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man auf Jahrmärkten zeigte ...

Benno wollte bei diesen Berichten vielleicht nur hören, ob Armgart nicht nach Tiebold de Jonge fragen würde ...

Angelika kam inzwischen näher ... Sie hatte auf ein Ausruhen gerechnet und fand nun die Wandelnden bereits schon wieder über die Birnbäume hinaus.

Ei, was ist denn das da unten? Sehen Sie! Im Fluss! Da taucht's auf! Nun ist's wieder fort! geben Sie Acht, da unten kommt's wieder!

Mit jener Sorglosigkeit, die der Jugend auch eben nur dann eigen ist, wenn sie gleichsam ahnt, dass es zu Geständnissen des Herzens noch lange, lange Zeit bleibt und nichts ihm verloren geht, verlangte Armgart plötzlich die Anerkennung ihrer Sehkraft ...

Unten im Kahne hatte sich auch Tönneschen aus dem Schilf aufgerafft und warf mit Steinen vom Uferrande über den Wasserspiegel hinweg ...

Das sehe' ich wohl! Der wirst Butterstollen! sagte Benno und erinnerte Armgart an den Ententeich zwischen Schloss Westerhof und Borkenhagen ...

Den kennen Sie noch? ... Es ist ja eine wilde Ente! ... Unsern Ententeich? ... Sehen Sie doch nur, wie sie den Kopf aufwirft! Rasch duckt sie ihn nieder und unterm wasser geht's fort! Sassa! Da ist sie! Im Nu hundert Schritte! Wieder blickt sie auf, dreht den Kopf! Da, da! Guten Tag! ... Adieu! glückliche Reise! ... Nein, auf unserm Ententeich gibt's keine so wilde!

Mit dem Verfolgen der Wasserente, die sich Tönneschen zu treffen vergeblich bemühte und die Benno jetzt erkannte, waren beide bei Angelika wieder vorübergekommen, die sich nachdenklich gesetzt hatte und nun ernstlich zum Aufbruch und zur Rückkehr auf die Insel mahnte.

Die Sonne sank schon über die westliche Bergwand ...

Und nun, wie wenn Himmel und Erde in bester Ordnung und nichts auf dem Herzen wäre, weder bei ihm noch bei Armgart, durfte Benno scherzen:

Ja, so gehen die Lügen durch die Welt! Von so einer Wasserente kommen ja die Zeitungsenten ...

Angelika, die über Benno's erscheinen überhaupt an ihre vielgeprüfte, treue Liebe erinnert wurde, gedachte der vielen Angriffe, die Doctor Püttmeier erleiden musste, gedachte der Macht der Lüge in so vielen Literaturzeitungen und siel mit einem Seufzer ein:

O wohl! O wohl! O wohl!

Dann stellte sie einige Erkundigungen nach Büchern an, wollte von den Ereignissen der Politik hören, von der Burschenschaft, um die Dr. Püttmeier auch ein Jahr "Köpenick" erduldet hatte, von Benno's bekannten freisinnigen Meinungen und vom Kirchenstreit, bis Armgart, beide unterbrechend, ausrief:

Lasst doch das alles! Kann man jetzt von anderer Aufklärung sprechen als vom Himmel und von seinem Licht! Seht doch nur! Wie der Abend kommt! Ist's nicht, als leuchtete alles in Verklärung! Diese gerippten Wölkchen da oben! Diese leichten Federbüschelchen! Fächer sind's doch wie von Eiderdunen! Nein, wie von grossen Perlmuttermuscheln! Wer solchen Staat hätte, wie die Himmelskönigin!

Alles das kam unbefangen und kindlich von ihren Lippen ... Dass sie nichts von einer Absicht dabei wusste, bewies die leise Oeffnung der Lippen und der Schmelz der hervorschimmernden kleinen Zähne, cette grimace, die sie nach Anweisung der Englischen fräulein sich durchaus abzugewöhnen hatte.

Ja, man möchte hier predigen! fiel Angelika in merkwürdig freigesinnter und tief gefühlvoller Zustimmung ein. Diese Berge sind wie Kanzeln!

Ihr treues Herz dachte an Püttmeier's fehlenden Lehrstuhl ...

Kanzeln? rief jedoch Armgart, in der sich jenes Fliegen zur Flamme des grossen Gottesherzens zu regen begann. Die Berge sind ja selbst wie Prediger! Wie Redner stehen sie da! Nein, Angelika, wie klein müsste das sein, wenn da drüben einer auf dem Geierfelsen stünde und so zu allen Lügnern der Erde sprechen wollte! Der Geierfels und hinter ihm die sechs andern Riesen, die sind ja selbst die Propheten! Ich höre alles, was sie sprechen!

Was sprechen sie denn? fragte Benno und hatte eben die Cigarre weggeworfen ...

Im Tone seiner Frage, im Leuchten seines blauen Auges lag eine so ausdrucksvolle Schwere, dass plötzlich Armgart wie etwas Unsichtbares sich auf sie niedersenken fühlte ...

Ja, wie konnte Benno nur in das einfache "Was sprechen sie denn?" soviel Ausdruck legen? Was konnte diese Wendung seines Hauptes, diese Glut seiner Augen bedeuten? So wenig Worte und so viel seltsamer Ton in ihnen!

Es ist doch wohl Zeit, zu gehen! sagte sie zaghaft. Sie hätte plötzlich vor irgendetwas entfliehen mögen.

Benno lüftete seinen Hut. Sein kurzes, lockiges, schwarzes Haar war von dem "garstigen Cylinder", wie es sonst bei Armgart hiess, festgedrückt. Und sonst hätte Armgart gar keinen Anstand genommen, ihm in sein Haar es lockernd zu fahren, wie sie so oft den grauen Locken des Onkel Levinus getan. Heute hätte sie um alles in der Welt dergleichen nicht mehr wagen können ...

Angelika's Geplauder über all den vernommenen und zu verarbeitenden Tatsachenreichtum löste die gedrückte Stimmung. Auch fand sich Benno wieder, auch Armgart. Ja sie schien heiterer und ausgelassener, als sie hörte, was alles Benno in der Gegend hier zu tun hätte und dass er mindestens auch noch morgen da wäre ... Aber an seinen Handschuhen sah