie lieber, als die des Leporello im "Don Juan": "Ihr Herr Koch, der kocht ganz vortrefflich!" Selbst das Zwischenspiel der Violinen begleitete er mit den feurigst eingeworfenen Sechszehntelnoten: "Ganz vortrefflich, ganz vortrefflich, ganz vortrefflich!"
Nicht, dass er nicht allmählich einem gewissen inneren Flüstern gewisser innerer Stimmen Gehör gegeben hätte, die ihm sagten: Seligmann, bilde dir doch nichts ein! An seine eigene Tafel wird dich wahrhaftig der Ritter Bernhard Fuld nicht placiren unter die Grafen und die Barone! Du wirst lediglich in der Küche beim französischen Koch oder bei der alten Regine, die Madame Bernhard Fuld aus Wien als ortodoxe Köchin mitbekommen hat von ihren älteren, vor oder nach dem Diner abgespeist werden! Aber – der Schwung der Seele, der blieb denn doch! Man hatte ihn einer Ehre gewürdigt! Man hatte ihm erlaubnis gegeben, sich verwandtschaftlicher Annäherungen zu rühmen! Man hatte nicht hindern können, dass von Donnerstag bis zum Sonntag jeder, der geschäftlich oder nichtgeschäftlich einige Worte mit Löb Seligmann wechselte, von ihm die nur so fallen gelassenen Worte zu hören bekam: "nächsten Sonntag, ja – richtig – aha, Sonntag, ganz recht, wo ich bei Fulds in Drusenheim speisen werde –." Nie wurde dann den Staunenden, die das Fallengelassene überrascht aufhoben, eine Genealogie gründlicher vorgetragen, als die Abstammung und Verwandtschaft, in welcher seit Abraham, Isaak und Jakob die Seligmanns, die Lippschützens, die Igelsheimers und die Perls zu den Fulds standen.
Am Samstag sah Löb Seligmann im Stadtteater noch den "Zampa".