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, die entweder selbst unter geistlicher Obhut standen oder nur unsern Glauben bekannten, waren an sich schon leider dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen. Wilde, zerstörende, neuernde Gedanken, die von Aufbau sprachen und den Riss ihrer Pläne nach Modellen der Phantasie entwarfen, blieben damals ohne alle Rücksicht auf das Gegebene. Nichts galt für geistvoll, nichts für schön, nichts für gross, was nicht dem Wesen des Freimaurertums entsprach. Ich will von dem Elend nicht sprechen, das bekenntnisstreue französische Bischöfe in der Verbannung auf englischem Boden zu Bettlern machte; im eigenen Vaterland konnte man erleben, dass die Mittel fehlten, dem äussern Gottesdienst den letzten Rest seiner erhabenen Würde zu erhalten. Ja, aber wie ist das nun alles mit Gottes Beistand so wunderbar anders geworden! So gross, so herrlich, mein lieber Herr von Asselyn, und kaum nach einem einzigen Menschenalter! Lediglich durch die gewaltige Widerstandskraft und firmamentfeste Vis inertiae des zuwartenden und seine rechte Zeit erkennenden römischen Princips!

Bonaventura wagte auf die herablassende Vertraulichkeit des Sprechers zu erwidern ... Er wagte den in die Tiefe gehenden deutschen Geist selbst zu nennen als den, der hier dem römischen Princip die stärkste hülfe gebracht hätte. Ja er wagte, da der Kirchenfürst schwieg und ruhig seine Pfeife ausklopfte und sie aus einer gewöhnlichen, mit grüner Schnur besetzten Tabacksblase neu füllte, die Literatur und die Kunst zu nennen und liess die Namen einiger Geister fallen, die man in dieser Verbindung zu nennen pflegt ...

Der Graf hörte ruhig zu, rauchte wieder und ermunterte durch sein Schweigen fortzufahren. Ob vielleicht im Vorzimmer noch jemand wartete, ob ein Brief seines Königs unerbrochen lag, alles das schien ihm jetzt völlig unwesentlich ...

Das gedemütigte deutsche Vaterland, sagte Bonaventura, musste sich aus seiner Gegenwart flüchten und neue Kraft sammeln in der Erinnerung an seine Vergangenheit! Fehlende deutsche Treue, Tapferkeit und Mut lagen nur noch in den Beispielen unserer alten deutschen Tage! Aus den gebrochenen Burgen auf unsern Bergesspitzen erhoben sich im Dämmerschein der Dichtung die Geister der abgeschiedenen zeiten, aber zur glücklichsten Vorbedeutung; die Nebel fielen dann, und die Welt, die wir vergessen wollten, ja die wir vergessen mussten, diese lag nun nicht mehr vor uns; eine neue hatte sich aufgetan, es war die Welt, die uns die Forschung errungen hatte. Die Rosen in den bunten Domesfenstern fingen wieder an zu glühen; die steinernen Bilder an den Kreuzwegen sprachen wieder dem ermüdeten Wanderer mit lebendigem mund; eine Pilgerschar, die mit einer Fahne voraus und dem Bilde des geopferten Lamms durch goldene Saatfluren auf einen Berg mit einer wundertätigen Erinnerung zog, war kein Zug von Narren mehr, die man verspottete. Künstler folgten und setzten sich auf einen Vorsprung dieses berges und zeichneten die Scene voll Andacht und Hingebung. Kunst und Poesie verjüngten den abgestorbenen Glauben. Die Zeit war es, wo man um jene Marieen, die mit dem Lilienstengel in der Hand, mit Myrte und Masslieb im Haar der Verkündigung sich neigen, um Bilder alter Meister, die man früher verlacht hatte, jetzt goldene Rahmen zog, grössere und prachtvollere, als die einfachen kleinen Bilder selbst waren!

Der Kirchenfürst ging auf und nieder und liess eine Pause beiderseitigen Stillschweigens ...

Dann erwiderte er:

Sie waren gestern in Begleitung des Franciscanermönchs, Pater Sebastus?

Ein: Ja, Eminenz! erstarb auf Bonaventura's Lippen, der diese Erwiderung nicht erwartet hatte, aber ahnte, was sie als Antwort sagen konnte.

Ich liess den Pater durch Michahelles rufen! fuhr der Graf fort. Er wird jetzt, denke' ich, da sein! Ja, ich wünschte, dass Ihr berühmter Name, Ihr edler Geist, Ihre grossen Talente sich zum Heil der Kirche bewährten, Herr von Asselyn! Aber das Gebiet auch Ihrer Anschauungen muss sich erweitern oder vielleicht verengern, je nachdem. Das Leben des Volkes ist der wahre Tummelplatz eines Priesters, der dem Reiche Gottes dienen will. In dem gesunden Gefühl der VölkerDoch treten Sie dort hinüber! hören Sie eine notwendige Verhandlung mit dem Pater! Eine Scene wird uns mehr verständigen, als eine Debatte, und Sie wissen, die Zucht des Priesters beruht auf Gegenseitigkeit.

Bonaventura begriff nicht, was der Kirchenfürst beginnen konnte ...

Priester Immanuel aber hob einen Vorhang, der sich in dem Winkel befand, auf den er gedeutet hatte, und sagte:

Ich mache Sie nicht zum Lauscher! Der Mönch wird später selbst erfahren, dass Sie zugegen waren und gehört haben, was ich mit ihm verhandelte! Es sei ein Exercitium! Und eines für unsalle drei!

Perinde ac cadaver essetis! Gehorsam, als wenn ihr Leichname wäret! sagte eine stimme in Bonaventura's inneren und sie klang wie aus dem mund des Onkel Dechanten.

Er trat hinter den Vorhang.

8.

Ein kleines Gemach war es, in dem sich Bonaventura befand, das Schlafcabinet des Kirchenfürsten.

Einfach wie eine Klosterzelle entielt es einen hohen, altertümlichen Kleiderschrank; das Bett war einer Pritsche ähnlich, schmal und hart. Ringsum standen einige Stühle, die Vorrichtung eines Tropfbades hing an der Decke. An der Wand über dem Bett hing ein einfaches Crucifix von schwarzem Holze, darauf ein Christus von einer metallenen Composition.

Der einzige Schmuck des Gemaches war ein Brustbild, einen jungen Mann darstellend, dessen Aehnlichkeit mit dem Kirchenfürsten wohl darauf schliessen liess, dass es seinen durch des Rittmeisters von Enkkefuss Hand im Duell gefallenen Bruder darstellte.

Nebenan hing noch eine Wandkarte Europas