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wie Sebastus sie nannte. Sehen Sie nur den Menschen! fuhr er fort. Ist es nicht ganz ein Affe! Und doch hat er so sein Ohr erzogen! Wie er den kleinen Nachschleifer trifft, wenn Hans Kanarienvogel mit der Roulade fertig ist und ganz armselig hintennach noch ein kindisch Tönchen gibt, als wäre der grosse, mächtige Triller vorher gar nicht so majestätisch gemeint gewesen! Wie dumm sieht der Mensch aus und alles das hat er belauscht im wald und auf dem Vogelmarkt! Auf Noten steht das nirgends geschrieben! Ich wünschte, dass Sie ihm für diesen blick in die natur einen Groschen schenkten; ich habe kein Geld ...

Der Vogelmensch kam jedoch nicht. Er sah die beiden Geistlichen, verbeugte sich in der Ferne und ging ...

Nun spielten drei Mädchen zugleich mit einem Alten ein Concert. Eins spielte die Harfe, zwei die Geige, der Alte strich das Violoncell ...

Bonaventura wollte gehen; aber der Mönch, der sein geistlich Kleid ganz vergessen zu haben schien, sagte:

Wie das toll ist, wenn Mädchen die Geige streichen!

Die Spielerinnen waren keine Kinder mehr. Aufgenestelten Haares, mit versilberten Pfeilen in den Flechten, in blauen Kleidern mit roten Shawls, die sie vor ihrer Production abgelegt hatten, strichen sie die Geige, herausfordernd, sicher und trotzig. Vorher hatten sie Handschuhe ausgezogen ...

In alten Tagen, sagte der Mönch, konnte' ich nun einer solchen Vagabunden-Romantik nicht widerstehen! An solches Volk musst' ich herantreten, musst' es nach seiner Heimat fragen und aus ihm heraus mir Poesie des Lebens locken ... Nur hölzerne und lackirte Sirenenköpfe sind's! Ganz, wie sie auf der hamburger Rhede auf die Brust der Dreidecker gestellt werden!

Und als weilte des Mönches Phantasie jetzt auf dem Hamburger Berge, so fummte er für sich hin und sinnend im Heine'schen Tone:

Es kichern und lachen die Geigen

Wie Mädchen, trunken vom Wein,

Die Clarinetten meckern

Wie Böcke und Satyrn hinein;

Die Flöte schluchzt, wie wenn dem mond

Des Schneiders Herz klagt, was es litt!

Der Bass und die Pauke, die Alten,

Die reiten zum Blocksberg mit!

Bonaventura erhob sich. Der Mönch folgte wie in taumelndem Schritte ...

Wohl eine halbe Stunde gingen beide völlig lautlos nebeneinander ... Bonaventura, erschreckt von der noch so offenbaren Unfertigkeit des neuen Gebäudes im inneren seines Begleiters, dessen Gerüst Pater Sebastus doch mit soviel weitin in die Welt hinausschallenden Axtschlägen gezimmert hatte ... Dieser selbst mit ersichtlich sich hebender Brust, kämpfend und ringend mit Dämonen der Erinnerung ...

Ja, Sie Glücklicher! sagte er nach einer Weile zu Bonaventura, obgleich kein Wort des Vorwurfs von dessen Lippen gekommen ...

Wieder ein langes Schweigen ... Dann blieb in einer Strasse, auf dem Römerwege, der Mönch stehen und sagte:

Das da ist das Karmeliterinnenkloster! Ich kann es nicht sehen, ohne zu ahnen, dass auch mein Lebensloos einst ... Du guter Pater Ivo! ... Lang und hager schreitet unser Pater Ivo dahin, grüsst niemanden, ist immer nur mit sich selbst beschäftigt ... Morgens, Mittags, Abends vollführt er das Amt unseres Tafeldeckers ... Er hütet streng seinen alten Wandschrank, in dem unsere hölzernen Teller, unsere Krüge, unsere Brotmesser liegen ... Sorgsam deckt er den Tisch ... Nie wird er den Teller des einen mit dem des andern vertauschen ... redet man ihn aber an, so hört er nicht ... Tief ist er mit sich, mit seinen Tellern und mit seinen Geistern beschäftigt ... Früher waren es Fliegen, die er so in Gedanken haschte ... Ivo hatte ein schönes Schloss, in unsern Bergen ... er erklärte es verkaufen zu müssen, weil es von Fliegen wimmelte ... Niemand sah diese Fliegen; nur Er war Tag und Nacht hinter ihnen her und jagte sie sogar im Winter und im Frühjahr ... Bald bekamen die Fliegen eine andere Gestalt ... Sie verwandelten sich in schöne Frauen ... Alle die Bilder, gemalte und lebendige, die mein FreundJérôme von Wittekind – (Sebastus hielt eine Weile inne) und Graf Johannes von Zeesen auf ihren Reisen in Frankreich und Italien gesehen, umschweben wieder den Pater Ivo, aber er betrachtet sie wie ein unschuldiges Kind ... Er kennt die ganze Gefahr dieser Erscheinungen ... Es sind schlimme Meerweiber, Melusinen, Helenen, um die Paris wirklich und Faust nur gespenstisch freiteihm selbst sind sie längst unschädlich geworden, schon seitdem er Terese von Seefelden kennen lernte und sich mit ihr verlobte, leider nur auch diese zu bald verwechselnd mit der einzigen Frau, die ihm von allen persönlich bekannt geblieben, dem "Ewig Weiblichen" genannt Maria ... Dem Dienste der Gottgebärerin widmete er sich, sammelte alle Lieder, die je auf sie gedichtet und gesungen wurden, gab sein Vermögen für eine Stiftung der Krankenpflege, die seine Familie schon seit einem Jahrhundert begründen sollteder Irre einem Irrenhause! – und verjagt nun in unserm Kloster, das er in noch zuweilen lichten Momenten betrat, die Bilder, dienur zu lebhaft noch vor anderer Augen schweben! ... Husch! Husch! ist sein stetes, leise vor sich hingesprochenes Wort und sein Singen im Gehen das Lob Mariä ... Diesen Gesängen