der sie mit neugieriger Teilnahme musterte. Sie flog voraus zum Roland und nicht etwa in dem Ueberwallen eines durch das Wiedersehen beglückten liebenden Herzens, sondern weil der "gute Mensch und Vetter sie ja möglicherweise irgendwo suchen könnte, wo sie gar nicht war" ...
Alles das sah Angelika mit Entsetzen, zahlte, liess ganz gegen ihre Gewohnheit einige herauszubekommende Pfennige im Stich und kam nur eilends nach und gerade noch zur rechten Zeit, um die schon über die ersten freudigen Begrüssungen Hinausgekommenen zu trennen mit den Worten:
Halt Armgart! Was soll das? Der Brief ist an mich!
Die Adresse eines von Armgart schon halb erbrochenen Briefes war allerdings an "Demoiselle Angelika Müller" ...
Aber vom Onkel Dechanten ist doch der Brief! rief Armgart und mit wiederholtem: Was schreibt er denn? folgte sie Angelika, die zur Seite abgewandt schon mitten auf der Landstrasse zu lesen begann ... Und im grund besass Angelika ganz die Spannung, wie Armgart, wenn sie dieselbe auch nicht eingestand.
Benno stand inzwischen in bestäubten Reisekleidern vor dem wirtshaus zum Roland und sprach mit dem Wirt, der ganz besonders erwartungsvoll seinem Eintritt entgegengeharrt zu haben schien. Als Armgart gleich mit ihrem Taschentuch ihn abzustäuben begonnen, hatte Herr Zapf mit mächtiger stimme dem Hausknecht gerufen. In Kurzem war Benno befähigt, die Damen begleiten zu können.
Im Lesen vertieft und sogar des Chausseegrabens nicht achtend, schob sich Angelika querwärts in die Anhöhen hinauf. Armgart mit der Linken zurückdrängend, hielt sie mit der Rechten den Brief versteckt und lehnte jetzt schon eine Mitteilung zu machen ab. Müsste sie doch selbst erst ganz orientirt sein, sagte sie, und dann noch hinge jede Entscheidung von dem Pfarrer Engeltraut ab und von den Englischen fräulein ... und sie wisse ja das alles, was Anstand und Hausregel in Lindenwert mit sich brächten!
Armgart faltete die hände gegen Himmel ...
Benno suchte von dem Wirt loszukommen, der ihn in emsigem Gespräch begleitete ...
Das wusste schon Armgart von der ersten Begrüssung her, auf ihr laut gerufenes: Hier! Hier! der Brief war an Benno aus der Residenz des Kirchenfürsten nachgeschickt worden, der Dechant hatte ihm diese Zeilen übersandt als Einschluss einer umgehenden Antwort auf die Mitteilung über den Tod der der Dechanei seit Jahren fremd gewordenen Hauptmännin von Buschbeck ... Er hatte geschrieben, dass er einige Tage lang suchen würde die Zeitungen zu verbergen, um die Tante auf eine nur allmähliche Art mit einer Begebenheit bekannt zu machen, die bei ihrem "zartfühlenden Herzen" eine gewaltige Erschütterung und "allerlei Hausjammer" in Aussicht stellte ... Den Brief an "Demoiselle Angelika Müller" hatte er ihm zu zweckmässigster Besorgung beigelegt, weil er die Regel solcher Pensionate zu kennen erklärte, dass die Vorsteherinnen alle Briefe, die kämen und gingen, erst selbst zu lesen begehrten ... Dass er dabei die Lage einer Lehrerin mit derjenigen einer Schülerin verwechselte, bewies die wirkliche Aufregung, in der sich der alte Herr befand.
Armgart bat und bat:
Was schreibt der Dechant? Reist der Vater nach Wien? Wenn er mir verspricht, mich mit nach Wien zu nehmen ...
Dabei suchte sie mit plötzlicher List den Brief zu erhaschen ...
Armgart, nun kein Wort weiter! sagte Angelika und verbarg den Brief sorgfältigst. Ich habe geloben müssen, dich von keinem Schritt der Deinigen einseitig in Kenntniss zu setzen! Deine ganze Familie ist beteiligt! Alle sind sie es, die dich lieben! Morgen das Weitere nach der Messe! Und nun genug davon!
Jetzt war es doch für Armgart ein Gefühl, als hätte sie sich auf die abschüssige Anhöhe werfen müssen und sagen: Nun, guter Gott, so lass mich sinken, sinken immer abwärts – bis in die Tiefen des Meers!
Benno hatte Mitleid mit dem lieblichen kind, dessen Natürlichkeit sich in keiner Regung ihres Gemütes verleugnete. Sie sah wie eine von den bittersten Leiden der Seele Gefolterte und sich nun wirklich Ergebende so verklärt, so durchgeistigt aus, dass der von ihr mit einem ihr unbewussten Aufschlag der schönen Augen auf ihn gerichtete wehmütige Bitteblick ihm das Herz mit Schmerz und Wonne zugleich erfüllte.
Um den Ton zur Heiterkeit zurückzuführen, hätte er von diesen und jenen Dingen beginnen dürfen. Doch war er zartfühlend und Menschenkenner genug, die Richtung der Gedanken, die in Armgart's Seele lebten, nicht zu verlassen.
Von Wien sprechen Sie? sagte er. Vielleicht ist der fremde Herr da, mit dem ich fuhr, schon der Kurier Ihrer lieben Mutter!
Armgart blickte mit lächelnder Ergebung auf die Vier Jahreszeiten ...
Wirklich! Wirklich! Er wollte nach Drusenheim zu Herrn Bernhard Fuld hinüber! Wo eine Dame in den Gastöfen da am besten aufgehoben wäre, fragte er. Sein Accent war wienerisch.
Angelika flüsterte schmeichelnd:
Beruhige dich! Es wird alles gut werden, Armgart! Morgen, nach der Messe in Drusenheim, da sprech' ich mit dem Pfarrer und dann sollst du sehen, du bist zufrieden – Gedulde dich!
Geduld! seufzte Armgart, sich ergebend. Sie überwand sich, nicht dem Fremden nachzueilen, der in behender Weise in der Tat in einen Nachen sprang, um zum jenseitigen Ufer überzusetzen.
Benno's Ruhe, Angelika's Festigkeit mussten Armgart zuletzt zur Besinnung bringen.
Man stieg höher und wieder in die Anlagen hinauf.
Benno musste erzählen, was ihm alles seit dem Abschied an der Maximinuskapelle – dort weitin in blauer Ferne