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vom Pflocke, der sie festielt, abzunehmen. Als zu dem Ende der Knabe sein zweites Ruder ergriffen hatte, nahm sie ihren Hut ab und setzte sich ans Steuer statt seiner. Der Knabe wusste schon, sie wollte, um von der Dame am Fenster gesehen zu werden, mehr die Höhe der kleinen Hafenbucht gewinnen.

Nun musste doch gewiss das Winken mit dem grossen hut sichtbar werden an dem Fenster des Klostergebäudes!

Aber jetzt war die daselbst ersichtlich gewesene Dame vollends verschwunden.

Armgart harrte erst, ob die Gerufene inzwischen vielleicht herabkäme ... Da sie aber ausblieb, forderte Armgart den Knaben auf, einige hörbare und kräftige Zeichen von sich zu geben.

Hast ja dem geistlichen Herrn neulich um deine stimme so gefallen, sagte sie, und sprichst als Ministrant dein "Saecla Saeclum" so prächtig laut, dass sie dich hören muss, Tönneschen! Ruf' einmal recht Juhu!

Und Antonius, genannt Tönneschen, rief denn auch, immer auf ihr Auge sehend, ein Juhu um das andere lautschallend in die Weite hinaus. Freilich musste er dazu von Armgart erst wieder aufs neue ermutigt werden, denn es ging gar still her um die Insel Lindenwert und wirklich war er von jenem geistlichen Herrn um seines schönen Aussehens und seiner sanften Augenwimpern willen in allem Ernst zur Verfolgung der kirchlichen Laufbahn ermuntert worden, als er ihn beim Ueberfahren zu den Englischen fräulein in einem Büchlein schon vor Wochen auf den Turiferar studiren sah, den er am morgenden Sonntag drüben in der Kirche zu Drusenheimnoch nicht in der byzantinischen des Herrn Bernhard Fuld, sondern in der altenbeim Hochamt übernehmen sollte.

Ei, Tönneschen! Lauter! Lauter! Was schadt's! rief Armgart.

Nun liess Tönneschen ganz den Schifferknaben los und wagte einen Naturlaut von einer solchen Kraft, dass man das Echo vom jenseitigen Ufer drüben im Enneper Tale, wie hüben vom vielbesungenen Hüneneck zurückschallen hörte.

Dann sah er Armgart an, als wollt' er sagen: Nun, war's so recht? Aber dir überlass' ich die Verantwortung!

Die Dame erschien wieder am Fenster ...

Sie machte jedoch die entschiedensten Zeichen der Ablehnung der ihr offenbar zum Mitfahren gestellten Aufforderung. Mit zärtlich winkender Geberde wiederholte Armgart ihr Anliegen. Sie zeigte ringsum in die Gegend, deutete mit dem Hut auf die wundervolle Luft und beschrieb mit dem einen Arm, den sie frei hatte, einen Kreis, als wollte sie sagen: Gibt es denn etwas Schöneres in der Welt, als so auf dem schönsten Strom der Erde an einem Sonnabend Nachmittag im Kahne durch die Wellen zu kreuzen! Gibt es denn etwas Vernünftigeres, da du doch immer die Vernunft im mund hast, als eine erlaubnis zu benutzen, die die gestrengen Englischen fräulein mir Unverbesserlichen zugestanden haben! Ist denn der Antonius Hilgers trotz seiner unverkennbaren Bestimmung zum Priester nicht der beste und kundigste Ruderer der Insel? Meiden wir denn nicht sorglichst die Dampfschiffe, obgleich, im Vertrauen gesagt, nichts über das Schaukeln geht, wenn sie vorüber sind und der Nachen in ihre zurückgelassenen Furchen gerät? Hüten wir uns denn nicht vor Tiebold de Jonge's grossen Holzflössen, mit denen nicht zu spassen ist? Und ist denn nicht jetzt die Stunde, wo wir möglicherweise drübenAlles das sagte ihre Geberdensprache und ihr blick, aber die grausame Dame zeigte auf eine Näharbeit, die sie hoch emporhielt ... Ach was! war Armgart's Geberdenantwort. Sonnabend Nachmittag! Die seligste Zeit im Leben lernensgeplagter Jugend! Sonnabend Nachmittag mit seinem Stillstand aller teoretischen und praktischen Lehrcurse, mit seinem Wonnegefühl vollbrachter geographischer und linguistischer Anstrengungen, mit seinem erhebenden Rückblick auf wenig Lob und viel Tadel, mit seiner zurecht gelegten Sonntagswäsche, seinem erquickendsten Reinigungsbehagen, auch dem geistigen, dem abgelegten Sündenbekenntniss in der beichte; Sonnabend, Sonnabend mit seinen Ahnungen und Hoffnungen auf Sonntag, auf die Extramehlspeise, Nachmittags auf die Landpartieen der Philister, denen diese schöne natur Feiertagskuchen ist, uns das tägliche Brot! ... Alles das wurde durch Deuten auf Himmel, wasser, Erde, Luft, Ohr, Auge, Herz und ähnliche erfinderische Mimoplastik ausgedrückt. Und zuletzt stand sie sogar ganz still, bat nur mit den Augen und liess die an ihr jetzt sogar seit dem Abend bei Piter Kattendyk stadtbekannten zwei weissen Zahnperlen unter den vor Ungeduld und Schmerz halbgeöffneten Lippen sichtbar werden. Die Dame obenes war Angelika Müllersollte daraus entnehmen: Meine drei Aves, die ich für meine heute gebeichtete bekannte Ungeduld und Verzweiflung um das lange Schweigen des Dechanten und meiner angebeteten Paula und mein Herzpochen um die Antworten auf die Briefe nach Kocher am Fall und nach Wien zur Busse zu beten vom Pastor Engeltraut drüben aufbekam, hab' ich bereits hinter den ausgenaschten Brombeerhecken und beim Auflesen der auf den Boden gefallenen ersten reifen Mirabellen in aller Stille hinter mir ... also so komm' doch, so komm' doch, so komm' doch!

Da nun aber bei alledem die Grausame hartnäckig und lächelnd ablehnend verblieb, da es auf der Insel sogar schon lebendig wurde über den Lärm des sonst so still sittsamen Tönneschen, da die Mitbewohnerinnen der Pension sich aus den Fenstern, ja sogar schon im Gemüsegarten meldeten und zwei davon, die kein Deutsch konnten, in französischer Sprache sich vom Ufer aus über Nautik und den Atlantischen Ocean mit Armgart zu unterhalten anfingen, was leicht damit enden konnte, dass ihrer mehrere mitfahren wollten, und als vollends von dem Ufer am Hüneneck her schon ein Kahn voll