1858_Gutzkow_031_256.txt

Lichte ...

Sie überschlug jedoch einige Betrachtungen über das was man ein Leichenschminken in der geschichte nennen könnte, und fuhr fort:

"Wie mich dann diese Erfahrung auch wieder zurückversetzt hat in meine erste Erziehung zum Priester, in die klösterliche Einsamkeit meines Jugendlebens im Convict!

Ja, wer nennt euch alle, ihr Verirrungen, die unausbleiblich sind, wenn man die Grundnatur des Menschen eine verdorbene nennt und das Leben daran gesetzt wissen will, diese natur zu bekämpfen, auszurotten und mit einer geläuterten, einem Kleide voll Glanz und Durchsichtigkeit zu vertauschen! 'Wenn dich dein Auge ärgert, reiss es aus!' war Jahrtausenden und ist noch jetzt Millionen nicht im Bilde gesprochen! Wirklich reissen sie sichund andern den edelsten teil des schönen menschlichen Baues aus! In dem protestantischen Wesen findet die Lehre von der Erbsünde doch, wenigstens nur noch im allgemeinen eine Pflege; aber bei uns, den Treugebliebenen, uns, den in duldender Ergebung das grosse geschichtliche Vermächtniss Forttragenden, bei uns ist darauf die ganze Heilslehre begründet und der Teufel eine Macht, die man schon von dem kind wegbläst und wegkreuzigt, wenn es getauft wird. Jeden ruhig prüfenden Seelenarzt frag' ich, wie er es nennt, wenn das Mistrauen und der Hass vor der eigenen person sich so steigert, dass man sein Ich einer fortwährenden Züchtigung unterwirft? Die Manie hört darum nicht auf eine Manie zu sein, wenn sie auch geheiligt erscheint durch Millionen, die von ihr befallen wurden. Oft kann uns schaudern vor einem Wahn, der die ganze Majestät der Gewohnheit und der gesetz für sich hat. Und doch ist dem so und wir sehen es mit Wehmut.

Ich bekenne von mir, dass ich in meiner Erziehung zum Priester unter dem Druck einer steten Beängstigung vor dem Uebersinnlichen und Gespenstischen lebte. Die Fasten, die metodisch geregelten Lebensweisen machten uns Knaben bei allem sonstigen Leichtsinn den Kopf so wirbeln, wie eine immerfort angeschlagene eintönige Trommel zuletzt zur Verzweiflung bringt. Wir überboten uns, und nicht aus Eitelkeit und Liebedienerei, in der Schaustellung des Kampfes gegen Anfechtungen; wir wollten Visionen haben, wie Antonius in der Wüste und Franz von Assisi. Einen meiner Mitschüler fand man eines Tages mit verletzten Gliedern ohnmächtig in seinem Zimmer am Boden. Die Gewohnheit hatte er gehabt, in jedem Augenblick, wo er allein war, an einem Querholz, das er nach langen geheimen Mühen so über einen in der Mauer hervorstehenden Balken befestigen konnte, dass es sich auch ebenso wieder abnehmen liess, ohne dass man die Anstalt bemerkte, sich anzuklammern und für sich ganz allein wie Christus am Kreuze zu schweben. In dieser Selbstmarter würde er immer weiter gegangen sein, wenn man ihn so nicht eines Tages besinnungslos gefunden hätte.

Empfindung hab' ich für alles Poetische, das einem solchen Wahn und einem darauf begründeten Glauben und Leben zum grund liegen kann; ein Schauer überrieselt mich aber doch, wenn ich mir eine solche, damals nicht etwa bestrafte, sondern eher noch bewunderte und belobigte Gesinnung in ihrer spätern entwicklung, im weissen Gewande des Dominicaners, als Grossinquisitor, als Beichtvater eines Fürsten denke und an solcher Stelle dann die Loose gemischt und gezogen, die über das geistige Wohl der Jahrhunderte entscheiden wollen. O du edler Gekreuzigter, den ich so innig liebe, was geht auf deinen Namen! ... Einst fragte ich einen Arzt nach meiner Leichenschminkerin. Solche Dinge entstehen aus den Störungen des geschlechtlichen Lebens! sagte er ... Nun wohl, dann will ich einen Schleier fallen lassen, so gross wie der sternenlose, schneeverhüllende Nachtimmel des Novembers, über euch Kirchen und Kapellen und Klöster und schulen, in denen die Priester im geist Hildebrand's erzogen werden und wirken! ...

Ich sah auch vielerlei Wahn, der nicht aus den Störungen des geschlechtlichen Lebens kam. Die beleidigten Geister der Freiheit und natur rächen sich. Sie jagen wie mit Furienfackeln die Feinde der Menschheit, die Verbrecher gegen den Heiligen Geist rund um sich selbst, dass sie keinen Ausweg mehr wissen vor ihrem eigenen Schatten und mitten in ihren Siegen, mitten in ihren Triumphen eine Verzweiflung sie ergreift, die ihnen zuletzt nicht den geistigen Tod als die höchste Lebenswonne vorspiegelt, sondern sogar den physischen

Wir hatten unter unsern Lehrern einige ehemalige Benedictiner, in ihrer Art höchst gelehrte und an sich vortreffliche Männer. Sie gehörten Klöstern an, die man aufgehoben, Klöstern, in denen sie mit grosser Bequemlichkeit gelebt hatten. Einer davon verschmerzte die Versetzung in den Stand des Weltgeistlichen sehr leicht. Es war ein Mann jovialer natur, plauderhaft und nicht reinen Geistes. Ihm hätte des alten Römers Wort: Vor Kindern habe Scheu! vorzugsweise gerufen werden können. Seine behäbige und immer lächelnde Art war die der unerlaubten Vertraulichkeit im Reden. Wie ein leckes Fass war er, das aus allen Ritzen quillt. Seine Lust war die, Geschichten aus seinem Kloster zu erzählen, alles durcheinander, Heiliges und Weltliches, Verbürgtes und Unverbürgtesspäter hab' ich oft solche unwürdige Greise gefunden, die ein Gefallen daran finden, gerade vor der Jugend geistig entblösst zu gehen. Was hat uns nicht dieser alte Professor, Pater Sylvester, von seinem und allen Klöstern und Pfarreien der Welt erzählt! Nichts etwa, was gegen sie zeugen sollte, nein, das Frommste, das Andächtigste, aber gemischt mit dem Unmöglichsten und sich eben deshalb dem Spott von selbst Anheimgebenden! Die Geschichten von einer Pfarrersköchin, die mit dem Teufel zu tun gehabt hatte, erzählte er ebenso für