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und Wiesen, denen sich in frischen Farben Dörfer, weiterhin ansehnliche Städte entwinden. Die schroffern und die Seele mit mächtigen Ahnungen erfüllenden Partieen musste man im Gebirge suchen; diese Ebene hier bot den Charakter der Milde und Lieblichkeit. Nach Osten hin sah man an besonders lichtellen Tagen in dunkler Färbung die Nadelholzcontouren des Harzes. Dabei waren die Volkssitten lebhaft, ja keck und herausfordernd. Es gab Aufzüge und Feste aller Art, sogar ein Schützenfest für Frauen. Morgens in erster Herbstfrühe ziehen die Ehefrauen der Gemeinde, unter ihnen manche Anmutige, von irgendeinem hof aus, in goldenen landüblichen Häubchen und Stirnbinden, mit Bändern und Blumensträussen geschmückt, mit den Gewehren ihrer Männer in den Händen. Der Kammerherr hatte verlangt, dass Lucinde die Schützenkönigin spielte, die mit dem Zeichen ihrer Würde, den Säbel an der Seite, vorausmarschirte. Da sie nicht verheiratet war, so setzte man die äusserste Anstrengung daran, ihn von diesem Verlangen abzubringen. Sie begnügte sich dann auch mit der Rolle des Fähnrichs. Die Fahne aber, die er sie tragen liess, war eine wunderliche Curiosität, die er selber erfunden hatte. Er beschäftigte sich nämlich mit der hier landesüblichen gelehrten Spielerei, in den Nachrichten der Alten über den Aufentalt der Römer in Deutschland Tatsachen und Namen aufzufinden, die mit den Sitten und Namen der Gegenwart noch in irgendeinem Zusammenhange stehen. Der Kammerherr wusste genau, wo Varus von Hermann dem Cherusker geschlagen war, er behauptete, dicht bei Neuhof, dem schloss seines Vaters. Er war auch selbst in Rom gewesen und vermeinte, dort in den Altertumsschätzen des Vatican Dinge gesehen zu haben, die die Römer nur auf der heiligen roten Erde Westfalens gefunden haben konnten. Dortige alte Trinkgefässe wären nur aus Glashütte gekommen, einem Vorwerk seines Vaters, alte Wurfgeschosse nur aus einem ganz bestimmten Holze, dem Düsternbrook hinter Neuhof, geschnitzt, alte Waffen aus einer uralten Schmiede hervorgegangen, die seit Jahrhunderten die Hufe der Rosse seines Hauses beschlug. Nur in einem wich er von dem Urteil seines Vaters ab. Er las den Tacitus ziemlich geläufig und hatte die besondere überzeugung, dass der Tempel der T a n f a n a , wo die alten Deutschen angebetet haben sollten, nicht etwa die grosse D ä m p f p f a n n e der Saline Hallenstein seines Vaters war, wie dieser selbst und alle Pastoren der Umgegend glaubten, sondern nur eine Tannenfahne, nämlich der alte deutsche, weiland heidnische, dann so gründlich getaufte, bekehrte und christlich gewordene liebe W e i h n a c h t s b a u m , den in der Tat Lucinde mit bunten Bändern geschmückt und mit allerlei zierlichen Vergoldungen bei jenem Schützenfeste als Fähnrich tragen musste. Da auch in diesem Weihnachtsbaume, Tanfana, Tannenfahne, dem Palladium der alten Deutschen, goldene Ringe, Ketten, Schaumünzen hingen, die die Siegerinnen im Schiessen gewinnen sollten, so liess man sich diese Verbindung des alten heidnischen Rom mit Deutschland und dem überwiegend protestantischen Eibendorf (katolische Einwohner waren in einem Nachbardorfe eingepfarrt) gefallen. Es waren Geschenke von dem sogenannten "tollen Kammerherrn".

Auf die Länge musste freilich den Pfarrer die unsichere Herkunft und das längere Verweilen Lucindens beunruhigen. Er hatte dem Kronsyndikus nach Neuhof, dem Stammsitze der Wittekinds jenseit des Gebirges, wiederholt seine Bedenken mitgeteilt. Da aber die wirkung der Abenteurerin eine so vorteilhafte für den Kammerherrn war, so befahl der Vater, an diesem Erziehungsplane, den der Zufall an die Hand gegeben, vorläufig nichts zu ändern. Seine Briefe waren kurz und bestimmt, wie die Art des Mannes überhaupt sein sollte. So duldete man das, was nach und nach anfing auch seine Mislichkeiten nach sich zu ziehen. Denn weder die vom Gewöhnlichen abweichende Situation des Geisteskranken, seine einsamen Wanderungen mit der Fremden, seine Ausbrüche von Eifersucht, noch Lucindens mehr zum Zerstören als zum Schaffen geneigte natur blieben lange unverborgen ... Schon fing sie an, als es zum Winter ging, sich an dieser sich gleichbleibenden Lage nicht zu genügen: selbst der Bann einer solchen Huldigung, wie sie sie hier, allerdings ohne die geringste intimere Belästigung fand, wurde ihr zu enge, der gang der Tage wurde zu gleichförmig, die Welt, in der man hier seine Befriedigung gefunden hatte, brachte selten eine andere Unterhaltung als eine Torheit des Kammerherrn mehr. Die Menschen, die es da und dort noch zu gewinnen gegeben hätte, hielten sich in scheuer Ferne, selbst Graf Zeesen, der alle zwei Monate einmal von seinen nahe liegenden Gütern kam, um einige Stunden lang die sonderbarsten gespräche mit dem Kammerherrn zu pflegen. Wäre Graf Zeesen nicht ausgesprochen katolisch gewesen und im Pfarrhause dieser Punkt des Kammerherrn wegen mit grosser Zurückhaltung behandelt worden, die Familie hätte vielleicht auch den Grafen mindestens tiefsinnig genannt.

Dieser noch junge Cavalier war nach den Aeusserungen des Kammerherrn zu Lucinden, die von ihm alle seine Familienbeziehungen erfuhr (nur nie etwas über die Frau "Hauptmännin" von Buschbeck oder das fräulein von Gülpen, eine Persönlichkeit, die er nicht zu kennen behauptete), sein zweitbester Freund. Der erstbeste hiess Doctor Heinrich Klingsohr. Doch fügte er regelmässig mit einem Kreuze, das er dabei in die Luft malte, hinzu: Klingsohr ist mein bester Freund, aber er hat mich verraten! Vom Grafen Zeesen, mit dem er studirt hatte und in Rom gewesen war, liess er eine aufrichtige Hingebung gelten, beklagte aber ein unglückseliges Geschick desselben, das er nie genauer angab. Die Pfarrerin verriet es eines Tages Lucinden,