und ein grosser Stammbaum der Truchsess, der zurückführte in die zeiten Karl's des Grossen. Am äussersten Ende, da, wo alle Zweige einander näher sich rückten und das Ende des einst so reich entfalteten Geschlechts andeuteten, verlief er sich in welken Blättern. Die Spitze bildete der Name des Kirchenfürsten selbst. Auf dem dazu gehörenden Blatte sass ein Käfer, auf dessen goldener Flügeldecke ein schwarzer und ein weisser Todtenkopf abgebildet waren.
Bonaventura konnte, ehe er mit beklommenem Herzen unter diesen Stammbaum sich setzte, die Umschau ruhig anstellen, denn es währte einige Zeit, bis der Kirchenfürst den Mönch einliess. Er schien entweder erst in seinem Bureau unter Papieren gesucht oder endlich den Brief seines Monarchen gelesen zu haben.
Jetzt hörte man das leise Rauschen eines auf dem Fussboden anstreifenden Gewandes ...
Mit lauter und deutlicher stimme, sodass dem gezwungenen Hörer kein Wort verloren gehen konnte, begann der Kirchenfürst:
Setzen Sie sich, Pater!
Als dies geschehen sein konnte, hörte Bonaventura die Anrede:
Ich habe Sie rufen lassen, um einige Worte mit Ihnen zu sprechen, Pater; Worte, die sowohl das Ihnen geschenkte Vertrauen betreffen, wie Ihr Seelenheil! Ihr Provinzial hat mir Vollmacht dazu gegeben ...
Keine Antwort ...
Haben Sie hier einen Beichtvater? begann der Kirchenfürst mit erhöhter stimme ...
Sebastus nannte jenen Domherrn, der sich in der Herausgabe des Origenes so vergriffen hatte und "mit seinen gesammelten Lesarten" in diesen Tagen beerdigt wurde ...
Bei dem Rauschen eines Papieres durfte sich Bonaventura vorstellen, dass dem Mönche vom Kirchenfürsten ein Brief überreicht wurde ...
Sie haben Unglück mit denen, denen Sie Ihr Vertrauen schenken! sagte der Kirchenfürst. Auch der Provinzial Henricus, der Ihnen so innig zugetan war, lebt nicht mehr ... Vor einem Jahre, kurz vor seinem Ende, erhielt ich einen Brief von ihm, den Sie lesen sollen! Zur Ermutigung! Ich hör' ihn gern zum zweiten male!
Der Mönch las leise ... Seine stimme lag hoch und hatte die norddeutsche Schärfe. Sie war für Bonaventura vollkommen vernehmlich. Er hörte:
"Seit lange bin ich nicht in der Lage gewesen, Eurer Eminenz ausser den Berichten, die über den Stand unseres Klosters an unsern P. General in Rom abgehen, auch eine gelegentliche Mitteilung über die Erlebnisse zu machen, die Ihrer hohen Fürsorge für die vaterländische Kirche in Erfahrung zu bringen von Wert sein könnte. Mein Wirken für die Ausbreitung der Mässigkeitsvereine, die der Heilige Stuhl mit so besonderen Gnaden gewürdigt hat, greift immer segensreicher um sich. Ist auch unsere Bevölkerung nicht so verkommen wie die Irlands, wo Pater Mattew den Geist der Mässigung predigt, so stehen wir doch hinter dem, was Pastor Schläger auf dem protestantischen Gebiete leistet, nicht zurück. Ja, wir reichen uns auf diesem Gebiete die hände ..."
Hatte der Mönch schon bei Erwähnung einer bekannten Wirksamkeit des verstorbenen Provinzials Henricus, Verbreitung der Mässigkeitsvereine, gestockt, so konnte der Kirchenfürst jetzt Zeit gewinnen, einzuschalten:
Obgleich auch hier der Geist, aus dem beide Bekenntnisse zu wirken haben, ein völlig verschiedener sein sollte ... Der gute Henricus gehörte noch zu sehr den Freimaurern an und starb sogar, seltsam genug für einen Mönch, mit einem weltlichen und protestantischen Orden auf der Brust! Was man früher nicht alles erlebt hat! ... Lesen Sie aber!
Mit jenem Gehorsam, der zu seinen Gelübden gehörte und den von ihm zu fordern der jetzige Provinzial, auch Guardian, des Klosters Himmelpfort, des Pater Henricus Nachfolger, für die Zeit seines Verweilens ausser Clausur auf die Curie dieser Stadt und den Kirchenfürsten übertragen hatte, las der Mönch weiter:
"Heute möchte' ich eine Bitte erheben zu Gunsten eines unserer Brüder, des Paters Sebastus! Unser General hat mir gestattet, ihm eine Weile die Freiheit des ausserklösterlichen Lebens zu gewähren. Aber dass sie die Regierung, die in diesem Punkte so streng ist, auch genehmigt, dafür kann nur Eurer Eminenz hohe Bürgschaft eintreten."
Ich schlug damals sein Anliegen ab! ergänzte der Kirchenfürst.
Der Mönch fuhr fort:
"Freiherr von Wittekind-Neuhof war es, der uns diesen Novizen, einen ehemaligen Docenten der Rechte in Göttingen, zuführte, aufs dringendste anempfahl, ja väterlich beschützte, obgleich der zweite Sohn des Freiherrn im Duell von ihm erschossen war ... Nach einer Reihe von Unglücksfällen, inneren und äussern Erschütterungen wandte sich der greise Freiherr mit besonderm Verlangen den Gnadenmitteln der Kirche zu, besuchte uns oft, schenkte Kirchen und unsern verschiedenen Stationen höchst wertvolle Gaben und überraschte uns eines Tages durch diesen jungen Mann, der an seiner Hand mit heiserer stimme, hinfälligen Ganges, zerrüttet an Seele und Leib, an mein Kämmerlein pochte und vor Entkräftung auf meinem Lager zusammensank ..."
Bonaventura hörte voll Schmerz die lauten Atemzüge des Gefolterten. Er kam sich vor, als stünde er vor einem Käfig, in dem die ruhige Gefassteit eines Wärters den Fuss auf einen Panter setzt, den er abrichtete. Kam ihm der Gedanke, dass es Frevel wäre, wenn Menschen so an Menschen ihre innersten Seelenzustände durchwühlen? Oder erschien es ihm gross, um eines Gedankens willen, schon wenn dieser Gedanke ein Irrtum wäre, wie der Gedanke des DalaiLama oder der Sonnenanbetung, wie viel mehr dem des Dreieinigen Gottes, das Geheimste der menschlichen Ichwelt zu opfern? Doch wich er, wie er das gelernt hatte, dem Urteilen aus und