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gedämpfterer stimme hinzu: So könnten Sie auch Hoffnung gewinnen, sich wieder Ihrer Heimat zu nähern, denn das wechselnde Besetzungsrecht des Archipresbyteriums St.-Ludgeri bei Witoborn, das mit dem erledigten Vicariate eine jeweilige Visitation der dortigen Pfarrei verbindet, fällt diesmal an uns, d.h. an unsern Vorschlag. Die Luteraner haben, wie immer, die Entscheidung ...

Diese mit einer seltsamen Schärfe vorgetragene Mitteilung erschütterte Bonaventura.

Er musste nach dem angedeuteten, ihm unbekannten verhältnis noch einmal fragen ...

Michahelles erklärte es:

In die alte Kirche St.-Ludgeri bei Witoborn sind fast sämmtliche Dorste'schen Besitzungen eingepfarrt. Seit urdenklichen zeiten steht über dem Pfarrer derselben ein Archipresbyter, der bald von der diesseitigen, bald von der jenseitigen Kirchenprovinz bestimmt wird. Sie würden sicher zuweilen gern bei Westerhof leben, wo gegenwärtig die Gräfin Paula in so schwierige Verhältnisse verwickelt wird! Dass sie auch seit kurzem wieder von ekstatischen Zuständen begnadet ist, wird Ihnen bekannt sein! Es würde zu den erfreulichsten Zeichen unserer Tage gehören, wenn sich das Beispiel der gottseligen Emmerich wiederholte und auch uns wieder eine Seherin und Prophetin erstünde!

Und mit einer nicht mehr zu bewältigenden Macht drängten sich auf Bonaventura's Herz die Gedanken: Deshalb beruft man dich! Du, du sollst es sein, der wieder eine "Nonne von Dülmen" ins Leben rufen hilft! In deiner Nähe sieht Paula den Himmel offen, in deiner Nähe heilt sie Kranke und sagt die Zukunft voraus! ...

Und noch ehe der lächelnde, aber die wohlwollendste Ermutigung sprechende blick des Kaplans diese Ahnung bestätigt hatte, musste er abbrechen und zu einem eben Eintretenden eilen ...

Dies war die oberste Persönlichkeit der weltlichen Behörden der Stadt selbst, ein mit Orden bedeckter Präsident. Er kam feierlich, in erregter Haltung und, wie es schien, mit einem officiellen Auftrage.

Von einem Wartenlassen war da keine Rede. Sogleich öffneten sich zum Kirchenfürsten alle Türen ...

Michahelles flüsterte im Vorübergehen in Bonaventura's Ohr:

Der längst angekündigte eigenhändige Brief des Königs!

Michahelles folgte erwartungsvoll ...

Alles war vor dem Präsidenten aufgestanden. Auch aus dem Generalvicariate waren Geistliche und Weltliche getreten, die ohne Zweifel die feierliche Auffahrt des Präsidenten beobachtet hatten. Alles schien in höchster Spannung. Bonaventura wusste, dass es eine Entscheidung über die gemischten Ehen galt. Sein Sinn war geteilt, sein Herz im Kampfe ... Ihn hatte man ausersehen, den Kampf um Paula's Erbe mitzukämpfen! Ihn wollte man in die Nähe eines Wesens senden, das ihm unendlich teuer war, wie ohne Zweifel von früher her Manche wussten ... Dem Kloster, der Kirche, dem Kampfe der Parteien sollte er eine grosse Eroberung gewinnen!

Die Gedankenreihe auszuführen in allen ihren Folgerungenin ihren seligen, in ihren tiefschmerzlichenbehielt er nicht Zeit ...

Der Präsident kehrte nach kurzer Weile zurück, ebenso feierlich und bestimmt, wie er gekommen ...

Er grüsste die sämmtlich sich Verneigenden. Dem Generalvicar drückte er die Hand ...

Diesem entschlüpfte ein bedeutungsvoll aufgeschlagener Frageblickjenem ein Achselzucken ...

Alles das war ein Moment ...

Bonaventura musste voraussetzen, dass der Brief des Königs kurz und bündig übergeben und ebenso von dem Priester Immanuel entgegengenommen war und dass der täglich erörterte Streit heute von beiden Seiten ohne weitere Wiederaufnahme blieb.

Wie sehr musste er annehmen, den Empfänger in einer Aufregung zu finden, die seine kleine Sache in den Hintergrund drängte!

Michahelles kam, fertigte die Professoren ab, sagte laut und fast verletzend, dass sie Seine Eminenz vor völliger Unterwerfung unter das Breve Roms, das ihre Lehre verwarf, nie empfangen würde, winkte Bonaventura und liess diesen eintreten.

Bonaventura musste zwei Zimmer durchschreiten ...

An einer kleinen Tür stand ein greiser Diener in alter verschossener grau und grüner Livree ...

Er öffnete ...

Bonaventura stand vor dem Kirchenfürsten.

Nicht mit einer leisesten Bewegung verriet der Priester Immanuel, wie es ihn aufregte, eben von seinem Landesherrn ein eigenhändiges Schreiben empfangen zu haben. Ja, auf einem grünen Tische lag dies Schreiben noch ... Es trug die blaue Farbe der Cabinetsbriefe ... Mehr noch! Das Siegel war uneröffnet.

Priester Immanuel war derselbe, der als Graf Truchsess-Gallenberg, als Generalvicar und Domherr in Bonaventura's Erinnerung lebte ... Mager, starkknochig, länglichen Antlitzes, hart, ernst. Kein Strahl einer besonderen Freude, den jungen Mann, den er als Studenten und Soldaten gesehen, nun als Priester des vorzüglichsten Rufes zu begrüssen, brach aus seinen Augen. In einfachen Worten erinnerte er sich der Scenen von früher. Er freute sich zu hören, dass Bonaventura von seiner Mutter wenig wusste und über die Lebensverhältnisse des Stiefvaters nur ganz oberflächlich unterrichtet war. Bonaventura sah, dass Benno's Voraussetzung, er sollte zur Vermittlung bei der erwarteten ausserordentlichen Mission seines Stiefvaters gebraucht werden, eine unbegründete war.

Der Kirchenfürst rauchte aus einer kurzen Meerschaumpfeife. Er machte den Eindruck eines Oberjägermeisters alten Stils oder, wenn man erwog, dass er den Brief eines Königs unerbrochen lassen konnte, eines jener Fürsten, die wenn auch nur über wenig Quadratmeilen gebietend doch um Kaiser und Reich sich wenig kümmern, wenn sie auf irgendeinem in ihrer Souveränetät begründeten Rechte glauben verharren zu dürfen.

Wir müssen aus dem geist leben! sagte er im Anknüpfen der ersten Begrüssung an die frühere Begegnung und in den Intervallen des Rauchens. Jede Geburt