1858_Gutzkow_031_254.txt

s Kinder! Auch bei ihnen verweilte sie ... Klingsohr's Verrat an seinem Gelübde ... um ihretwillen! ... Sie lächelte befriedigt, doch sprach sie zu sich:

Mässige dich nur! Sei nur still! Nur still! Lächle nicht, weder vor Freude, noch vor Schmerz! Lass alles über dich ergehen! Lass den Wolkenwagen des Geschicks dahinrollen wie im Gewitter! Zuck' im Weltbrand nicht mit der Wimper! Ertrage, was auch komme, selbst das Seligste, mit Gleichmut! Gib Gehör jedem Befehl, den die Menschen hier, lieblos genug und ewig von Liebe sprechend und eigentlich liebevoll nur gegen zwei Bologneserhündchen, dir erteilen! Sprich schon nichts! In deinem Ton liegt etwas, was der Ohrnerv der Eitelkeit nicht ertragen kann! Du willst ganz so sein, wie sie's wollen! tot! Du willst beten wie sie, denken wie sie, ihre Reden bewundern, ihre Einfälle überraschend finden! Tuschelt dir die Frömmigkeit der Commerzienrätin eines Tages ins Ohr: Liebste, ich habe einen Sack gekauft, kommen Sie, wir bestreuen das Haupt mit Asche und beten in den Sack hinein! ... auch das tu' ich! Will Johanna, dass ich an dem kleinen Professor extraordinarius die kleinen Nägel seiner Finger bewundere, ich tu' es! Ich will leben wie die Wanderer in den Schneealpen sich zu unterreden aufhören, wenn sie hoch oben hinaufkommen und fürchten müssen, durch ein zu scharf ausgesprochenes Wort die tödliche Lavine zu wecken!

Dann bei der zweiten Toilette der Commerzienrätin und Johannens, bei dem nur Putz und Vergnügen erörternden Besuche der Frau Procurator Nück, bei dem Geflüster über die immer enger und enger sich schliessende gefahrvolle Einheit des Ehepaars im zweiten Stock, bei dem gerühmten Behagen an der Ruhe im haus, seit Piter nicht anwesend, bei den Mitteilungen über die Hauptmännin von Buschbeck, ihren Tod, ihre Frömmigkeit, ihr Testament an den Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort und die fehlenden Wertpapiere, diese Kapitalien, die sie als Kind so angestaunt hatte, weil sie ihr wirklich "rings auf den Feldern zu liegen" schienenzu allem schwieg sie, ergänzte nichts, berichtigte nichts; sie wollte alles in sich verschliessen und nurihre Zeit abwarten.

Gegen Abend war auch Treudchen auf einen Sprung gekommen und erzählte vom Kloster, wohin sie wirklich gegangen war ihren Geschwistern zu Lieb. Wie hatte man sie gefeiert! Selbst mit ihren Geschwistern hatte man sie überrascht, die aus dem Waisenhause waren abgeholt worden! Alle hatten Geschenke bekommen! Von Cajetan Roter, dem ehrwürdigen Beichtvater der Schwestern, für den das Sprachgitter nicht vorhanden war, hatte sie selbst ein zierliches Büchlein mit goldenem Schnitt empfangen, das Leben einiger besonders vorzüglicher Heiligen und Heiliginnen darstellend ... Die Kinder trugen eine Last Confect mit sich heim, wie dergleichen auch nur in Klöstern gebacken wird ... Sie zeigte ein von Schwester Beate erhaltenes Nadelkissen in Form eines Ostereis, ganz von Seide, vergoldet und in jenem Geschmack, der so eigentümlich der frommen Kunstfertigkeit hinter Klostermauern angehört ... Schwester Terese hatte dann vorgelesen, Marienlieder, deren einige man im Chore gesungen im Refectorium, vor und nachdem Kaffeeund dieser Kaffee wäre so gewesen, wie nur je einer in der Dechanei zu Kocher am Fall, wenn etwa der Geburtstag des die "lieben Freundinnen" bereisenden Fräuleins von Minnerich oder der Frau Majorin Schulzendorf gefeiert wurde oder eine jener Kindergesellschaften, zu denen der gute Dechant (früher, ehe der Geist der Kirche so streng wurde) alle kleinen Kinder in Kocher am Fall ordentlich durch Visitenkärtchen einzuladen pflegte.

Die frohen Mitteilungen kamen dann auch hier, auf Veranlassung der Dechanei, bei dem Morde der Frau Hauptmännin wieder an, bis dann Treudchen zu Madame Delring, ihrer nachsichtigen Herrin, wieder hinaufsprang ...

Am Abend war auch die zweite, wie es schien quecksilberne Tochter der Commerzienrätin, Frau Procurator Nück, wieder erschienen, eine kinderlose, nur dem Putz und ihrer Eitelkeit lebende Frau. Lucinde hatte sich sogleich ihr Herz gewonnen durch einige Bemerkungen über ein neues Kleid, das sie trug. Sie war gestern im Teater gewesen und häufte das Allernachteiligste auf die Darstellerin der Frau von Waldhüll und die kleinen "Fratzen", die Lucinde so gern wiedergesehen hätte, wenn sie nicht das System gehabt, auch bei Genüssen des Gemüts, sie sich versagend, zu sprechen: "Wozu?" Das war das kalte Wort, das ihr eigen geworden, mehr Worte eines herben Behagens am Entbehren und der Selbstqual als der Herzlosigkeit. Im geist Serlo's hätte sie der Frau Procurator sagen mögen: "Liebste Frau, wäre das Haus voll gewesen, so hätte Ihnen alles gefallen! Da es aber leer war, übertrug sich Ihre Verstimmung über die geringe Bewunderung Ihrer Toilette auf die Leistungen der Mutter, der Töchter, auf alles ..." Sie behielt das, wie jedes dergleichen, zurück, horchte nur dem Gespräch, bei welchem auch Benno genannt wurde, "meines Mannes bester Arbeiter", der "von ihm nach dem Hüneneck geschickt worden ist" ... und auch den Reiz, Benno's Weise gegen den Schein eines Sich-so-nurschicken-lassens zu befreien, unterdrückte sie ... Sie sagte nur immer ihren Leibspruch, ein Wort des heiligen Augustinus: Trahimur! Trahimur!1

Um sich zu beruhigen, hatte sie einmal wieder in Serlo's Papieren zu lesen angefangen und hatte