waren ihre schlanken Türme sichtbar – und seit dem Zusammentreffen mit jener Lucinde Schwarz begegnet wäre? Wo diese hingewollt hätte? Wie die Manöver abgelaufen wären? Wie dem Tiebold de Jonge die Uniform gestanden hätte? Ob Hedemann nach Witoborn zöge? Was der Vater überhaupt beginnen würde?
Benno, der seine Cigarren trotz alles Schmerzes von Armgart selbst ausgesucht und fast angeraucht bekam – sie lernte "Unarten" dieser Art von den Mitpensionärinnen, wenn diese den Besuch ihrer Brüder empfingen – und wenigstens die Spitze der von ihr ausgewählten biss sie noch dem "Vetter" in mechanischer Anschmiegsamkeit an all sein Tun und Lassen ab –, Benno erzählte von dem Ersteigen des St.-Wolfgangberges, von der wirklich angeknüpften Bekanntschaft mit Lucinden, von dem Zusammentreffen im Pfarrhause zu St.-Wolfgang, von dem Begräbniss des alten Mevissen, von der Entweihung des Friedhofs ...
Alle diese noch nicht auf die Insel Lindenwert gedrungenen und doch so überraschenden Tatsachen hörte Angelika voll Staunen, Armgart, da sie den Pfarrer von St.-Wolfgang betrafen, mit dem Gefühl, wie wenn sie nicht Armgart, sondern Paula wäre. Benno musste unausgesetzt erzählen. Einen so langen, so inhaltreichen Brief hatte sie noch nie nach Westerhof geschrieben wie diesen, den sie jetzt schon couvertirt und adressirt im geist vor sich liegen sah; sie betrübte sich bereits um die Vorsteherin Schwester Aloysia, die bei ihrer Censur – alle wenn auch nicht ankommenden, doch aus dem Pensionat abgehenden Briefe las in der Tat erst Schwester Aloysia – gewiss wieder das Schönste davon für sich genoss, dann aber eine nochmalige Abschrift zu verlangen pflegte, lorsque vous aurez supprimmé les choses inconvenantes.
Aber auch für Angelika waren die Mitteilungen, die Benno in glückseliger Behaglichkeit gab, vorzugsweise überraschend. Diese ihr wohlbekannte Lucinde Schwarz, von der sie seit Hamburg nichts mehr gehört hatte, sie war bei Frau von Gülpen "Nichte" gewesen! Einen Tag, länger nicht! Wie konnte das anders sein, nach dem Wenigen, das sie von dieser "Abenteurerin" wusste und das sie dem Pensionate an der Maximinuskapelle wohlweislich verschwiegen hatte! Und man müsste dann die Menschen wenig kennen, wollte man Angelika's eigentümlich gezogenem und erstaunendem: Ist's denn möglich? nicht eine gewisse Genugtuung anmerken, dass auch diese Gesellschafterin, wie so viele andere und vorzugsweise sie selbst, den Anforderungen der Dechanei nicht entsprochen hatte. Sie lag in den Worten: Der Dechant ist ein so lieber guter Mann! Zugleich sollte dies zeugnis von Frau von Gülpen das Gegenteil ausdrücken. Und so guterzig Angelika war, die Verbindung, in die Benno die neueste Zeitungskunde von dem Mord in der Stadt mit dem Stolze der Frau von Gülpen brachte, verbreitete selbst über ihre, freilich von Staunen und Schreck überschauerten Gesichtszüge doch zuletzt ein gewisses Aufleuchten schadenfrohen Behagens.
Alledem hörte Armgart nur sinnend zu. Benno hatte in seinem Wesen etwas Milderndes und Beruhigendes wie für andere so auch für sie. Sie hätte seine Hand ergreifen und sie wie die eines Bruders halten können ... Seine Mitteilungen über Bonaventura's Anwesenheit in der Residenz des Kirchenfürsten, die wahrscheinliche Beförderung und Ansiedelung desselben in dieser Stadt, alles das waren Tatsachen, die ihr Ohr buchstabenweise aufnahm, nur um die für Paula bestimmte Depesche so inhaltreich wie möglich zu machen.
Erzählen Sie mir jetzt von meinem Vater! sagte sie dann, als Angelika etwas zurückblieb. Wie fanden Sie ihn? Ist er so, wie ihn Hedemann schilderte?
Ohne Zweifel ... antwortete Benno zerstreut ...
Mit Armgart allein zu sein, liess ihn erhöhter den ganzen Reiz ihrer Erscheinung fühlen.
Ist er gross, so etwa wie – wie Hedemann?
Hedemann war untersetzt, sie hatte "wie Sie" sagen wollen ...
Um einen halben Kopf höher, sagte Benno; aber ebenso wetterbraun, ebenso breitschultrig und – wie soll ich sagen – ganz so englisch! Ist Hedemann Schiffssteuermann, so ist Ihr Vater Kapitän oder Commodore! Unsere vaterländische Art von drüben hat die passendste Anwendung gefunden ...
Wie so?
Unser Land ist ja drüben fast wie ein Meer! Die unermessliche Heide, das Ackerfeld, der Torfmoor – alles das ist ein Meer des Landes. Auf dem schwimmen wir mit unsern Höfen wüst und einsam. Nicht einmal ordentliche Städte haben wir. Nicht einmal ordentliche Dörfer. Ein Fahrzeug segelt auf gut Glück am andern vorüber.
Unser Volk ist ein seefahrend Volk der Heide ...
So! So! ... sagte Armgart. Seltsam! Ich hasse alles Englische ...
Benno erwiderte lachend:
Ja die englische Aussprache ist schwer!
Die Asche seiner Cigarre drückte er jetzt schon an einem der drei Birnbäume ab ...
Nein – darum nicht –! fuhr Armgart ohne alle Reizbarkeit fort ...
Aber das Englische hassen? Und das sagen Sie bei Englischen fräulein?
Die verliessen schon vor hundert Jahren England, um in Deutschland unserm Gott besser dienen zu können! Sehen Sie, alle diese Engländerinnen hier ringsum jetzt, die blieben am liebsten auch wie Mary Ward in Rom und bei uns, um katolisch zu sein! Ich weiss das!
Sie wissen das?
Benno verliess den verfänglichen Gegenstand und regte die Phantasie seiner Begleiterin lieber mit allen Abenteuern an, die ihr Vater und sein Freund oder Diener ihm erzählt hatten. Sie hätten Seltenes erlebt, Tapferes geleistet, auch Pensionen dafür gewonnen und stünden unter dem kleinen, beschränkten Volk in Kocher am Fall wie zwei Riesen da, die