dahinschritt.
Verblasste Malereien zierten zuweilen das Stukkgetäfel der Decken; an den Wänden hing hier und da eine alte Schilderei in schwarzem, wurmstichigem Holzrahmen, ein alter Städteprospect von Merian, eine alte Landkarte von Homann; in vereinzelten Nischen standen Heiligenbilder, mit frischer, lichter Oelfarbe überzogen, im dürftigen und selbst beim Heiligen weltlichen und koketten Geschmack der Zopfzeit, Engel auf Stellungen berechnet, Marieen auf Faltenwurf ...
In einem düstern Eckwinkel lagen die Wohnzimmer des Kirchenfürsten. Im Gegensatz zu den auf den frivolen Luxus des vorigen Jahrhunderts deutenden Corridoren waren diese Zimmer so dürftig ausgestattet, wie Actenstuben oder Sessionssäle.
An der Unruhe eines zuerst kommenden grossen Wartezimmers hätte man eher glauben mögen, sich bei einem Minister, als bei einem hohen Geistlichen zu befinden ...
Eine der hohen Türen führte in das General-Vicariat ...
Hier klirrten sogar die Sporen der Gensdarmen, die Säbel der Ordonnanzen. Man brachte vom Gouvernement und von der Militärverwaltung fragen und Antworten, holte und gab Bescheide. Kanzleiboten trugen Acten ab und zu. Dazwischen gingen und kamen Geistliche und Ordensfrauen. Wer nicht beim Generalvicariat oder beim Kirchenfürsten sofort Einlass bekommen konnte, sass harrend und musste nach neukirchlicher Sitte jeden unbeschäftigten Augenblick zum Heile seiner Seele nutzen. Man grüsste mit neugierig aufblitzenden Augen und warf den blick sogleich wieder in das Brevier, das man aufgeschlagen auf dem Schoose liegen hatte. Ein schwerer Druck lag auf allen, nur auf denen nicht, die als Sendboten oder Vertreter der weltlichen Gewalt kamen.
Der junge von Enckefuss fehlte nicht. Er setzte einem jungen, hagern, lächelnd, doch aufmerksam zuhörenden Geistlichen mit lauter stimme auseinander, dass die einen nahen Wallfahrtsort besuchenden Züge nicht durch die Stadt gehen dürften; er beschrieb die Route, die sie zu machen hätten, und wünschte, da er eine Auswahl anbot, in Kürze die Wege zu wissen, die der Kirchenfürst gewählt wünschte, da es an Aufsicht dabei nicht fehlen sollte. Des jungen Beamten Haltung und Rede war fest und bestimmt, scharf und kalt, wie dies der Ghibellinen Weise.
Auch Civilpersonen aus dem volk sah man. Es mochten Dorfvorstände und städtische Abgeordnete sein. Ihnen setzte der junge schlanke Priester, meist mit Achselzucken und einer gewissen Duldermiene, auseinander, dass die von ihnen erwarteten höhern Bescheide immer noch nicht eingetroffen. Es galt dies ohne Zweifel jenen Pfarrstellen, die allein besetzen zu dürfen die Kirche so dringend begehrte und die sie die weltliche Gewalt beschuldigte, wenn die Stellen gut waren, so lange offen zu halten, bis nur diejenigen damit belohnt würden, die darauf hin eine entsprechende Gesinnung zeigten.
Der schlanke etwas niedergebeugt gehende junge Geistliche trat auf Bonaventura zu und sprach, als er dessen Namen vernommen, ein freudiges:
Ah, Herr von Asselyn!
Sogleich fügte er hinzu, er würde alles versuchen, den Herrn Pfarrer von St.-Wolfgang sobald als möglich an die Reihe der Vorgelassenen zu bringen.
Bonaventura sah, dass er mit dem vielgenannten Secretär, Kaplan Michahelles gesprochen.
Dieser war in die inneren Räume eiligst wieder zurückgekehrt ...
Das Wesen des jungen Mannes zeigte sich charakteristisch genug. Seine Gesichtszüge waren scharf, geistvoll und von einer eigentümlich lächelnden Ironie, die auf ein zwar zurückgehaltenes, aber doch sich ganz so stark, ganz so berechtigt, mindestens so mutig fühlendes Bewusstsein schliessen liess, wie es allen katolischen Priestern, von Seiner Heiligkeit, dem "Knechte der Knechte" an bis zum untersten Dorfpfarrer, eigen ist.
Auch Bonaventura zog sein Brevier und setzte sich an ein Fenster des grossen Zimmers, das auf die jenseitige Strasse ging.
Wenn hohe Würdenträger kamen, standen die Geistlichen und Klosterfrauen auf ...
So vor dem Generalvicar, der eben aufgeregt und verstimmt von dem Kirchenfürsten zurückkehrte ...
Man wusste, dass mit jenem sowohl der Letztere, wie der Syndikus der Curie und diejenigen einflussreichen Glieder des Kapitels, die sein "gewaltiges Vorschreiten" misbilligten, im Streite lebten.
Auch vor dem Regens des Seminars erhob man sich, der gleichfalls wie nach einem Wortwechsel vom Kirchenfürsten zurückkam ...
Bonaventura erfuhr die Namen. Einige der streitigen Punkte kannte er. Die Seminaristen, angesteckt von dem neuen geist der römischen Opposition, hatten an dem Kirchenfürsten Vorschub gefunden in gewissen Auflehnungen gegen die vom Staat beliebte und vom Regens vertretene Ordnung des Seminars.
Einige Professoren der Universität, die eine von Rom verurteilte Dogmatik gelehrt hatten, kamen in besonders gedrückter Stimmung und stellten die Bitte, den Kirchenfürsten sprechen zu dürfen. Bonaventura kannte sie und war fast der einzige, der sie grüsste. Einige von ihnen waren zugleich Lehrer eines Seminars und ihnen war es geschehen, dass sie plötzlich keine Schüler mehr hatten. Im Beichtstuhl hatten alle Alumnen auf Befehl des Kirchenfürsten geloben müssen, ihre Vorträge nicht mehr zu besuchen.
Michahelles kam zurück, trat verbindlichst zu Bonaventura und zog ihn zu sich an eine Fensterbrüstung ...
Sie werden sogleich vorkommen! flüsterte er und setzte mit leiserer stimme hinzu: Ich freue mich, von Eminenz schon die erlaubnis zu haben, Sie mit seinem Vorhaben bekannt zu machen! Wenn Sie die angenehme Erinnerung, die er seit lange an Sie nährt, wieder erneuern und Sie noch einige Tage der nähern Prüfung und Verständigung werden zu Ihren Gunsten überstanden haben, so ist es seine Absicht, Sie ganz und mit wichtigen Aufgaben an uns zu fesseln!
So stand das Gefürchtete wirklich in Aussicht ...
Ein Diakonat an der Katedrale und eine Domherrenstelle sind offen; fuhr Michahelles fort und setzte mit noch