besonderen Schutzbefohlenen (die indessen nicht mit ihr, sondern mit fünf andern in einem saal zusammenschlief) neckisch zu:
"Wer aber ungeduldig ist, offenbaret seine Torheit!"
Armgart nickte und hatte sich heute in der Tat auch zur Anerkennung dieses Spruches bekehrt.
11.
Und am folgenden Tage lag denn doch im Geschmeide der ganzen sonnenbeschienenen Gegend die Insel Lindenwert da geradezu wie ein Juwel.
Das grosse blaue Gottesauge des himmels drüberher schien an ihm selbst seine Freude zu haben. Und die schimmerndweissen Birken, die Hängeweiden, die Buchen, Akazien-, Nuss- und Kastanienbäume, die Büsche, die Pflanzen des Gartens, alles, alles hat in einer solchen Morgenfrühe des Sonntags und besonders, "wenn man etwas vorhat", ohnehin schon ein ganz anderes Aussehen als sonst. Unser Auge zieht dann schon von selbst allem Festkleider an. Die Welle plätschert an die Uferränder anders als sonst. Und schweigen auch Septembers in den Bäumen, weil sie in ihren Nestern mit ihren Jungen und mit ihren neuen Kleidern für den Winter zu tun haben, die Singvögel, so hört man doch ihr Aufflattern und ihr Aufschwirren, sieht die Spatzen in so räuberischer Tätigkeit, dass man nur zu huschen braucht und überall schiesst Diebsvolk wie mit bösem Gewissen auf, sieht goldene Käfer und summende Wespen in voller Tätigkeit, um mitzuherbsten und mitzuernten an dem reichen sonnenglänzenden Segen.
Noch aber hängen um die fernerweit liegenden Schönheiten eines solchen Sonntagsmorgens allerlei Toilettenschleier. Die hohen Berge und grünen Waldlehnen hinter ihnen putzen sich erst langsam aus dem Nebel heraus zu dem Sonntagsstaat, dessen Annäherung in aller Frühe schon und von allen Richtungen her die Glocken verkündigen. Die Geschäftsglocke der Dampfschiffe mit ihrem kurzen groben Mahnruf hat heute fast etwas Störendes; man gedenkt gleich der Ueberzahl von Städtern und Städterinnen, die nun auch bald kommen und sich oft störend genug überall hin ausbreiten werden.
Um neun Uhr schiffte die ganze Pension, neunundzwanzig junge Mädchen – eins blieb ein wenig unpässlich daheim – und vier Erzieherinnen in zwei Kähnen zur Messe nach der Drusenheimer Kirche hinüber ins Enneper Tal. Tönneschen's Vater und Mutter ruderten heute und ein anderer alter Schiffer, Tönneschen's Grossvater. Und noch ein paar Vettern, Gevattern und Kinder und Kindeskinder aus einem Halbdutzend baumversteckter Hütten der Insel begleiteten die Fahrt. Heute galt es, das Tönneschen mit dem Rauchfass zu sehen, im Beginn seiner von Michahelles eingeleiteten Carrière zum künftigen Vater der Gesellschaft Jesu. Tönneschen war schon lange voraus, um beim Messner die Toilette zu machen. Das ganze Stift fühlte den Stolz der Mutter nach, die ihre beste Haube aufhatte und mit einem Streifen so lang, so lang, dass er ihr fast über die Nase fiel.
Die jungen Pensionärinnen mit ihren goldgeschnittenen Brevieren und dem Einerlei ihrer heute am Sonntag weiss-rot oder weiss-blau gesprenkelten Kleider und den einfachen runden Strohhüten, durften nicht zu laut ihre Wonne über den Sonntag aussprechen. Es ging jetzt in die Kirche, ja, für die schon gefirmelten, an den Tisch des Herrn.
Die Glocke der alten, nächstens in Ruhestand zu versetzenden baufälligen Dorfkirche, die die Maler gut zeichnen hatten, wenn sie nur gesehen hätten, wie ihre Wände schon morsch geworden und die Sakristei bedenkliche Risse zeigte, hatte schon zweimal ihr, wie die Mädchen ihr immer nachsummten: "Ei, so komm' doch! Ei, so komm' doch!" durch die Lüfte gerufen; aber man wusste, es ging beim Pfarrer Engeltraut, der sonst ein gar trefflicher Diener Gottes war, mit seinen Messen nicht eben besonders präcis. Ausgestiegen am Ufer, konnten die Mädchen immer noch einen Rundweg machen, ehe sie zur Kirche gingen. Sie sahen in der Ferne wie dicht am Waldesrand liegend das aus gelbem Sandstein gebaute, hellleuchtende Landhaus des Bankiers, umschlossen von hohen an den Spitzen vergoldeten Eisengittern. Mehr in der Nähe lag die neue hochragende byzantinische Kirche. Alles winkte geheimnissvoll und gastlich und zu allerlei heimlichem Spass für den Nachmittag.
Nun stieg man aus ... Durch Feld und Flur, über Wiese und Stoppeln, am Hagebucheneck und die Weingärten entlang, da war's doch noch ein anderes Wandeln, als drüben auf der schönen, aber engen Insel, auf der man sich zuweilen wie ein Gefangener vorkommen konnte.
Schwester Aloysia corrigirte auch jetzt auf dem Wege zur Kirche die Subjonctifs und Angelika lehrte auch jetzt Matematik und Naturwissenschaften, denn eine sandige Stelle findet sich in der schönsten Gegend, eine Heide von zwanzig Fuss, wo eine Immortelle blühen kann oder das Blümlein Mannstreu, über das gleich ihrer sieben oder acht neugieriger Mädchen wissen wollten, woher dieser Name käme? Die Lehrerin wusste keinen Rat. Armgart kannte schon vom wald bei Westerhof den Spottnamen des kleinen zierlichen Pflänzchens und sagte:
Es ist ja Vogelfuss, Angelika!
Nun sagte diese:
Ach, Ornitopus? Hülsenblume! Geschlecht der Heuhechel!
Die jungen Mädchen lachten, als Armgart ganz treuherzig und ohne alle Anklage fortfuhr:
Mannstreu und Vogelfuss sind eins und dasselbe!
Die grösseren Mädchen deuteten sich das harmlose Wort satirisch.
Beide Englische fräulein wandten sich und geboten Ruhe und Sammlung.
Wann sprichst du den Pfarrer? flüsterte Armgart und drückte den linken Arm der Freundin an ihre Brust.
Ich sprech' ihn nicht allein! sagte diese. Die Vorsteherin wird dabei sein! Ich denke, nach der Predigt!
Heute auch noch eine Predigt!
Geduld!
Das Wort, mit dem man Armgart bereits wieder auf zehn Schritt verjagen konnte ...
Sie entschlüpfte und