Erde nach. Die Knie brechen dem Gefolterten. Glücklicherweise sind beide einer Kapelle nahe, in der eben Messe gelesen wird.
Beide knieen und mögen schwerlich beten können ... falls nicht das Gebet ein Zwiegespräch der Seele mit sich selber ist.
Als sie sich erhoben und Bonaventura draussen im Freien fragt: Sie kannten jene Dame? darf der Mönch nur erwidern: Nein oder ja! Er erwidert: Ja! – Es war ein Wort wie ein Menschenleben.
Auf seinem Zimmer fand dann Bonaventura, als er nach dem seltsamsten Selbander von der Welt gegen Mittag nach haus gekommen, gleich beim Eintreten auf seinem Schreibtisch einen Brief, den ihm Renate aus St.-Wolfgang nachgesandt.
Er hatte ihr wohl das Ansehen einer grossen Wichtigkeit gehabt, denn er war mit Poststempeln über und über bedeckt.
Bonaventura erbrach und las:
Sub sigillo confessionis.
Quando quis tibi occurrit sidei romanae sacerdos ...
Wir kennen die rätselhafte Einladung, die auch an
Wer weiss, ob dieser jetzt, wie er über die Berufung des geliebten Neffen durch die Römlinge zitterte, nicht ebenso von Bangen wäre ergriffen gewesen, hätte er das leuchtende Auge gesehen, mit dem Bonaventura diese Zeilen las und wieder las und sich nicht trennen konnte von den Worten: "Der nicht den Tod eines Huss, Savonarola, Arnold von Brescia scheuen würde, um die Kirche von ihren Fehlern zu reinigen!"
Freiheit! Freiheit! riefen tausend Stimmen in seiner Brust. Alle Creatur schien ihm zu schmachten nach Erlösung. Die gefesselte Zunge der ganzen Menschheit schien ihm nach Sprache zu ringen ...
Er bewunderte den Kirchenfürsten; aber seine Ideale wankten. Er verzweifelte an der Kraft, in den grossen Vorstellungen von seinem Beruf, die ihn sonst wie mit Cherubsflügeln emporgehalten, ein ganzes Leben lang noch mit seinem innersten Menschen aufzugehen.
9.
Düster brannte die Lampe in einem kleinen, engen, doch behaglich eingerichteten Zimmer.
Die weissen Vorhänge zweier Fenster waren niedergelassen ... Tiefe Ruhe ... nur zuweilen das Schnobern von Rossen wurde hörbar in dem hof, auf den sie hinausgingen.
Elf Uhr schon ...
Im Nachtgewande sitzt Lucinde auf einem weiss überzogenen kleinen Kanapee ... vor ihr steht ein blinkender Mahagonitisch mit Zeitungen und Büchern bedeckt ... in einem Winkel des Zimmers, hinter einem Schirm, steht ein Bett ... Im kleinen weissen Ofen prasselt eine behagliche Flamme.
Endlich war sie frei von ihrem Tagewerk der Verstellung, hatte sich entkleidet, konnte noch nicht zur Ruhe gehen und wollte wachen.
Die dunkeln Haare hängen, halb schon aufgelöst, über Nacken und Stirn herab ... diese Stirn, die seit einigen Jahren erst sich so mächtig über die Augen vorgedrängt ... sie stützt sie mit der durch das Emporhalten fast blutlos gewordenen, schneeweissen Hand ...
Auch das lange bauschige Kleid, das sie umhüllt, ist weiss ... wie musste die Schwärze ihrer Locken, das Feuer ihrer Augen dagegen abstechen! .. Die Unruhe ihres Geistes zeigte sich in den Lippen, an denen die weissen Zähne zuweilen sichtbar werden; sie drückt und schneidet in sie fast mit ihnen ein.
Schon oft hatte sie begonnen, die Haare zur Nachtruhe zu flechten und zusammenzulegen ... immer war sie von der Arbeit abgekommen, hatte die hände sinken und dann den Kopf in so schräger Lage beharren lassen, als wenn sie noch flocht, noch ordnete ... Wurde er ihr zu schwer, so stützte sie ihn ... Darüber hatte sich der kleine Messinglampendocht verzehrt, aber lange währte es, bis sie die Düsterkeit merkte; dann griff sie zu und schraubte ihn höher und das weisse Licht verbreitete sich heller auf die weissen Vorhänge, die Gestalt im weissen Nachtgewande ...
Lucinde gedachte des Gestern und Heute ... Der leuchtendste Punkt war die Begegnung am Morgen.
Porzia Biancchi hatte in dem daherkommenden Geistlichen eine Aehnlichkeit entdeckt, die sie dem Vater und den Brüdern mitteilte, diese dann wieder dem Onkel Marco, der ein Maler war und die Kunst übte, alte Bilder zu restauriren und der dafür in diese an alten Bildern so reiche Stadt berufen war ...
Wohl schlug das Wort an Lucindens Ohr, dass der daherkommende Geistliche dem Eremiten Federigo von Castellungo wie aus den Augen geschnitten ähnlich sähe; wohl nannte sie des von ihr, trotzdem, dass sie Klingsohrn sah, so ehrerbietig Begrüssten Namen, den freilich nur Porzia's Vater kannte von dem Dechanten, seiner buona pratica her ... aber sie hörte nur das verhallende Knistern auf dem steinernen Estrich von Bonaventura's Schritten, staunte nur dem leisen Gange eines mit Sandalen und nackten Füssen dahinschreitenden Mönches, hörte dessen Lieder und dityrambischen Sprüche, die ihr aus dem einzigen starren Schreck seines sie erkennenden Blicks wie tausend Raketen aufschossen ... sie sah nur noch dann, wie sie beide niederknieten und zu beten schienen ...
Aus dem Dome schritt sie, heute die Segnung mit dem Weihwasser vergessend.
Sie war im Kattendyk'schen haus wieder, nahm die Abschiedszeilen der Serlo-Leonhardi (die schon den Wortbruch entielten, doch von des Mönches nächtlichem Besuch zu erzählen – glücklicherweise war sie mit ihren Kindern wirklich abgereist –) und sammelte sich erst nach den Anstrengungen des Zusammenlebens mit einer sanguinisch erregten, das Wichtigste leicht, das Leichteste wichtig nehmenden Familie, Abends spät, in diesem Zimmer, das in den Hof gehend ihr als das ihrige war angewiesen worden.
Serlo'