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sah nach Westen hinüber, dortin, wo die weiss-blauen Wassernebel noch am dichtesten schwammen. Den Roland, wo Benno vielleicht übernachtet hatte, sah man gar nicht vor dem dichten, wenn auch goldsonnigen Nebelflimmer.

Die endlich nicht mehr umgangene und nun wirklich im Zuströmen der Landleute mitbetretene Kirche war wahrhaft überfüllt. Man erkannte recht, welches Verdienst sich Bernhard Fuld erworben durch die Erbauung einer neuen. Das Pensionat der Englischen fräulein genoss aber eine Auszeichnung. Jeden Sonntag blieben ihm die vordern Stühle reservirt.

Es ging dann alles bei der Messe, wie es gehen soll und überall bei ihr geht. Vielleicht nicht ganz nach der Schnur, die die Kanoniker in Rom vor tausend Jahren gewunden haben, aber doch auch ohne besondere Verwickelung. Pfarrer Engeltraut war, wie die römischen Priester sein sollen, keine viel mit sich allein beschäftigte Persönlichkeit. Er verrichtete ein Opfer, das ganz von ihm unabhängig war. Hätte es einem strengen Kenner des Ritus auch nicht entgehen können, dass sich mancherlei Fehler einschlichen, so sah das doch so obenhin niemand von den Versammelten. War der blick, mit dem der Priester aus der Sakristei trat, gesenkt genug? War die Haltung des Körpers gerade und hübsch aufrecht? Trug der Opferer eine Brille, von der Gregor der Heilige freilich noch nichts vorzuschreiben wusste, als der sein Oremus sang, und Abraham und Melchisedek, die Voropferer der Messe, noch weniger? ... Pastor Engeltraut trug eine Brille, und sonderbar, er legte sie gerade beim Lesen ab, auf sein Taschentuch. Dann war er ganz einfach im Vortrag und ebenso einfach in der Geberde. Er machte die Kreuzeszeichen allerdings nicht, wie wenn er sie heute zum ersten male machte, aber auch nicht so, wie z.B. vornehme Damen am Weihbecken beim Betreten der Kirche, die zum Jammer frommer Seelen und wie Beda Hunnius einmal in einer seiner Predigten zum Dank der gerade damals zuhörenden Angelika und in seinem Abraham a Sancta Clara-Stil sagte: "sich beim Benetzen einen Schnörkel angewöhnt haben, als wenn unser Herr und Heiland auf irgendeiner runden Drehscheibe oder einem andern Zickzack, nur nicht an dem so tief sinnvoll von ihm gewählten Kreuze gestorben wäre." Nichts auch verwirrte er von dem, was laut und was leise zu sprechen, was zu singen oder nur zu sagen war. Auch jagte er nicht in seinen Abschnitten und ging dann nicht wieder wie eine Schnecke. Auswendig auch wusste er, was er nur zu lesen schien.

Und wenn dann irgendetwas vorhanden war, was den würdigen gang des Opfers anfangs hätte unterbrechen können, so war es freilich des Priesters Hinblick auf den heutigen Turiferar Antonius Hilgers, der nebst zwei andern Knaben zum ersten male diesem schwierigen Geschäfte des Administrirens vorstand. Aber gerade Antonius hielt sich vorzugsweise wacker zum Stolz seiner Angehörigen, zum Wohlgefallen des englischen Instituts. Wenigstens dünkte er sich ebenso kundiger Lootse durch die Untiefen und Schwierigkeiten des lateinischen Missales, wie er es unbestreitbarer durch die Strudel und Schnellen des herrlichen Stromes drüben war. Nie stand er auf der Epistelseite des Altars, der linken, wenn er auf der Evangelienseite, der rechten, stehen sollte. Mit Ruhe, ohne sich vor Angst zu übereilen, reichte er dem Priester das Gefäss mit dem Weihrauch, hielt ihm das geöffnete Turibulum dar, und wenn der Opferer Weihrauch eingelegt hatte, reichte er ihm das Gefäss, indem er es vorsichtig und behutsam mit der rechten Hand unter dem Ring, mit der linken in der Mitte der Kette anfasste. Das dabei von ihm gesprochene Latein war allerdings mehr als welsch und nicht im mindesten ciceronianisch. Doch niemand der Anwesenden, selbst der Schullehrer nicht, war im stand, die Correcteit nach Zumpt's Grammatik zu prüfen. Mit seinen stehenden Fehlernspiritus immer nach der zweiten Declination und tuus nach der viertenklang es ganz so hoch und hehr und fremdartig, wie das Volk es hören will. So wie so blieb es die richtige Sprache der Engel, die Sprache, in der Gott und seine Heiligen sich unterhalten, die Hof- und Kanzleisprache des himmels.

Als dann der Augenblick des Allerheiligsten kam, als alle dann knieeten, als alle Schauer der persönlichen Anwesenheit des Heilandes in der Wandlung durch die Gemeinde rieseltendie Kinder und alten Frauen und in grossen Kirchen eine gewaltige musikalische Note sorgen schon dafür, dass das ganz so wie in mächtigster Bezauberung hingenommen und empfunden wird, wie es Innocenz III. aller Welt und aller Zeit hinzunehmen und zu empfinden geboten hatwie dann die Erwählten und in der gestrigen beichte Bestandenen herantreten durften und von dem Gottesleibe mitgenossen, während der Priester von dem Gottesblut für alle trank, – da vergass denn auch Armgart für einige Zeit das Träumen und Sinnen und es legte sich ihr die Fülle von Sünden, die sie dem neuen westerhofer Geistlichen, Norbert Müllenhof, wer weiss in wie kurzer Zeit, oder wem sonst und in welcher Ferne würde beichten müssen, schwer aufs Herz! Sie sah, dass Zerstreuteit während des heiligen Hochamts, Abwesenheit der Gedanken beim Lesen im Brevier nicht mehr allein die nagenden Vorwürfe ihres inneren waren, mit denen sich ihr Gewissen gewöhnlich aufs allertiefste belastet fühlte.

Nach dem Hochamte hielt der Pfarrer richtig noch eine "Application". Er sprach diese von der Kanzel herab und über die bevorstehende Einweihung der neuen Kirche und äusserte im allerlöblichsten Volkston, dass auch im inneren Menschen täglich die Sakristeien Risse hätten, täglich die Glockenstühle faulten und den Regen durchliessen, ja dass mindestens