und Wiedergeburt bringt Schmerzen! Ist eine Mutter ein grosses Wort, ist der Geist ein grösseres! Unsere Mutter ist die Kirche!
Und dann, als wäre die ganze Welt in Frieden mit ihm und keine andere Wolke für ihn zu zerstreuen, als die aus seiner Meerschaumpfeife, erkundigte er sich nach Bonaventura's Bildungsgang.
Auf- und abgehend, wünschte er von den Ergebnissen seiner Seelsorge zu hören, kam auf das nahe gelegene Kocher am Fall, vermied des Dechanten zu erwähnen, rühmte aber den dortigen Aufschwung der Gemüter und deutete offenbar die Bestrebungen des Stadtpfarrers an, wenn er sagte:
Nur ist es unsere Pflicht, bei solchem Festalten an dem Felsen, auf dem der Herr seine Kirche gegründet wissen wollte, Seltsames und Auffallendes zu vermeiden! Es sind mancherlei Gaben und mancherlei Aemter. Nur pflege und warte man jener ebenso im geist der Mässigung, wie dieser nur im apostolischen Sinne! Die Grenzlinie erlaubter Bewährung eines Talentes, wo sie plötzlich Ruhmsucht wird, ist bald überschritten. Ich sag' es nicht zuerst: Selig sind die Armen am Geist!
Mit diesem Seitenblick auf Hunnius' schriftstellerische Tätigkeit forderte er Bonaventura auf, sich zu setzen.
Da er es selbst nicht tat, verhielt sich Bonaventura zögernd ...
Der Kirchenfürst eröffnete ihm jetzt, dass er ihn an die Katedrale zunächst als ersten Vicar berufen, demnächst aber auch für die erledigte Domherrenstelle vorschlagen wolle.
Von Widerspruch konnte nicht die Rede sein.
Er hoffe, fuhr der Kirchenfürst fort, dass Herr von Asselyn den Geist besässe, den jetzt die Kirche brauche, nicht Hirten allein, auch Reisige ...
Wir haben schon Grosses errungen und werden mehr erringen! sagte er und blickte dabei ruhig auf das rote Siegel des uneröffneten Königsbriefs.
Bald bemerkte Bonaventura, dass der Kirchenfürst noch mehr auf dem Herzen zu haben schien, irgendetwas, das er noch Anstand nahm sofort auszusprechen. Offenbar wollte er erst den Geist ergründen oder bestärken, der seine weitern Aufträge vernehmen und ausführen sollte.
Wenn ich zurückdenke an meine Jugend! begann er, ruhig fortrauchend und dabei auf- und abgehend, während Bonaventura stehen blieb und nur auf die Lehne des von ihm ergriffenen Sessels sich stützte ... Als ich in Ihrem Alter war, Herr von Asselyn, welche Zeit, welche Welt damals! Bonaparte hasste die Kirche! Er hasste sie mit dem Ingrimm eines tückischen Italieners, für den das Heilige seinen Zauber verloren hat, da er diesem Zauber zu nahe steht! Bonaparte trug alle Merkmale des Antichrists! Aus der Revolution und dem Ateismus hervorgegangen, hatte er den ganzen Hochmut der Vernunft gegen die Lehren des christentum geerbt! Hervorgegangen aus der Schule Robespierre's besass er dann auch wieder die tolle Neigung dieses Scheusals, aus dem Zerstörten etwas Neues aufbauen zu wollen! Das fest des höchsten Wesens, das man wieder einsetzte mit Fahnen und Trommelpyramiden, Janitscharenmusik und Kanonensalven, das war so ganz schon im Charakter seines Schülers Bonaparte! Beide besassen diesen gefährlichen Aberglauben des Ateismus, der zuletzt, weil der Mangel aller Religion im Menschenherzen eine Unmöglichkeit ist, irgend wieder doch etwas zum Halte haben, zum Gott machen muss, seinen eigenen Schatten, ein goldenes Kalb, ein geschmücktes Nichts, ein Philosophem. Diese Ironieen des Satan, wie sie neulich eine schriftstellernde Feder nicht unpassend nannte, sind deshalb gefährlich, weil sie sich wie der erhabene Ernst Gottes geberden. Wäre dem babylonischen Tyrannen zuletzt nicht das Bedürfniss nach Ruhe gekommen, noch hätte er den ganzen Voltaire, der in ihm lebte, ausgetobt in seinen mit den Waffen gestützten Institutionen. Bonaparte war das im Grossen, was Friedrich der sogenannte Grosse nur auf kleinem Gebiete, mit Bonmots und Epigrammen war. Bonaparte würde, hätte er sich zuletzt nicht elend und krank gefühlt und den Bruch mit den Franzosen, die ihr Blut und ihr Vermögen nicht länger opfern konnten und mochten, klug gewittert, den Krieg mit Rom viel länger und lieber geführt haben als den mit den Königen. Er brauchte Verbündete und so schloss er mit heuchlerischer Freundschaft Frieden mit einer Religion, die er erst mit Füssen getreten und dann in armselige, vom Teater erborgte Lumpen kleiden wollte! Das aber, mein lieber Herr von Asselyn, das war nun das Beispiel, das damals der Gewaltigste seiner Zeit den andern Gewaltigen gab! Diese Spässchen ahmten diese Menschen ihm nach! Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hatte ja die Kirchen entvölkert; der Beichtstuhl stand ja leer; die äussere Veranstaltung, die noch vom kirchlichen Leben vorhanden war, war so auf den Schein gerichtet, dass selbst die Priester mit dem geist der Verneinung buhlten, selbst die sich schämten, den ewigen Gott und die grosse Veranstaltung des Erlösungswerkes in schuldiger Ehrfurcht zu bekennen. Auf der Kanzel und in ihren Schriften schmückten sie sich mit dem dem Protestantismus und der Philosophie abgeborgten Schaugepränge. Und vorzugsweise war es unser Deutschland, wo die Kirche am Abgrunde des Verderbens stand! Eine Literatur, die man zur classischen gestempelt noch bei Lebzeiten jener masslos vergötterten Herren von Goete und Schiller, drang bis tief in die untersten Volksschichten und erzeugte dies noch immer andauernde Doppelleben unserer Nation, politisch und kirchlich sowohl wie moralisch, letzteres in einer mühsam behaupteten positiven Welt und einem sogenannten idealen Weltbürgertum: Ueberall sah man auf diese Art unsere Entwürdigung! Und der Staat, mit Verzweiflung kaum sich selbst behauptend in dem grossen Revolutionssturm Bonaparte's, der rächte sich dann auch wieder seinerseits bis zur Schamlosigkeit gegen die schwachen Untergebenen, zunächst die Diener Gottes. Die kleinen Fürstentümer