schon.
Armgart lachte hinter ihr her.
"Abschleifen!" rief sie ...
Es war ein Lieblingsausdruck Angelika's ... eines von den klugen Lebensworten, zu denen auch das "Sichherausreissen" der Madame Serlo-Leonhardi einst gehört hatte. Schon manche der Pensionärinnen hatte die boshafte Bemerkung gemacht: fräulein Angelika Müller ist allerdings vom Leben schon so abgeschliffen, dass nichts mehr an ihr übrig geblieben ist! – eine böse Anspielung auf die allerdings nicht unbedeutende Abstraction ihrer äussern Erscheinung.
Als Angelika nach Armgart's Ausdruck "consequent wie eine gerade Linie" weiter ging, um durch die Baumwege von hinten her in den Garten der Vier Jahreszeiten zu kommen, folgte Armgart ihr erst leise auf den Zehen nach und wollte sie rasch mit der Schleife ihres Strohhutes an einen Baum binden.
Hier ist unsere Jahreszeit! sagte sie. Siehst du! Trauriger, düsterer Herbst! Wie die Blätter fallen! Und die Birnen sind noch nicht einmal reif –
Dabei hatte sie eine gepflückt und versuchte sie trotz alles Weinens und aller Ungeduld des Herzens ...
Die Erzieherin zankte jetzt wieder in allem Ernst, band sich frei, behauptete ihre Autorität und ging. Sie ängstigte sich wahrhaft, Benno von Asselyn oder der dreiste Tiebold de Jonge könnten hier so plötzlich hinter einem Busch hervortreten ...
Armgart folgte und sagte:
Ich habe keine Kraft! Wie eine Binse könnt ihr mich biegen!
Als aber Angelika immer mehr eilte, erhob sie die stimme zu feierlichem Ernst und rief laut hinter ihr her:
Das aber sag' ich euch, wenn ich Furcht bekomme vor mir selbst und gegen euch alle nicht mehr aufkommen kann, dann flieg' ich davon und sollt' es in die Flamme des grossen Gottesherzens selber sein!
All' ihr Heiligen! wandte sich Angelika jetzt und sagte mit ängstlich schmeichelnder Geberde:
Aber Kind, so beruhige dich doch! Der Dechant ist ja nur so lässig! Er wird ja schreiben! Auch hört man ja aus der Stadt, dass die da kürzlich ermordete Frau eine Schwester der Frau von Gülpen gewesen ist! Das alles wird die Antwort gehindert haben! Und dein Vater wird wohl selber kommen!
Nein! rief Armgart, wild mit dem Fuss auftretend, und entfloh dann und schoss den Weg hinunter.
Künstlich angelegte und wohlunterhaltene Wege führten niederwärts und zuletzt in den erwähnten Garten, in welchem Durchreisende unter einer langen Veranda die hochberühmte Aussicht genossen.
Armgart war bereits lange unten, als Angelika ihr nachkam ...
Die Menschen hier! jammerte Armgart ihr entgegen und sah dabei doch über alle Tische hinweg, über Engländer, Maler, Studenten, berliner Hofräte und Hofrätinnen und wer alles in Naturandacht hier beisammensass ...
Sie suchte Benno, der nicht zu sehen war ...
Angelika bestellte zwei Gläser Milch.
Wenn das da deine Mutter wäre! flüsterte die Erzieherin neckend und zeigte auf eine junge Dame, die mit der Lorgnette die Gegend und die beiden Ankömmlinge musterte ...
Sie wollte nur Armgart durch den Scherz beruhigen ...
Armgart blickte rasch hinüber, dann wandte sie sich ab ...
Du zweifelst wohl, schmeichelte Angelika, weil die Dame so jung ist? Ei, deine Mutter ist eine ganz junge Frau, die nur zu lebendig, zu rührsam noch sein soll! Dein Vater mag ein vortrefflicher Jäger und Schwimmer und was sonst noch alles sein, aber mürrisch und kalt ist er! Das hast du doch schon an dem einsilbigen Hedemann gesehen!
Armgart sagte, Hedemann gefiele ihr ganz wohl ...
Eines nur hat deine Mutter, fuhr Angelika flüsternd fort, was sonst nur dem Alter gehört ... ganz silbergraue Haare soll sie haben ...
Armgart wandte den Kopf ...
Sie ist nicht vierunddreissig Jahre, hab' ich gehört, und doch hat sie ganz silbergraue Haare! Sie trägt sie vorn in langen Locken und soll bei ihrer Jugendlichkeit und Schönheit damit so auffallen, dass alles still steht und ihr nachsieht!
Armgart geriet in die grösste Aufregung. Sie fand den Ursprung dieser Locken nur im Kummer ... die Augen umflorten sich ihr, wie wenn ihnen Tränen zuströmen wollten ...
Nun aber ertönte in nächster Nähe ein Postorn ...
Armgart lehnte sich rasch über die Brüstung des Gartens. Von der Universität her kam eben die Post angefahren ...
Hüben schon seit fünf Tagen konnte Armgart das Postorn nicht hören, ohne sich aus Kocher, und drüben seit gestern nicht, ohne sich schon aus Wien eine Antwort zu denken ...
Der gelbe grosse "Rumpelkasten" (Pensionsausdruck) hielt am Roland und heraussprang – seligste Freude belohnter Erwartung! – in der Tat Benno ...
Die Post selbst fuhr weiter ... Aber Benno war sogleich in den Roland getreten und nun hielt die Post vor den Vier Jahreszeiten. Hier sprang ein zweiter Passagier heraus ...
Alles das sah Angelika, aber nicht Armgart mehr. Armgart zog die Freundin mit sich fort – ohne dass die Milch bezahlt war! Benno könnte ja so leicht zu den drei Birnbäumen hinaufgehen wollen – "unnützerweise", sagte sie – sie müssten also zu ihm. Der Weg ging durch das Haus; nun – "schliff sie sich ab" in ihrer Art, an jedem, der ihr in den Weg kam, an Kellnern, die Kaffeegeschirr trugen, am Wirt, der dem neuangekommenen Fremden die besten Zimmer seines Hotels zeigen wollte, an diesem Fremden selbst,