1858_Gutzkow_031_250.txt

Kirche verloren haben würden!

Dumpfes Schweigen auf diese fast weich gesprochenen Worte ...

Eingetreten sind Sie in eine grosse Heilsanstalt gegenseitiger Erziehung! fuhr Priester Immanuel fort. Ich möchte Sie nicht aufgeben; ich möchte Sie dem Wirken erhalten, für welches Sie so rühmenswerte Proben Ihrer Befähigung abgelegt haben! Pater! Dass sich der Geist, in dem Sie allein ausserhalb der Zelle leben dürfen, heilige, dass Sie sicher sind vor den Anfechtungen und dem Rückfall in die Reize dieses Lebens, denen Sie abgeschworen haben, muss ich Ihrem Wandel von jetzt an die bestimmtesten Grenzen ziehen! Sie verlassen nie mehr diese Stadt ohne eine hier von meinem Kaplan eingeholte erlaubnis! Sie meiden jeden öffentlichen Versammlungsort! Sie rüsten sich, dass Sie jeden Abend von sieben Uhr an in Ihrer wohnung, dem Professhause, angetroffen werden! In jeder Stunde, wo vom Kloster Himmelpfort Ihnen bekannt ist, dass Ihr würdiger Guardian eben die Tür seiner Zelle öffnet, Miserere ruft und die Patres, seinem Beispiele folgend, sämmtlich sich mit der Disciplin dreimal den rücken geisseln, sollen auch Sie das Confiteor sprechen, wo Sie sich irgend befinden. Und d a ss Sie es tun, wirklich tun, Pater, erinnere ich Sie an das Wort jenes Mönches, zu dem ein Zweifler sagte: Geisseln Sie sich denn auch wirklich in Ihrer geschlossenen Zelle, wenn der Guardian in der seinigen Miserere! ruft? "Herr! Man hat Ehre!" sprach er.

Der Kirchenfürst stand eine Weile und schwieg ...

Bonaventura erwartete eine Entgegnung des Mönches ...

Nur die lauten Atemzüge desselben hörte er ...

Was führte Sie auf, die Galerie des Teaters? begann der Kirchenfürst aufs neue. Was suchten Sie in der Nacht in jenem Gastause?

Nach einer langen Pause hörte Bonaventura die Worte.

Nichts so Unedles, als Sie denken, Eminenz ... Doch ... ich verlor meinen Beichtvater

Diese Worte wurden mit grosser Schärfe betont.

Wen wollen Sie wählen?

Wenn Herr von Asselyn hierher versetzt würde und ich dann nochhier weile

Der Mönch stockte ...

Wohlan! sagte der Kirchenfürst und wie aufs angenehmste überrascht. Es war Ihnen von mir aufgegeben worden, den edlen und gotterleuchteten Pfarrer von St.-Wolfgang, Bonaventura von Asselyn, auf die kurze Zeit hier zu begleiten, bis ich im stand sein würde, mich so ausführlich wie ich musste, mit diesem Werkzeug Gottes zu verständigen. Im Umgang mit demselben, den Sie von stunde' an fortsetzen sollen, verbiet' ich Ihnen kraft der mir übertragenen Ordensgewalt Ihres Provinzials, jemals aus eigenem Triebe irgendein Wort mit ihm zu reden! Nie sollen Sie selbst das Wort ergreifen! Nie sollen Sie anders als nur ein Ja und ein Nein für ihn haben! Der Priester Bonaventura weiss es, dass ihm die Rede gestattet ist, ihm die Unterhaltung, er weiss aber auch, dass er Ihnen keine einzige Frage stellen darf, als eine solche, der die kurze Antwort: Ja oder Nein gebührt! Denn warum verhäng' ich gerade Ihnen diese Strafe? Weil Ihre grösste Aufgabe die sein soll, den Drang zu tödten Ihrer geistaschenden Mitteilung! Absterben muss Ihre Neigung, durch Ihre Vergangenheit Ihre Gegenwart Lügen strafen oder über Ihr Kleid hinaus sich immer noch verklären zu wollen. Durch Ihren Geist, Ihre Kenntnisse wollen Sie das Vorurteil Ihres Standes widerlegen. Aber wenn Sie das Gelübde der Armut ablegten, stand an der Spitze der Entbehrungen, die Sie sich vorzuschreiben hatten, die Armut am geist! Diese bekennen Sie und dann wird Ihr Sinn sich läutern! Nichts hat die Verführung zum Laster mehr im Gefolge als jene Gedanken, die schimmernde Ausdrücke suchen, jener Reiz, der Sie verführt, sich in der Vielseitigkeit Ihrer Auffassungen, in der Fülle von Gesichtspunkten, auf dem schwindelnden Wege der Contraste und Paradoxen zu ergehen; derselbe Reiz stumpft das Gefallen an dem Einfachen und Charaktervollen ab. Ihnen, Pater, Ihnen ist, wie der ganzen Richtung des Jahrhunderts, vor allem das "Wort zur unrechten Stunde" zu nehmen! Rancéder kannte diese Gefahr, als er nach einem Leben geistreicher Frivolität den Orden der Trappisten stiftete! Ich verlange keinen Dank für meine Schonungich werde mir selber ein Gebet um die Vergebung Gottes auferlegen, dass ich so milde warich strafe Sie, wie mir scheint, dass es Ihnen heilsam ist! Und die in dieser Form meiner Verzeihung liegende gegenseitige Erziehung wird auch andern gut tun! Treten Sie näher, mein Herr von Asselyn!

Damit trat der Kirchenfürst an den Vorhang, zog diesen zurück und Bonaventura stand mit dargereichter Rechten, wie um Verzeihung bittend, vor dem in Staunen und tiefster Scham halb aufwallenden, halb vernichteten Mönche ...

Mit unerschrockener Miene sprach Priester Immanuel:

Deshalb hab' ich Bonaventura von Asselyn zum Zeugen dieser Scene gemacht, weil ich auch ihn in den Ernst unsers geistlichen Lebens und in unsere wahre kirchliche Schule einführen wollte! Schon Ihre Ungeduld zu bekämpfen, dass Sie noch einige Tage hier zu warten hatten und ferner warten sollen, Herr von Asselyn, musste Ihnen nützlich sein! Nützlich wird Ihnen auch werden, das aufgedeckte Leben des Paters zu sehen und es doch so nur zu berühren, als wenn Sie es nicht kennten! Ja und nein, nein und ja! Bis zu dem Tage, wo Ihnen Sebastus vielleichtdie beichte spricht ... Lasset euch beide das, was ihr heute erlebtet, eine Uebung sein,