1858_Gutzkow_031_252.txt

... Ich finde diese Menschen, klein wie immer, geringfühlend wie immer, voll Zorn über die Leere des Teaters, voll Hohn über das Ausbleiben des Beifalls ... aber vor ihnen steht dennoch ein köstliches Mahl, liegt eine Rolle Geld ... eine Sendung war es von Lucinden ... Sie ist hier! Hier in dieser selben Stadt .... Und da sollt' ich nun auf und davon? Sollte nicht verweilen, lauschen, horchenaus meiner begrabenen Welt! ... Sollte nicht vertrauen, dass Menschen, die durch die Schule des Geschicks so tief gedemütigt waren, dass sie sogar Konstanzen Huber, wie sich Lucinde genannt, das Wort gaben, sie nirgends zu kennen und sofort diese Stadt zu verlassen und auf die Woge des Lebens zurückzukehren (was sie hätte und erwürbe und teilen könnte, hatte sie geschrieben, sollte ihnen, wenn sie wollten und wo sie wollten, gehören) ... sollte nicht vertrauen, dass durch Geld und Mitleid gewonnen, diese Menschen mich nicht verrieten ... Ich wäre geblieben bis zum Hahnenschrei! Ich hätte geredet und geträumt, wenn mich nicht die Erzählung von unserm Abschied einst in Lüneburg zur Besinnung gebracht und an das Portefeuille erinnert hätte, das ich plötzlich mich erinnere, in meinem Ordenskleide gelassen zu haben ... Nun, wie zerschmettert schon von einer Strafe des himmels, wank' ich davon ... Rings die stille Nachtbis ich zurückkäme versprach mir die jüdische Sibylle zu wachen ... ich finde sie ... lesendim Spinoza, einem Geschenk eines Priesters Namens Leo_Perl ... wir suchen und suchen das Portefeuillees findet sich nicht ... Mitternacht ist vorüber ... die Jüdin gibt mir Geld, um den Wächter des Professhauses bestechen zu können ... einen neuen, noch willfährigen Knecht ... Wie sie das Geld klingen lässt und sagt: Pater, Ihr wisst nicht, welche Freude ich habe, der Kirche einen Heiligen zu stehlen und Gott einen Menschen zu schenken! da wank' ich dahin, komme in meine wohnung, glaube unbemerkt geblieben zu sein, werde in der Frühe zum Kirchenfürsten gerufen, ahne die Kunde von meinem Vergehen und kam, bereit zu sagen: Tödtet mich, wenn ihr wollt! Ich konnte nicht anders!

Wie beide Leviten so dahinschritten, näherten sie sich der Katedrale. Sie traten in den majestätischen Bau, unter Menschen, die nichts von ihrem Seelenleid ahnten, nichts von der Gebundenheit ihres Willens und ihrer Sinne ...

Da entdeckte Bonaventura in einiger Entfernung, in einer Nische, die vom hellsten Sonnenlicht, das durch die bunten Fenster brach, beschienen war, in einer Gruppe, die sich laut und wie es schien in fremder Sprache unterhielt, eine Gestalt, die ihn jetzt im erhöhten Grade erschrecken musste ...

Nur ihren rücken sah er. Sie stand in schwarzseidenem Kleide, dunkelm hut, sprach mit den Fremden, die dem Volk anzugehören schienen; es war ihm, als könnte es nur Lucinde sein ...

Der Mönch las mechanisch die Inschriften der Leichensteine ...

Bonaventura hätte ihn aus dem Wege zu jener Fensternische fortziehen mögen ...

Der Mönch schritt in sich versunken und lesend an den Leichensteinen weiter und zu jener Gegend hin, ohne auf ihn zu hören ...

Schon waren sie der Nische so nahe, dass die drinnen geführte Unterhaltung gehört werden konnte ...

Sie wurde in italienischer Sprache geführt ...

Zwei Männer, der eine in kurzer Jacke, der andere wohlangetan, mit einigen jungen Leuten, einem Mädchen darunter, sprachen bald zu den Bildern des Fensters gewandt, bald zu jener Dame in dem schwarzen Kleide ...

Es war Lucinde ...

Bonaventura hörte es an ihrer stimme ... er hatte auch neulich von den Italienern, von dem Gipsfigurenhändler und seinen Kindern gehört ...

Der Mönch schreitet näher, hält einen Augenblick inne, horcht den italienischen Lauten und saugt sie voll Begierde ein, wie Duft aus dem land der Palmen ...

Jetzt wendet sich Lucinde und wird auch seiner ansichtig ...

Wir wissen, dass sie zum Tod erschrecken kann ohne das mindeste Zucken der Augenwimpern ...

Blass und marmorkalt mustert sie die beiden Daherkommenden: den Mönch, den sie schon um der Seltsamkeit seiner Tracht willen erkennen musste; Bonaventura, vor dem sie in diesem Augenblick durch die Entüllung ihrer Beziehung zu seinem Begleiter glauben durfte, alles zu verlieren ...

Der Mönch hört seinen Anruf nicht und liest nur die Inschriften der Leichensteine ...

Auf den jetzt ihn treffenden blick und den sich verneigenden Gruss Lucindens hatte sich Bonaventura sammeln können. sonderbar, auch die Tochter des Italieners schien ihn zu kennen, die ihm doch fremd war ... Mit einer hastigen Geberde deutete sie auf ihn und flüsterte mit dem Vater und mit den Brüdern ...

Bei alledem hatte Lucinde den Pfarrer gegrüsst, ganz ehrerbietig zu ihm aufblickend. Vor dem Mönche aber schlug sie die Wimpern nieder ...

Eine Italienerin vermutet dieser ... ohnehin mühsam dahinschreitend, hält er einen Augenblick inne ... und jetzt wie festgewurzelt steht er und sicher hätte er durch einen lauten Ruf sein Erschrecken kund gegeben, wenn nicht Bonaventura, die wirkung dieser Wiederbegegnung vorahnend, seinen Arm ergriffen und ihn von dannen geführt hätte.

Mühsam folgt Klingsohr. Das lange weite Gewand schleift an der