, die er vor sich hinmurmelt, schreibt er eine grosse Kraft zu; selbst am Hochaltar flüstert er: Husch! Nicht für sich, sondern für uns verjagt er die Melusinen ... Ich sehne mich nach seinem Husch! ... Hier in dem Kloster betet Schwester Terese für ihn – und um die Verzeihung der Gottesmutter, dass sie eine Zeit lang eifersüchtig auf sie war.
Wenn auch diese Erzählung wie etwa das Adagio einer auf einer Strasse spielenden Musikantentruppe vom Wagengerassel übertönt wurde, klang sie doch in Bonaventura's inneren tief schmerzvoll nach. Die Fülle sah er jener krankhaften Erscheinungen, die von ihm nicht geahnt wurden, so oft man von Wiedererwekkung des alten kirchlichen Lebens sprach. Oder sollte er der stimme seines inneren Gehör geben, die ihm mit seltsamer Erregung zuflüsterte: Ist dem Mönche – Lucinde begegnet?
Es war Abend geworden ... Das Angelus läutete ... Arbeiter drängten sich in den staubigen Strassen ... Das Gewühl nahm so zu, dass Bonaventura von des wie träumenden Mönches Seite abkam und dieser ihn entweder plötzlich verlassen oder aus den Augen verloren hatte ... Den Eindruck des fast Gespenstischen, den ihm der Mönch machte, nährte auch der Umstand, dass er so harmlos Jérôme's als seines Freundes erwähnen konnte, gar nicht wissend, wie es schien, dass Bonaventura mit Jérôme verwandt war ... Wie ein Lebendigbegrabener erschien ihm der Mönch, wie ein Todter, der anfing sich seinen Leichentüchern zu entwinden.
Bonaventura suchte Benno auf und fand ihn in seiner wohnung mit dem Vervollständigen seines Koffers beschäftigt.
Ich muss abreisen, sagte Benno aufgeregt; noch heute, guter Freund! Morgen, früh schon hab' ich am Hüneneck einen Termin abzuhalten! Das Dampfschiff geht in einer halben Stunde! Wie gern hätte sich Bonaventura ihm angeschlossen! Morgen sprech' ich wohl den Kirchenfürsten! sagte er. In drei Tagen sehe' ich dich wieder als designirten Domherrn, den jüngsten aller Kirchenprovinzen germanischer Zunge! So hohe Erwartungen ablehnend, half Bonaventura dem Freunde und begleitete ihn in einem Wagen in den Hafen, in kurzer Erzählung alles zusammenfassend, was ihm der Tag an Erlebnissen und schmerzlichen Bereicherungen seiner Seelenkunde eingetragen. Benno empfahl dem Freunde aufs dringendste eine Anknüpfung mit dem "guten Kerl", dem Tiebold de Jonge, von dem er keinen Abschied hatte nehmen können. In die Beziehungen beider Freunde zu Armgart war Bonaventura nicht eingeweiht. Auch blieb kaum noch die Zeit, der Meldungen an den Oheim in der Dechanei zu gedenken und Benno's Worte zu vernehmen: Bei Nück erfuhr ich's, es ist kein Zweifel, die Ermordete ist eine Schwester unserer guten Tante! Seit Jahren sind sie getrennt! Was ihr Geiz zusammenscharrte, hat sie dem Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort vermacht! Das Meiste davon fehlt aber, da der Mörder die gelegenheit kannte und die wertvollsten Papiere und Gold und Silber an sich raffte! Wer die Tat vollbracht hat – ich glaube die teuflische Hand zu kennen! Noch aber hab' ich meinen Verdacht gegen niemand auszusprechen gewagt, denn ich fürchte den Zusammenhang mit Personen, die zu schonen sind. Komm' ich zurück, so soll mich nichts hindern, meine Vermutungen auszusprechen, wo die rechte Stelle ist.
So, fast nur von Einem Gedanken beherrscht, fuhr Benno von dannen. Bonaventura musste eilen, das Dampfboot zu verlassen ...
Ein banger, erwartungsvoller Abend dann ... er fand die Berufung zum Kirchenfürsten für morgen vor.
Der Mönch kehrte nicht wieder und Bonaventura war dessen froh ... Er sann und sann:
Ist hier Christus oder Belial?
Er mochte nicht richten ... ja er gestand zu, Gott schenkt jedem Menschen besondere und nur für ihn berechnete Offenbarungen. Diese stehen in keiner Bibel, in keinem buch, sind überhaupt nicht mit Worten zu fassen und zu bezeichnen. Sie sind ein einziger Klang, den wir aus dem Sphärenall wie herausgefallen zu vernehmen glauben, ein Glanz wie von einer Sternschnuppe, wenn diese eine Störung genannt werden kann in der ewig gleichen Harmonie der Weltbewegung ... Solche Offenbarungen gibt der stille Wald, das Murmeln der Quelle, auch der leise Schlag einer Uhr, die wir auf dem Tische vor uns liegen haben. Da sickert so Tropfen an Tropfen hinunter, in den grossen Zeitenstrom und macht uns sorgloser durch das Gefühl, dass alle Dinge irgend an einer Grenze ankommen müssen ... Er mochte nicht richten.
Eine starke Waffe in allem Leid und aller Anfechtung der Seele ist dann reine Liebe. Die reicht einen ehernen Schild dem Arm zum Kampfe gegen leidenschaft und Ungeduld. Ihr Visir schützt das Auge, nichts zu sehen von den Lockungen der Welt. Reine Liebe hütet selbst die Träume. Ohne Kampf entwaffnet sie die Gedanken und verklärt sie mit himmlischem Lichte, dass nur das Gute und Edle in uns lebt ... Pflanze, Jüngling, reine Liebe schon auf den ersten Ringplatz deiner Berührung mit der Welt! Reine Liebe im Herzen, wirst du im Alltäglichsten dich vom Duft des Schönen, vom Palmenfächeln des Grossen, vom Hosianna innerer Siege, umweht fühlen!
So lebte in Bonaventura ein Name, der alles Chaos in ihm ordnete ... Paula ... und ein ferner Männergesangchor sang dazu durch die stille Nacht: Das ist der Tag des Herrn!
Am folgenden Morgen mit dem Schlage Zehn trat er in den kirchenfürstlichen Palast.
Sein Herz klopfte, als er durch die langen Corridore des Hauses