aber in grobem und seinem Holze ist eine so weit verbreitete Kunstfertigkeit des westfälischen Adels, dass Lucinde sich nicht hätte zu verwundern brauchen, neben dem Maleratelier ihres Freundes auch eine kammer anzutreffen, die zu einer vollständigen Drechslerwerkstatt eingerichtet war. Ihr aus Kirschbaumholz allerhand Büchsen und Ringe zu drehen, war selbstverständlich seine liebste Aufgabe; aber er drehte auch Bälle, Kegel, Pyramiden, konische Ausschnitte und Figuren aller Art, von denen er nicht nur matematische Auslegungen gab, sondern auch philosophische und religiöse. Oft sprach er dabei von einem in der Nähe seiner väterlichen Güter wohnenden Philosophen, der aus den einfachsten Grundbegriffen unserer matematischen Anschauungen die tiefsten Wahrheiten der Religion hergeleitet hätte.
Je geheimer diese gespräche vor dem Pfarrer geführt wurden, desto reizvoller wurden sie für einen Verstand, der sich aus den verworrenen Begriffen eines Narren manches Körnlein Vernunft entnehmen konnte. Dennoch wünschte Lucinde diese Lage geändert. Das aufsehen, das sie in der ganzen Gegend mit dem "tollen" Kammerherrn machte, war nicht gering. Auch hatte der Pfarrer erleben müssen, dass ein Brief, den Lucinde an ihre Schwester geschrieben und eine Meile weit erst von ihr auf die Post gegeben war, zurückkam, mit der vollständigen und wahren Adresse seines Schützlings, ja, dass der Meier von Eibendorf ihm Mitteilungen machte, die jetzt den Zustand, wie man Lucinden im Riedbruch gefunden, vollkommen erklärten.
Eine scheue Besorgniss des ganzen Hauses vor Lucinden hatte sich schon längst gesteigert, sie wurde zur Abneigung, als man sie bei Ueberreichung des von der Post geöffnet gewesenen und wieder von der Post verschlossenen Briefes wohl aufs äusserste über die offene Angabe ihres Namens erschrocken fand, weniger aber über den von einer ungebildeten Hand gekritzelten Zusatz: "Ist vor vier Wochen am Nervenfieber gestorben."
Der Tod ihrer Schwester Luise, einer einzigen, wie sie öfter gesagt hatte, erschütterte sie weniger als die richtige Angabe ihres Namens! Dass mit so viel Schönheit, jeweiliger Liebenswürdigkeit, immer mehr sich herausstellendem Geist und zunehmenden Kenntnissen so viel Gefühllosigkeit verbunden sein konnte, als sich jetzt erst offenbarte, nahm vorzugsweise die Pfarrerin gegen den längern Aufentalt Lucindens ein, und offen wurde dem Kronsyndikus von Wittekind nach Neuhof die Anzeige gemacht, dass sie o h n e Lucinden den Kammerherrn nicht mehr bei sich behalten k ö n n t e n , mit ihr aber länger nicht mehr mochten.
Lucinde übersah das alles. Ihrem wühlerischen Umblick entging selten etwas, während sie alles an sich zu verbergen wusste, selbst den Schreck und ihr wirkliches geheimstes Erschüttertsein durch den Tod der Schwester. Trotzig warf sie die Lippen auf und erklärte, sie ginge jeden Augenblick, wenn man's wünschte. Man irrte sich keineswegs, wenn man voraussetzte, dass sie auch vom Kammerherrn sich trennen wollte, wenn nicht eine andere Festsetzung ihres Verhältnisses zu ihm stattfände. Die Aussicht sogar, die Gattin desselben zu werden, schien ihr keineswegs zu hoch. Sie besass einmal die Formel, die diesen verdunkelten Geist einigermassen zu erhellen vermochte. Sie sagte sich, dass der vornehmen und stolzen Familie wenig daran liegen könnte, sich bei einer doch schon aufzugebenden Persönlichkeit auch noch gegen diese Ausnahme von der Regel zu stemmen. Darin irrte sie sich aber, wie sie von der hierin entscheidenden Persönlichkeit selbst erfuhr. In den ersten Tagen des April erschien der Kronsyndikus, der Vater des Kammerherrn.
9.
Freiherr von Wittekind-Neuhof, Kronsyndikus des ehemaligen Königreichs Westfalen, setzte durch seinen Namen schon das ganze Pfarrhaus in Furcht und Schrecken. Als der Kammerherr den am wirtshaus haltenden väterlichen Reisewagen gesehen, der über und über bespritzt, langsam durch die morastigen Strassen des Oertchens zog, fuhr er wie ein wildes Tier auf, das seinen Wärter am Käfig vorüberstreifen hört. Er rannte im haus hin und her, rollte die Augen, hielt den Mund geöffnet, wie in seinen Wutanfällen, packte, als wollte er sich mit seinem Teuersten schützen, seine Farben, seine Pinsel, seine philosophischen Kugeln, Kegel, Dreiecke zusammen, griff nach einem Crucifix, das er sich selbst geschnitzt und nach vielen kunstgeschichtlichen Controversen mit dem Grafen Zeesen und einem eingeholten Gutachten der Verlobten desselben, des Freifräuleins von Seefelden, selbst bemalt hatte, rief den Diener und schien sogar Lucinden vergessen zu haben. Die Kinder im haus liefen ebenfalls auf und ab. Die Pfarrerin suchte nach Lucinden, die sich versteckt auf ihrem Zimmer hielt, zugeriegelt hatte und keine Antwort gab.
Der Pfarrer griff in die Gläser der Harmonica. Der ganze alte Zustand der Wildheit schien beim Kammerherrn wieder zurückgekehrt, dieser Zustand, der seit fast einem Jahre, so oft er sich während dessen gezeigt hatte, durch einen einzigen Ruf, durch ein geträllertes Liedchen der von der Treppe herabspringenden Lucinde schon aus der Ferne sich besänftigen liess.
Die ängstlichen Kinder riefen vom Garten aus zum Fenster: fräulein! fräulein! Sie klopften, als keine Antwort kam, an die Tür. Lucinde liess nichts von sich hören. Mit ängstlicher Unruhe blieb sie in ihrem Versteck, trat leise mit den Zehen auf und hörte mit listig aus Fenster gehaltenem Ohr das Toben des Kammerherrn. Dieser entfaltete seine sonst gewohnte Art, die die eines wilden, auf der Universität alt gewordenen Burschen war, die natur eines nie anders als mit einem riesigen Neufundländer das Trottoir der Strasse beherrschenden Pauk-Senioren alten Stils – er konnte stundenlang von seinen Suiten und den Paukereien auf der Mensur und dem besten, aber verräterischen Freunde Klingsohr erzählen –; johlend rief er über den Garten, schlug die Türen,