1858_Gutzkow_031_257.txt

bestimmt, wie er die Versicherung gab, dass im Fegefeuer die Männer und Frauen getrennt sind. Dies bewies er aus der schlechtern natur der Weiber, die durch Aussprüche der Concilien erhärtet wurde. Die Entziehung des Kelches schrieb er dem Ueberhandnehmen der Bärte zu und der Gefahr des Weines vor dem UngezieferKein Bienenschwarm, sagte er wie mit Schwuresbeteuerung, der in eine Kirche käme, rühre die Hostie anZwei Leichen hätten in einem grab gelegen, als man sie aber ausgrub, hätte man die eine über der andern gefunden und als man näher sich erkundigt, war die untere ohne beichte gestorbenDem Pfarrer gebühre eigentlich von allem der Zehnten, auch von der Ehe; diesen könnte er aber den Neuvermählten schenken, da er jede Ehe schon vollständig allein genösse, nämlich am Altare im Sakrament (man denke sich, wie uns reifende Knaben diese Worte aufregten!) – Die Kirchenglocken wären die Zungen der Lüfte, folglich müssten sie auch wie jede Zunge fasten; das geschähe am Grünen DonnerstageIm Beichtstuhl müsste man vorzugsweise nach den Träumen fragen; eben in diesen läge der wahre Schlüssel zur beichtenden Seele, die oft selbst nicht wisse, was ihre wahre Sünde seiBeim Lesen einer Todtenmesse erkenne man daran, wenn dem Priester das Kind Jesu in der Hostie erschiene, dass die Seele nicht mehr im Fegefeuer wäreUnd so gingen diese Belehrungen des Paters Sylvester fort bis zur Exaltation über den Wert eines Priesters, dass dieser uns geradezu Gott gleichzukommen schien. Zwischendurch liefen in aller Harmlosigkeit Berichte über ein Nonnenkloster, wo die Schwestern im Klostergarten bei Mondschein wandelten und unter den Blumen das Kind Jesu suchten und oft schon hätten sie's gefunden, sagte er, und hätten's in die Kirche an den Hochaltar getragen, geputzt und lieblich angesungen und allerlei Spass mit ihm gehabtoder von einem Mönche, der in einem Büchschen den Staub sammelte, der sich am Hochaltar auf den Marienbildern anlegte, und damit Zahnweh vertrieb und Aehnliches.

Was aber auch Pater Sylvester uns in Mussestunden und beim Spazierengehen mit ernster Miene an solcher Narreteidung zuflüsterteman schickte ihn endlich in ein Versorgungshausnichts kam dem gleich, was wir in unserm düstern Gebäude mit seinen langen Gängen, finstern Zellen, durchräucherten Winkeln und gefängnissartigen, vergitterten Fenstern endlich selbst erlebten.

Ein anderer Benedictiner, Pater Fulgentius, war ein Mann von grossen Kenntnissen und strenger Disciplin. Cholerischen, oft aber auch wieder tiefmelancholischen Temperaments und wie von Schwermut über die ganze Erdenschöpfung ergriffen, flammte er bald in Ausbrüchen der leidenschaft auf, bald versank er in ein fast menschenscheues Umherirren und Suchen nach einer Ruhe, die er nicht finden konnte. Er brachte es dahin, dass Pater Sylvester endlich entfernt wurde. Von zelotischer Strenge in seiner Lehre strafte er, liess züchtigen und verbreitete Furcht und Schrekken. Dieser Gesinnung wegen hatte man ihn zum Rector ernannt. Erst schloss er sich ein, um diese Würde abzulehnenzwei Tage lang! Als er endlich, von Hunger und Durst getrieben, nachgeben musste und öffnete und die Würde annahm, war er eine Zeit lang die Milde selbst; bald aber kam die alte wie aus Feindschaft gegen Gott und die Welt hervorgehende Strenge, die indessen den Ruf der Gottseligkeit der Anstalt mehrte. Endlich verbreitete sich das Gerücht, dass es mit dem Pater Fulgentius nicht geheuer wäre. Nachts hörten wir Kleinern zuweilen ein plötzliches Laufen auf den Corridoren, ein Schellen wie nach hülfeam folgenden Morgen erfuhr man, der Rector wäre krank gewesen. Erst nach einigen Tagen erschien er dann wieder, düster und verfallen, mit dem Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes und so, als läge das ganze Leid der Welt auf seinen Schultern. Diese nächtlichen begebenheiten wiederholten sich, ja am Tage kamen sie schon vor und allmählich verlautete die grauenhafte Kunde, dass der Rector, gefoltert von Seelenleiden, unzufrieden mit allem und mit sich selbst zumeist, eben noch die gleichgültigsten Dinge reden, dann aber in seine Zelle gehen konnte und Versuche machen, sich zu entleiben. In der ersten Nacht hatten ihn einige Schüler der ersten Klasse gerettet, die um Mitternacht in den Chor mussten, um zu singen. Sie klopften, um den Rector, der sich zuweilen auch diese Unterbrechung des Schlafes auferlegte, abzurufen, traten, da niemand sein Zimmer verschliessen darf, selbst ein Lehrer nicht, ein und hatten den Anblick eines Erhängten. Die rasche Entschlossenheit eines der stärksten Alumnen schnitt ihn los und allmählich kam er zu sich. Man verschwieg den Vorfall, musste ihn verschweigen; aber er wiederholte sich. Man suchte die Ehre der Anstalt zu wahren; die Verbindung mit der Aussenwelt war so lose, so locker, die Intervalle der Selbstzerstörungsanfälle wurden zuweilen länger; man bewachte den Unglücklichen, nahm ihm weg, was ihm die Ausführung seines Gelüstens erleichtern konnteund so wurden diese Dinge vertuscht. Als jedoch immer und immer die Scenen wiederkehrten, beriefen die Professoren, die grösstenteils durch Pater Fulgentius berufen und angestellt waren, einen Mann, den wir, als wir davon erfuhren, nicht anders als für einen Exorcisten halten konnten. Denn es stand uns fest, dass eigentlich an dem Pater Fulgentius sich eine besondere Absicht der Vorsehung offenbarte. Wir sahen ihn um seines gottseligen Lebens und seiner Lehre willen nur unter den Anfechtungen des Teufels. Ihn dem Himmel zu erhalten schien uns der Zweck eines Besuches zu sein von einem durch seine Ascese berühmten Mönche, einem Laienbruder der Franciscaner, der aus ferner Gegend angemeldet wurde.

Ein Bruder Hubertus erschien.