1858_Gutzkow_031_255.txt

auch wieder aufgehört ...

Endlich begann sie aufs neue:

"Ist es denn möglich", schrieb Serlo einst vor Jahren, "was ich gestern erleben musste! ... Eine junge Frau war in dem haus, wo ich wohne, gestorben und sollte heute in der Frühe beerdigt werden ... Eine alte Schauspielerin, die zu unserer truppe gehört, klopfte, wie ich schon im Bette liege, an meine Tür, nennt ihren Namen und wünscht mich zu sprechen. Ich staune und fürchteeine Anleihe. Nachdem ich mich angekleidet, öffne ich die Tür und in ihrem besten, elegantesten Anzug erschien die Darstellerinder Zigeunermütter und Hexen mit einer augenblinzelnden und doch beklommenen Artigkeit. Nie hatte' ich mit ihr viel Worte gewechselt und erstaunen musst' ich über die Wahl ihrer Ausdrücke, die Artigkeit ihres Benehmens, die Feinheit ihres ganzen, mit ihrem Rollenfache im vollkommenen Widerspruch stehenden Wesens. Verzeihen Sie! sagte sie nach einer Weile, wo ich das gefürchtete Anliegen erwartete, verzeihen Sie, in diesem haus ist eine Leiche? ... Ja, sagte ich, eine junge Frau, die an einem Herzfehler starb! ... Sind die Leute wohlhabend? ... Sehr arm! war meine Antwort ... Würde der Mann gestatten, wenn ich ihm zwei Taler schenkte – ... Sie stockte ... Gestatten? Was? fragt' ich erstaunt ... Mutter Viarda lächelte seltsam ... Sie werden mich für eine Närrin erklären, begann sie aufs neue, aber ich muss Ihnen gestehen, dass ich eineLiebhaberei habe, die keine andere ist als die, – tote zu schmücken! ... Wie? sagte ich und zog mich erschrocken zurück; ich glaubte mit einer Verrückten zu reden ... Sie sind erstaunt, fuhr mein Besuch fort, Sie zweifeln an meinem verstand, und doch bitte' ich Sie wirklich, führen Sie mich zu dem mann und erlauben Sie mir, seine Frau so zu schmücken, wie ich ein ganz unwiderstehliches Verlangen trage, wenn ich irgendwo eine Leiche sehe ... So traurig die Veranlassung dieser Bitte war, ich musste doch über sie lächeln ... Da Sie zu Ihrem Liebeswerk noch zwei Taler dazugeben wollen, sagte ich, so will ich mit dem mann reden ... Ich ging in der Dunkelheit die Stiege hinunter und fand, den armen Handwerker mit seinen Kindern um die schon im Sarge befindliche, nur mit einem einfachen weissen Hemde bekleidete Leiche seiner Frau, der Mutter seiner trauernden Kinder ... Mein Anerbieten konnte als ein Werk der Barmherzigkeit gelten und die Annahme fand keinen Anstand ... Ich kehrte zu meiner Auftraggeberin zurück und begleitete sie hinunter ... Mit allen Zeichen der Teilnahme trat sie an den Sarg, fuhr mit der Hand über die kalte Stirn und sagte dann: Hier, lieber Mann, da sind zwei Taler, aber lassen Sie mich mit der Leiche allein! .. Der Mann ging arglos, wenn auch überrascht, mit den Kindern auf den Vorplatz ... ich wollte bleiben ... Auch Sie, Herr Neumeister! sagte sie (ich führte damals noch meinen alten Namen) ... Als ich zögerte und etwas befürchtete, das nicht in der Ordnung war, sagte sie: Herr Neumeister, wenn Sie schweigen und mich nicht stören wollen, können Sie bleiben ... Ich blieb und sah voll Grauen, was die Darstellerin der Zauberinnen, Hexen und Zigeunermütter begann ... Sie stellte einen Beutel, den sie unter ihrem Mantel verborgen hatte, zur Erde, zog eine Anzahl frischer Blumen hervor, legte sie der Leiche auf die Brust, in die hände, ums Haupt. Dann ergriff sie ein kleines Döschen, das ich sofort als Schminktopf erkannte, tupfte hinein mit etwas Baumwolle und schminkte die Wangen der Leiche, dass sie wie volles blühendes Leben aussahen ... Jetzt, meines Grauens und meiner Ausrufungen nicht achtend, ergriff sie gierig die kleine zinnerne Lampe und beleuchtete ihr Werk ... es war ein Anblick, das Haar sträuben zu machen ... Sie redete mit der von ihr geschminkten Leiche und wie mit einem ihr bekannten Wesen, redete voll Teilnahme, voll Herzlichkeit; beklagte die Leiden derselben, tröstete sie, eröffnete ihr ein Reich der seligsten Hoffnungen und ging zuletzt von dannen, wie wenn ihr ganzes Sein sich einmal aufgelöst hätte wieder in Andacht, Poesie und längstentbehrter Liebe ... ich sah sie dahinschreiten wie ein Gespenst ... Als ich allein war, bekämpfte ich mein Grauen, tauchte den Finger in das Oel der Lampe und entfernte die trügerische Lüge des Lebens von den toten Wangen ... Der Gatte und die Kinder kamen zurück ... sie fanden nur die Blumen und stockend erzählte ich, der Alten wäre es ein Bedürfniss, in dieser Art stille Liebesopfer zu vollziehen ... Diese Frau, mit der ich täglich verkehren musste, konnte ich nie mehr ansehen, schwieg auch von dem Vorgefallenen zu jedermann, bis ich von andern erfuhr, dass diese Manie allgemein an ihr bekannt war und dass sie, um sie zu befriedigen und vor den Folgen ihres dadurch erlangten Rufes, der sie die Leichenschminkerin nannte, sicher zu sein, schon seit Jahren ein traurig irrendes Wanderleben führte."

Oft hatte Lucinde diese Stelle gelesen ... mit lachen sogar ... heute erschien sie ihr in einem seltsam andern