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natur- und romantiktrunkener Engländer und Engländerinnen angefahren kam, so wandte Armgart ihr letztes und stärkstes Beschwörungsmittel an.

Tönneschen riss die Augen auf über die Geberden, die plötzlich das fräulein von Hülleshoven machte. Sie liess das Steuer fahren, hob noch einmal das zweite schwere Ruder in die Luft und beschrieb mit ihm allerlei wunderliche Zeichen. Erst einen grossen Kreis, dem sie gleichsam zuletzt in der Mitte einen Punkt gab. Dann ein Dreieck, in das sie wieder ein Dreieck hineinzeichnete. Dann ein Viereck, durch dessen vier Winkel sie einen Kreis beschrieb ... So, eine matematische Figur nach der andern, und wie die Hand müde wurde, legte sie das Ruder nieder und drehte mit dem Finger Spirallinien und Wellenlinien und machte Schnörkel über Schnörkel in die Luft.

Da schüttelte denn endlich Angelika Müller am Fenster lächelnd den Kopf. Sie schüttelte ihn wie über ein Wesen, mit dem man die unsäglichste Geduld haben müsste ... Wir wissen aber schon, dass dies jene Zeichen sind, auf welche Dr. Laurenz Püttmeier, Angelika's Freund und funfzehnjähriger Verlobter (Hegel lebte nicht mehr, aber sein vom staat respectirtes Testament duldete keinen neuen Lehrstuhl neben dem von ihm selbst bestimmten Nachfolger) seine rechtgläubige Philosophie begründet hatte.

Jetzt kam denn Angelika ...

Rasch war Armgart bei der Hand, setzte ihr Ruder wieder ein und wies auf den Punkt, wo Angelika immer vorzog, zu einer Stromfahrt einzusteigen ... Und es war die höchste Zeit. Junge Mitpensionärinnen machten schon Miene, mitfahren zu wollen "nach Amerika", wie es hiess, "nach Canada" ... Alle hatten seit einiger Zeit nur Amerika und Canada im mund; Tiebold de Jonge hatte zwar keine Verwandte im Stifte und durfte es deshalb nicht betreten, trug aber doch die Verehrung für die Tochter seines Lebensretters nicht wenig zur Schau. Stundenlang in einem gelben Nankinghabit, das ihm mit rotseidenem Sacktuch auf der Brust und gelbem Strohhut allerliebst stand, in der Gegend der Insel allein herumzusteuern war seiner Schwärmerei "eine Kleinigkeit". Ja, alle wussten schon, dass morgen im Enneper Tale Tiebold de Jonge und seine Freunde, Piter Kattendyk ausgenommen, zu den Hunderten von Gästen gehören würden, die sich Sonntags hier regelmässig drängten, ja sie wussten schon durch Briefe aus der Stadt von Gebhard Schmitz, dass es ganz ausdrücklich auf eine Begegnung mit den Stiftlerinnen abgesehen war.

Angelika Müller kam, einen mächtig grossen runden Hut auf dem Kopf, mit einem Shawl in Reserve für etwaige Zugluft, mit einem Regenschirm in Reserve für etwaiges Gewitter, mit einem Sonnenschirm in Reserve für etwaige zu stechende Sonnenhitze, mit einem Proviantbeutel in Reserve für etwaigen Schiffbruch und eintretende Hungersnot.

Trotz der nicht erfüllten äusserlichen Erwartungen, die einst Frau von Gülpen auf die Dame setzte, die ihr diese "Nichte" anempfahl, hatte sie ein überströmendes Herz voll Güte und Anteil. Sie lehrte in der Anstalt Rechnen und Matematik, ohne jedoch irgendwie geistig so abstract zu sein, wie sie es allerdings zum damaligen Schrecken des Dechanten äusserlich war.

Als die allverehrte Docentin der Matematik, nicht ohne ein leises Kichern der Aengstlichkeit, über einige grosse Steine, unterstützt von dem hülfreichen Beistande der mürrisch zurückbleibenden Pensionärinnen, eingestiegen war, rief Armgart ein im grund des Herzens tief vorwurfsvolles: Gott sei Dank! und war über die Sprödigkeit ihrer besonderen Freundin und Gönnerin fast dem Weinen nahe.

Du weisst doch, sagte sie und setzte sich wieder ans Steuerbord, während am Backbord Tönneschen jetzt beide Ruder zugleich mit kräftig ausholenden Armen in Bewegung setzte, du weisst doch, wie mein Herz bekümmert ist und wie ich ohne Beistand geradezu vergehen muss!

Angelika breitete im Kahn ihre Sachen aus und prüfte vor allem erst des Fahrzeuges Gleichgewicht. Da sie die unruhigen Bewegungen Armgart's, ihr Aufstehen und Aehnliches voraussah, legte sie alles, was sie bei sich führte, sich gegenüber, um, so leicht sie war, doch Gegengewicht zu haben. Dann spähte sie rundum. Gefahr von grösseren Schiffen war nicht vorhanden. Die grosse Strömung des Flusses geht auf der entgegengesetzten Seite der Insel nach dem Enneper Tale zu. Tönneschen wusste schon, er hatte nach dem Hüneneck zu fahren. Prächtig ging es mit dem Strome; nur laviren musste man, um nicht zu weit unten zu landen, sondern mehr nach oben, womöglich an des Herrn Joseph Zapfs stattlichem wirtshaus Zum Roland.

Das Kummervollste bleibt immer unsere baldige Trennung! sagte Angelika. Tante Benigna und Onkel Levinus machen jetzt Ernst mit Heiligenkreuz!

Armgart's Ausdruck nahm den eines Schmerzes an, der den blick, den Mund, die Bewegung der arme, alles ergriff und sie einer jener leidenden, stillergebenen Heiligen ähnlich sehen liess, die Murillo und Carlo Dolce gemalt haben.

Angelika! Was soll ich in Heiligenkreuz! sagte sie.

Erst nur die Stelle einnehmen; das Uebrige findet sich! Hunderte beneiden dich um das Glück, eine Stiftsdame zu werden!

Ein Jahr zur probe, wie eine Nonne! Wie werden die alten fräulein mich zurecht setzen in dem düstern haus! Jetzt, wo ich Flügel haben möchte, um ans Ende der Welt zu fliegen!

Angelika vermied es auf diese Wünsche und Klagen zustimmend einzugehen ...

liebes Kind, sagte sie, eine Stiftsdame zu Heiligenkreuz schon in seinem sechzehnten Jahre zu werden, ist eine Auszeichnung, die man nur Familien vom ältesten Adel und von besonderer Distinction zuwendet. Nach einem Jahre kannst du dann mit deiner Pension wohnen, wo du