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auch viermal des Jahres im Menschen ein echtes und rechtes Kirchweihfest müsste gehalten werden, nicht etwa nur zu Ostern, wo "ihr glaubt, euch für ein ganzes Jahr reinigen zu müssen, sowie die Schwelger, die Ueppigen und Reichen alle Jahre einmal ins Bad reisen und sich ihren sterblichen Leib reinfegen vom Schlamm ihrer Sünden"! "Das wird dann", fuhr er fort, "jährlich auch so ein Kirchweihfest, wie ihr's allüblich zu feiern pflegt mit Essen, Trinken, Jubeln, Fluchen, Würfelspielen, Tanzen, Todtschlagen der Zeit und allen denen Sünden, die ihr dann voll Verzweiflung angerennt kommt im Beichtstuhl loszuwerden, wo sich oft das tote Holz erbarmen möchte über den Kummer, den ihr euerm grundgütigen himmlischen Vater und unserer gnadenreichen Mutter bereitet! –" Doch sagen wir nur, er fegte die Herzen, wie man soll, nicht mit Staubwedeln, sondern mit Besemen. Und manches sprach er wie Beda Hunnius geradezu in eine Ecke hinein oder auf einen Pfeiler, wo der stand oder die sass oder wem es sonst, ohne darum die beichte zu verletzen, persönlich zu Nutze kommen konnte.

Wie der dabei von Hunnius sich nur durch den Mangel an Eitelkeit und an teils forcirtem, teils natürlichem Cynismus unterscheidende treffliche Redner zuletzt von diesem unendlich süssen Gnadenzustande, von einer wahren Liebeswonne im Bunde mit dem Gekreuzigten, von der sogenannten Rechtfertigung durch den Glauben sprach, da kamen ihm die folgenden sonderbaren und für die ganze Gemeinde höchst überraschenden Worte:

Was ist das nun? Gerechtfertigt sein durch den Glauben! Ich will es euch sagen. Sehet euch um! Hier in dieser Kirche! In eurem Kreise weilt ein nur auf E r d e n Gerechtfertigter! Ein Kind dieser Gemeinde, dem hier der Weg der Gnadenmittel von früher Jugend gezeigt wurde, setzte einst mein Herz in Trauer und euch alle in Bestürzung, als man vor Jahren von ihm hören musste, seine Hand wäre ruchlos genug gewesen und hätte sich in ferner Gegend, wo er weilte, gegen das Leben eines seiner Mitmenschen erhoben und ihn getödtet! Ein Jahr lag er, da alle Anzeigen eines Mordes gegen ihn sprachen, in Ketten und Banden, bis seine Unschuld erkannt wurde und er im lichten Gewande der Gerechtigkeit aus seinem Kerker hervortreten konnte! Voll Scham und Schmerz kam er damals über Nacht zu mir, dem Seelsorger seiner schon reiferen Jahre, und weinte seine bekümmerte Seele aus! Er mochte nicht bleiben in dem Ort, wo das Mistrauen ihn dennoch verfolgte, wo sogar ein Bruder ihm den treuen Handschlag der Liebe versagte! Durch meine Hand ging der kaum zu nennende Ertrag seines kleinen väterlichen Erbes; nun ist der brave Herr, der diese Gemeindemarkungen hier ringsum an sich gekauft hat, – zu hohen Preisen, weil unsere Gegend ihren Wert hat, doch auch Männer, ehrenwerte Männer, die diesen Wert zu schätzen wissen, – (in der Kirche war wohl nicht einer, der diese Captatio benevolentiae zu Gunsten der neuen Gutsherrschaft ganz so zu würdigen verstand, wie es das Verfahren des klugen Geistlichen verdiente), aber ich sage euch, nun ist der Antrag gekommen, sein Erbe mit den Besitzungen der herrschaft des Ortes zu vereinigen, und vielleicht zur Erhebung des Kaufschillings befindet er sich heute in dem Orte seiner Geburt! Nicht, dass ihr glauben sollt, er wiche vor euch! Nicht, dass eure Zunge sich unterstünde, zu sagen, sein Fuss wäre hier endlich dennoch wankend geworden! Ruchlose Anschuldigung, dass euer jetzt ausscheidender Mitbürger den Vater jenes frommen Mönches erschlagen hätte, der im Gewand der Ordensregeln St.-Francisci schon zu öftern malen in diesen Markungen begrüsst worden ist. Seht euch die Glorie eines Gerechtfertigten an! Das ist der glückliche, frohe, von euch allen zu ehrende und mehrende und nicht länger anzuzweifelnde und bei ernster Strafe von eurer Mutter, der Kirche, zu respectirende Zustand eines vor M e n s c h e n Gerechtfertigten! Nun aber – (der Nachhall dieser Worte und das allgemeine Schauen auf den in diesem Augenblick wie mit Krone und Purpur bekleideten Stephan Lengenich bedingte ein mehrmaliges Hervorheben des Ueberganges zum Zusammenhange). Nun aber (noch murmelte alles und konnte sich nicht fassen) nun aberhört jetzt und macht ein Ende! – nun aber, wie viel grösser ist der Stolz, mit dem wir einst, durch die Fürbitte seiner Heiligen, vor den Tron des Allmächtigen werden treten können, falls wir sagen dürfen: "Herr, wir sind keineswegs Könige auf Erden gewesen, keineswegs Helden und Gewaltige der Reiche, wir haben nichts getan, was den Namen des Ausserordentlichen verdiente, a b e r – wir erfüllten deine Gebote, wir gingen die Wege, die deine heilige Kirche uns zu unserer künftigen Seligkeit gezeigt hat, n u n g i b u n s a u c h d e n L o h n , den du allen denen versprochen hast, die deinen Willen tun!"

Das war ein kräftiges, elektrisirendes Wort! So verweist ein richtiger Seelenhirt die Gläubigen an den Zahltisch Gottes! So will der Bauer dereinst mit Gott stehen, als b r ä c h t e er ihm einmal keinen Pacht, sondern holte sich welchen ...

Die Erwähnung des allbekannten Küfers Stephan Lengenich, der in der Residenz des Kirchenfürsten Meister geworden war und hier "in seinem Orte", besonders auf Anstiften eines feindlichen Bruders nicht einen Gruss bekommen konnte, liess zu keiner Sammlung mehr kommen. Auch das Institut sah mit