Eine hagere, fast skeletartige Gestalt, mit einem kopf, der schon dem Beinhause anzugehören schien. angekommen, verneigte er sich freundlich nach rechts und links und begrüsste den Rector scheinbar nur im Auftrage seiner Obern mit dem Ausrichten einer ihm anvertraut gewesenen Commission in Sachen eines Processes; denn auch ein advokat begleitete ihn. Pater Fulgentius wusste nichts von dem Vorhaben seiner Freunde, die eine Heilung durch den Bruder Hubertus nach dessen Rufe für möglich hielten. Auch ich erfuhr erst viel später den ganzen Zusammenhang aller dieser Vorgänge. Auf meinen künstlerischen Irrpfaden begegnete ich einem meiner frühern Mitschüler, einem inzwischen angestellten Pfarrer, der damals den obern Klassen angehört hatte, die den Rector bewachten. Man denke sich Vorlesungen über den Glauben und die Liebe, die unter solchen Umständen gehalten wurden! Jener berühmte Rechtslehrer, der in Berlin auf die vernünftigste Art seine Pandekten las und dennoch sich einbildete, Kaiser Justinian zu sein, hat mich oft an diese Collegien in unserm Convict erinnert. Von diesem alten Mitschüler erfuhr ich erst, dass Bruder Hubertus, der gleichsam zum Ausruhen von seiner Fusswanderung einige Tage länger unter uns verblieb, eines Tages den Befehl gab, die Werkzeuge der Selbstzerstörung in des Paters Nähe – nicht wegzunehmen. Es geschah dies ..."
Lucinde hörte die zwölfte Stunde schlagen ...
Sie legte die Blätter zusammen ...
Sie kannte ihren ganzen Inhalt ...
Sie hatte alles das schon so oft gelesen und nahm es nur dann wieder vor, wenn sie sich für den Zwiespalt, in dem sie mit den Auffassungen Serlo's lebte, eine Beruhigung suchte, eine brücke der Vermittelung ...
Hätte Serlo noch gelebt und neben ihr gestanden – mit seiner elegischen Ironie, der lässigen Ergebenheit, der sichern Zuversicht, dass dies ganze Dasein der Mühe des Lebens nicht lohne – sie würde vielleicht über Religion und Kirche gedacht haben wie er. Bonaventura aber glaubte anders ... Das zog sie, sich nicht den Anschauungen Serlo's gefangen zu geben ... Wie sie schon den Beda Hunnius anders beurteilte als Serlo, so hätte sie auch getrost den ganzen Bau, der sich um sie her durch ihr neues Bekenntniss wölbte, vollkommen anerkannt und an seiner Vollendung mitgearbeitet, hätte nur Bonaventura irgendwie ermutigend und beifalllächelnd zu ihr herabgesehen ... und das stand überdies in ihr fest: Wahn ist ja alles! Für den Glauben aber, es wäre k e i n Wahn (und der ist notwendig, wenn nicht alles zusammenfallen soll), kann es mancherlei Formen geben, von denen dann allerdings die eine vielleicht eine Kleinigkeit besser ist als die andere ...
Der Name des Mönches Hubertus durchschauerte sie jedesmal, wenn sie von ihm las. Sie hatte ihn nie gesehen – aber in ihrer Jugend oft von ihm reden hören. Was knüpfte sich nicht alles an ihn an! An diese alte Liebe der wie einst ihre Tauben gestern so am Küchenherd Erwürgten! ... Die Nächte im Pavillon des Parks vom Schloss Neuhof, wenn die Ulmen rauschten und der Mond mit seinem so klugen, aller Dinge der Erde kundigen Antlitz in ihre kammer schien, nachdem sie das Licht ausgelöscht und sich auf ihr Lager geworfen ...
Auch jetzt ging sie zur Ruhe ... die Lampe auslöschend und hinter ihrem Schirm verschwindend wie ein Schatten ...
Sie hatte die Ahnung, dass sie noch durch viel Untergang und Zerstörung gehen würde – Dann war es ihr immer, als stünde alles um sie her in Flammen ... Und auch heute war ihr erster Traum eine Feuersbrunst ...
allmählich wurden die Bilder ruhiger ... Noch zeigten sie wohl die alte Frau Hauptmännin auf der Todtenbahre ... Hubertus trat zu ihr ein wie zu Pater Fulgentius ... Doch was sind Träume! ... Der "advokat", der hinter ihm stand, war erst Lucifer selbst – dann milderten sich die Schrecken – die Gestalten wurden bleicher und bleicher – zuletzt blieben nur die beiden Bologneserhündchen übrig und Herr Maria mit seiner saubergefältelten Wäsche und mit Deutschlands feinstem Dialekte.
Fussnoten
1 Wir werden gezogen und haben keinen freien Willen.
10.
Hoiho! ... Hoiho! ... Hoiho!
So rief es hellauf hinter einer lieblichen Gruppe von Birken und Hängeweiden und von einer weiblichen stimme, rein, metallen, wie Silberton.
Die Ruferin war ein junges Mädchen in blauem Kleide, einem leichten runden Strohhut auf dem einfach gescheitelten Haare –
Ein Ruder in der Hand stand sie in einem leichtgebauten Kahn, ihn hin- und herwiegend mit herausforderndem Mute. Noch lag der Kahn an einer Kette, die ihn am Ufer festielt; noch stiess und rauschte sein Vorderteil an den Sand und die Steine des Strandes der Insel Lindenwert. Ein Schifferknabe sass an der entgegengesetzten Seite; das Steuerruder schon in der einen Hand und auf den erwarteten Befehl bereit, die Kette mit der andern zu lösen.
Die Ruferin winkte jetzt durch die Hängeweiden und Birken hindurch einem alten, von Linden umstandenen Gebäude zu, das klosterähnlich dicht in der Nähe, in der Mitte der kleinen Insel lag. Sie schien es auf ein Fenster abgesehen zu haben, an dem auch eben eine andere, ältere weibliche Gestalt sichtbar wurde.
Der Seemannsruf Hoiho! Hoiho! schien aber dort nicht die beabsichtigte wirkung hervorzubringen.
Armgart von Hülleshoven – sie nur ist es – befahl mit einem kurzen vertraulichen Winke dem Schifferknaben, weiter ins wasser hinauszustechen und lehnte sich selbst über Bord, um die Kette