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werden und wohl gar sich für unwürdig erklären, morgen in Drusenheim zur Communion zu gehendergleichen war vorgekommenbekam sie auch nicht Angst, dass dann noch obenein die Gutmütigkeit und Toleranz einer Lehrerin compromittirt werden konnte, die gegen die Englischen fräulein als Hülfsarbeiterin nur einen zweiten Rang einnahm, so lächelte sie doch und sagte:

Armgart, Armgart! Sprüche Salomonis 14, 29!

Diese Bibelstelle hatte Armgart einst von Tante Benigna in Westerhof aufbekommen, auf ein Weihtüchlein zum Kirchendienst zu sticken. "Wer aber ungeduldig ist, der offenbaret seine Torheit!" lautete sie. Die Ungeduld galt für Armgart's Erbfehler.

Sonst wäre Armgart über diese einzige Partie in der Religion, wo sie ketzerisch, ja ganz ungläubig fühlte, aufgefahren, aber wir sehen sie still, ergeben und schweigsam ...

Selbst von dem Briefe aus Kocher frägt sie nichts mehr, sondern sieht nur auf die Welle, gegen deren ganze Macht Tönneschen rudern muss ...

So kamen sieBenno war verschwundenam nördlichen Ende der Insel an.

Eine ältliche Dame, in schwarzem Kleide, mit einer weissen, mit Bandschleifen am Hals und über die Brust herab besetzten Halbtunica, ein weisses geflügeltes Häubchen auf, begrüsst sie ... Es ist Schwester Aloysia, die Vorsteherin.

Und unter ihrem "Mozzeto" zieht auch sie einen Brief hervor.

Auch er war an Angelika gerichtet und kam aus Wien und kam von Armgart's Mutter!

Ein Herr hatte ihn abgegeben, jener Fremde, der ganz nach Benno's Vermutung in den "Vier Jahreszeiten" drüben für eine Dame Zimmer bestellt hatte und wirklich von hier, wo ihn die zerstreuten Wanderer am Hüneneck nicht landen gesehen hatten, hinüber nach Drusenheim gefahren war ...

Armgart bebte zusammen ...

Es war ihr, als zitterte um sie her die ganze Welt ...

Angelika nahm, von der Vorsteherin beobachtet, den Brief und ging damit in scheinbar kalter Ruhe auf ihr Zimmer.

Armgart folgte, drängte aber nicht mehr und fragte nicht mehr. Fast war ihr wirklich wie einer Sünderin und als sie sich über die düstern Gänge in ihren Wohnsaal geschlichen, als sie mit einem tiefen Seufzer dort ihren Hut, ihren Shawl abgelegt hatte, als alle Mädchen jetzt zum einfachen nächtlichen Mahle gingen und Angelika erst kamsolange hatte sie gelesen! – als Schwester Aloysia schon vorbetete und Armgart so abwesend, so ernst dasass, da bekam Angelika wieder Angst, sie wäre wirklich im stand, alles das morgen noch in erster Frühe und vor der Communion dem Pastor Engeltraut zu beichten, was heute vorgekommen! ... Schwester Aloysia betete dabei und zwar französisch ... Sie war aus Strasburg und verband mit allem Guten und Frommen, dem hier fürs Leben der Grund gelegt wird, eine leidliche Aussprache und einen ziemlich richtigen Accent. Man hatte alles hier auf Gott, auf die heilige Jungfrau, den heiligen Joseph und die Engel und Erzengel gebaut, sogar den Subjonctiv und die schweren Beugungen der Verbes irrégulaires, den delicaten Gebrauch der Formen que vous parlassiez und que nous parlassions und die Participialconstructionen, die an dieser Sprache für jeden so fremdartig sind, der nicht wie Tönneschen Latein kann ... Und wenn Schwester Aloysia vom besten pariser Französisch dann in das beste strasburger Deutsch übersprang, war's dann freilich immer wie der Uebergang vom Rauschen eines seidenen Kleides zum Klappern von Holzschuhen, vom Gesange eines Canarienvogels zum Gekoller eines Trutahns; denn ihre strasburgisch-deutsch Muttersprache sprach sie, als wäre sie hier eigens dafür angestellt, einige Irländerinnen und Französinnen in der Anstalt vom Erlernen des Deutschen abzuschrecken. Und das zweite, vom Muttersitz der Soeurs angéliques hierher beurlaubte Englische fräulein (der der Erziehung sich widmende Orden ist nicht an strenge Clausur gebunden), Schwester Gertrudis, sorgte für Einteilung der speisen und rühmte das Wetter für den morgenden Sonntag, an den sich allgesammt die schönsten Hoffnungen knüpften.

Immer mehr brach zuletzt ein stillverhaltener jubel aus. Das Pensionat wusste von den zu erwartenden "nachgemachten Engländern", – aber darüber gab es nur Flüstern, leises Necken und Kichern, laut wurde nur besprochen eine Einladung der jungen Madame Bernhard Fuld. Die Nachbarinnen waren aufgefordert worden, morgen Nachmittag die berühmte Billa und den Garten drüben in Augenschein zu nehmen und Pastor Engeltraut hatte dazu die erlaubnis gegeben!

Armgart hörte das alles nur halb. Erst als der ger

manische Uebermut eines Teils auch dieser Jugend sich in allerlei Spott über die Besitzer von Drusenheim erging und ganz wie die Freunde Piter Kattendyk's, mit denen einige bis zur unmittelbaren Geschwisterschaft verwandt waren, die bekannte christliche Rache für den einst von den Juden Gekreuzigten nahm, taute auch sie auf und erklärte, dass sie den Herrn Bernhard Fuld zum Generaleinnehmer und Finanzminister ihrer Einkünfte als Stiftsdame von Heiligenkreuz ernennen wolle.

Armgart'sche Einfälle elektrisirten dann gewohnter

massen alles ...

Es wurde nun so laut, so ausgelassen unter dem

jungen volk, dass die vier Erzieherinnen (die vierte lehrte nur Musik) dafür waren, lieber jetzt aufzustehen und de se promener encore dix minutes sous les tilleuils et dans le jardin ...

Aber auch das geschah so wildes ist Sonn

abend! – dass die Schwestern Aloysia und Gertrudis Ruhe gebieten mussten und das ganze Personal in die Corridore und auf die Schlafsäle schickten.

Auch Angelika war, sie wusste selbst nicht worüber, ins lachen gekommenaus Nervenschwäche, sagte die Guteraunte aber beim Gutenachtsagen ihrer geliebten Armgart, ihrer