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so ins Fegefeuer auffliegen werden, wie Paula! Frau Emminghaus muss als geflügelte Kaffeekanne hinauf, Frau Tübbecke als geflügelter Strickstrumpf und dein Doctor, der auch als schwarzes grosses geflügeltes Dintenfass

Armgart! verwies Angelika aufs heftigste und wäre nun fast selber aufgestanden. Da jedoch suchte Armgart sofort ihre Unart durch eine Umarmung wieder gut zu machen und nun hätte selbst die ruhige Nachhülfe Tönneschen's nichts gefruchtet, ein Unglück zu verhüten, wenn nicht glücklicherweise der Kahn schon dicht an das Uferschilf angekommen gewesen wäre ... Der ausgestossene Schrei der Lehrerin erstickte in einem Vergib mir, das Armgart schmeichelnd mit einem ihrer süssesten Töne sprach.

Von der gewaltigen Flut fortgetrieben, landete der Kahn weit unterhalb des Roland und mitten im Schilfe ... Dem Tönneschen war dieser Landungsplatz gerade recht, denn er wollte im Kahne verbleiben, um noch zu morgen sein Latein zu lernen, das keineswegs bloss aus Spiritu tuo und Saecula saeculorum bestand ... Pfarrer Engeltraut liess alle Knaben seiner Gemeinde, die sich durch Bravheit auszeichneten und solche älteren hatten, die ein glattgekämmtes Haar, ein sonntäglich Gewaschensein von Kopf bis zu Fuss, Schuhe und ein weisses, sauberes "Röckel" über den roten Talar, den die Kirche gab, verbürgten, nacheinander dem heiligen Messdienst administriren. Tönneschen war zum ersten male zum Schwingen des Weihrauchfasses bestimmt und beide Mädchen lobten ihn und versprachen ihm, an dieser Stelle sich wieder einzufinden und bestiegen das Ufer.

Armgart wollte Angelika helfen ... Diese lehnte es jedoch ab ...

In ihrem, wenn auch in allen Literaturzeitungen verspotteten, doch von ihr und seiner Stadt und seiner Provinz hochverehrten Freunde war sie denn doch aufs tiefste gekränkt worden.

Ernstlich schmollend erwehrte sie sich eine Weile jeder Annäherung an ihr schwer verletztes Herz ...

Armgart's Anmut aber trug den Sieg davon. Während Angelika erst die Lehre von den Curven zu befragen schien, bis sie den Ansatz machte, diesen oder jenen Weg einzuschlagen, sprang jene schon voraus und machte den von Angelika endlich gewählten Weg zweimal und da gab es denn bald wieder Heiterkeit, lachen, Kuss und Umarmung.

Das gewohnte Ziel ihrer stillbeschaulichen Wanderungen lag auf der Anhöhe. Angelika wäre heute lieber in die schönen, eleganten Wirtschaften und Gastöfe gegangen, die am fuss des Hüneneck liegen oder in den dem wasser näheren, wenn auch weniger comfortablen Roland.

Doch dahin brachte Armgart nichts. Sie wies zu Hecken und Obstgärten hinauf und umschmeichelte die Freundin so lange, bis diese zuletzt zu den bekannten drei Birnbäumen folgte. Das waren drei einsame Birnbäume auf einem terrassenartigen Vorsprung der hohen Berglehne am fuss des Hüneneck mit einer kleinen Bank und einer ganz himmlischen Aussicht.

Hier oben pflegte sich Armgart, wenn sie etwas atemlos von der steilen Anhöhe angekommen war, gleich in das rings wachsende Gras zu werfen und sich manchmal noch ganz wie ein fünfjähriges Kind zu kugeln, manchmal aber auch von hundert Sorgen, von denen sie bedrückt zu sein vorgab, sich auszuklagen und auszuweinen ...

So heute ... Und heute nicht einmal vor Sorgen allein, sondern nur vor Ungeduld und Unruhe. Sie wusste, dass Benno in der Gegend war ... Er hatte ihr durch Tönneschen's Vater, der ihn gestern oberhalb der Insel übergesetzt hatte, sagen lassen, er hätte zwar bald in diesem, bald in jenem dorf ringsum zu tun, aber auch am Hüneneck, und vielleicht könnte er sie am Sonnabend Nachmittag irgendwo flüchtig begrüssen, am liebsten da, wo nicht die ganze Pension dabei wäre und jedenfalls nicht auf der Insel. Nun denke man sich die Unruhe, als die beichte und das Mittagessen vorüber waren! Und sagen wollte sie es Angelika auch nicht, was sie von Tönneschen's Vater wusste, den sie mit ganzen fünf Silbergroschen für seine Mitteilung belohnt hatte.

Kind! sprach Angelika, die noch immer nicht ganz die Kränkung ihres funfzehnjährigen Geliebten vergessen konnte, mit ernstem Verweise. Ich bewundere die Nachsicht, die Pfarrer Engeltraut mit dir hat!

Er kennt mich immer noch besser als du! antwortete Armgart mit klagender stimme ...

Weil er so nachsichtig ist, dir alles zu glauben! Freilich, wo soll auch der gute Mann all' die Geduld herbekommen, von so vielen jungen, zur Hälfte erst gefirmelten Mädchen sich ihre Unarten erzählen zu lassen! Sprach der Pfarrer heute von deinen abgeschickten beiden Briefen?

Wovon nur sonst!

Was sagte er?

Ich würde die Mutter doch nicht sehen können, ohne ihr nicht gleich ans Herz zu fliegen!

Das denke' ich auch! Und du gelobtest es?

Nein!

Armgart!

Ich werde die Mutter umarmen, wenn ich dabei die Hand des Vaters halte! Bisjetzt war Onkel Levinus mein Vater; Tante Benigna meine Mutter! Ich will älteren haben, aber älteren, die sich lieben! Lieben sie sich nicht, so will ich sie nicht hassen, aber

Der Hufschlag eines Reiters aus der Gegend von der Universitätsstadt her unterbrach sie ...

Nun merkte Angelika etwas an dem Aufblicken und dem Abbrechen und Vergessen der Rede und wurde ängstlich. Sie schlug vor, am Gelände des berges weiter zu wandern und dann in den Garten der "Vier Jahreszeiten" niederzusteigen. Dort hätte sie, wenn wie sie ahnte, Benno oder Tiebold kommen sollte, den lebhaften Verkehr vorschützen können. Sie sagte:

In den Vier Jahreszeiten ist immer so auserlesene Gesellschaft! Und ihr jungen Mädchen könnt euch nicht früh genug abschleifen! Komm, Armgart!

Damit ging sie