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indem sie erzählte:

Der Graf hat sich mit einem Freifräulein von Seefelden verlobt, leidet aber darüber an Gewissensscrupeln, seitdem er ein altes Familienstatut in Erfahrung gebracht hat. Vor hundert Jahren hat nämlich ein Ahn seines Hauses die Bestimmung gemacht, dass, wenn ein ältester Sohn der Nachkommenschaft sich entschliessen sollte, nicht zu heiraten, die von ihm und seiner später geisteskrank gewordenen Frau reich vermehrten Güter der Zeesen dazu angewendet werden sollten, ein grosses Landes-Irrenhaus zu begründen. Hundert Jahre lang haben die Nachkommen vorgezogen zu heiraten. Erst dieser Hans von Zeesen, der viel Frömmigkeit besitzt, wurde über jene nun hundertjährige Unterlassung eines guten Werkes stutzig, und sonderbarerweise ist seine Braut, die ihn ebenso heiss liebt wie er sie, von gleicher Seelenstimmung. Ich zweifle gar nicht, dass der Graf seinen kranken alten Freund nur deshalb so oft besucht, um sich in dem heroischen Vorsatze des Entsagens zu bestärken.

Lucinde horchte hoch auf. Hier kamen Ideen, die sie an sich vollkommen verstand, in eine Verbindung oder in Conflicte, die sie noch nicht fassen konnte. Doch hörte sie aufmerksamer zu, wenn der kleine blasse, schmächtige Mann, der Graf, in schlichter, fast priesterlicher Tracht kam und sich mit dem Kammerherrn unterhielt. Nie hatte sie so viel von Gedanken, Meinungen, ideellen Beziehungen gehört wie in den Gesprächen eines Halbirren mit einem mann, der so fromm war, dass er selbst unter der protestantischen Pflege seines Freundes zu leiden schien.

Wie eigentümlich nach dem Wunderbaren und Fremdartigen hier zu land fast überall ausgegangen wird, erfuhr Lucinde bei vielen Gelegenheiten, unter andern bei einer Erinnerung an den alten Bienenhelm ihres Vaters, den dieser nie zurückbekommen hatte; die Hauptmännin hatte ihn, scheinbar zu Gunsten Lucindens, an einen Trödler verkauft. Sie besuchte nämlich aus alter Neigung oft die Dorfschule und gab in ihr Unterricht auf ihre Weise. Beim Schulmeister fand sie ein geregelteres Hauswesen als bei ihrem Vater, und in der Gartenwirtschaft auch einen Bienenhelm, den gerade ein Knecht aus dem Orte vom Schulmeister borgte, um den Bienen das Leid vom eben verstorbenen Herrn anzusagen. über den sonderbaren hierländischen Gebrauch, dass man mitten in die Bienenstöcke hinein den Tod des Hausvaters anzeigen und den Knecht den Bienen melden lässt: "Einen schönen Gruss von der Frau und der Herr wäre tot!" konnten sich der Kammerherr und der gerade anwesende Graf in Mitteilungen verlieren, die alle Seiten der geschichte und der Philosophie berührten. Lucinde staunte über den Glauben, der annahm, dass ohne diese Leid-Ansage die Bienenstöcke in Jahresfrist ausgehen würden; aber der Kammerherr und der Graf, beide warfen verklärt ihre Blicke empor und sprachen jetzt sogar anerkennend von dem früher gemeinschaftlichen verräterischen Freunde, Heinrich Klingsohr, der auf die Darstellung des Zusammenhangs der Bienen mit den staates- und Rechtsbegriffen der Menschheit in Göttingen Doctor geworden war.

Und so dunkel es nun auch in des Kammerherrn Begriffen aussah, so wurde er doch auf diese Art Lucinden ein Lehrer. Auf Partieen, die er in einem von seinem Diener geführten Einspänner machte, sprach er mit Lucinden, ob sie es nun verstand oder nicht, nur französisch, ein andermal nur englisch, ein drittesmal, wenn er gerade auf Tacitus und die alten Germanen oder auf eine Sammlung alter Marienlieder, die Graf Zeesen zum Druck vorbereitete, kam, nur lateinisch. Sie erwiderte mit dem Wenigen, was sie früher von Englisch und Französisch aufgegriffen hatte, und bewundernswert war die Geduld, mit der der Kammerherr sich mühte, einer der Erde nicht angehörenden Erscheinung allmählich die Sprachen derselben beizubringen. Die Sprache, die er an dem Riedbruch damals im wald beim ersten Finden an sie gerichtet hatte, war ein Gemisch von Lateinisch und Plattdeutsch gewesen.

Diesen Gewinn an Kenntnissen liess sich Lucinde, die unter all dem Düster ihre Heiterkeit nicht verlor, wohl gefallen. Der Gewinn mehrte sich, als die langen Abende kamen und der Pfarrer sich gleichfalls geneigt erklärte, die zivilisation des Wildlings zu unterstützen. Auch im Klavier, dessen Grundlagen Lucinde schon im haus des Stadtamtmanns gelegt hatte, vervollkommnete sie sich unter Leitung des musikalischen Mannes, der seine Kinder, ja selbst noch seine an sich hierin geringer talentirte Frau unterrichtete. Der Herbst und ein langer, schnee- und frostreicher Winter wurde auf diese Art für Lucinden eine Studienzeit, die bei der Leichtigkeit ihrer Auffassung und der geringen Zerstreuung dieses Aufentalts reiche Früchte trug. Der Kammerherr selbst, dem es an wissenschaftlichem Material nicht mangelte und dessen liebstes Tema sich immer an die Erinnerungen von Rom oder Göttingen hielt, docirte ihr oft geschichte und Philosophie, die er mit der Matematik und, sonderbar und für die Schrullen jener Provinz unsers Vaterlandes kennzeichnend genug, auch mit der Kunst des Drechselns verband.

Wie die Adeligen Westfalens in ihrer Erziehung und ländlichen Beschäftigung an den Hofbällen von Berlin und in Münster nicht zu erkennen sind, so wird man seltsam finden, dass es berühmte Geschlechter unter ihnen gibt, die neben ihrem angeblichen Berufe, die unerschütterlichen Erben Karl's des Grossen zu sein und in Demut vor Gott, dem Papst und dem Landesherrn ihre Renten zu verzehren, auch ein Handwerk lernen. Manche, die nicht gut schreiben können, aber schon in Potsdam ein Porteépée führen und in Verlegenheit kommen zu bekennen, dass sie nicht viel mehr wüssten, als was auf ihren düstern, einsamen Kampen der "Hauspape" ihnen zu lernen zugemutet, verstehen sich vortrefflich auf den Hufbeschlag der Pferde oder arbeiten sich das Sattel- und Riemzeug derselben selbst aus. Das Drechseln