Glieder hierländischer Ritterschaft, des Kronsyndikus von Wittekind; der ältere stand in Diensten des nordwärts liegenden grossen staates. Dieser jüngere, von früh beschränkt und schwachsinnig, hatte sich den Kammerherrnschlüssel eines der kleinen Höfe geben lassen, die in der Gegend der Externsteine liegen. Seine Reisen und Aufentalte in grossen Städten waren die Veranlassung zu so vielen Torheiten und Verschwendungen geworden, dass der Vater seinem Wesen Einhalt tun musste. Die Beschränkung, die er erfuhr, reizte seine Wildheit noch mehr, und als der Vater, der selbst ein determinirter Mann war und im Notfall, wie Lucinde später kennen lernte, mit geschwungener Hetzpeitsche dreinfahren konnte, ihn vollends einengte und, um den Geisteszustand seines Sohnes nicht zu verraten, ihn gar wie einen zweiten Kaspar Hauser einschloss, liess die Elasticität dieser schwachen Geisteskräfte immer mehr nach und ein oft bösartiger Blödsinn war die Folge, die nur noch die gewohnte Art der Haltung und der hochgetragene Nacken des adeligen Stolzes in der stattlichen Erscheinung des Kammerherrn verdeckte.
Obgleich Katolik, hatte man ihn, um seinen Zustand ganz aus dem Bereich der Controle der ihm ebenbürtigen Adelsgeschlechter zu bannen, zu einem protestantischen Geistlichen, zehn bis zwölf Meilen von den grossen Gütern des Vaters entfernt, gegeben. Den Vorwand dafür gab seine Liebe zur Malerei. Er besass ein wirkliches Talent zum Copiren und streifte durch die Gegend meist mit der Zeichenmappe. Sein Diener sagte dann jedem, sein Herr halte sich deshalb beim Pfarrer auf, weil nichts der Umgegend von Eibendorf gleichkäme. Wald, Berg, Wiese und Grund schmückten das Tal allerdings mit den reichsten Farben; die Malerei und Musik wurden zu Hülfsmitteln, den Zustand des Kranken zu mildern.
Von dem Augenblick an, wo der Kammerherr in seinen Sommerkleidern zurückkehrte und mit Lucinden, die sich einen Strohhut gegen die Sonne entliehen hatte, die Beete zu ordnen und die Pflanzen wiederherzustellen begann, entspann sich ein verhältnis, das ein Jahr dauerte und mehr als Lucindens sechzehntes Lebensjahr füllte.
8.
Lucinde blieb auf der Pfarrei, hier "Pastorat" genannt.
Man fragte sie allerdings nach ihrer Herkunft, ihrem Namen und dem stand ihrer älteren. Sie gab auch dem Pfarrer und dem Schulzen (dem "Meier" des Dorfes) einen Namen an. Erst war sie Johanna Stegmann, aus dem Türingischen gebürtig. Kam der Pfarrer und drohte lächelnd mit dem Finger und sagte, er hätte nach Vacha, das sie als Wohnort angegeben, geschrieben und die Nachricht bekommen, dass man dort nichts von einer Johanna Stegmann wisse, so nannte sie sich Luise Starkin, aus der Gegend von Fulda über die Rhön hinaus, wo ihr Vater ein Oberförster des Königs von Baiern wäre. Schüttelte man nach vier Wochen wieder den Kopf, so erwiderte sie:
Will man, dass ich bleibe, so quält mich doch nicht so!
Man musste nämlich wirklich wünschen, dass sie blieb. Sie war dem Frieden des Hauses fast notwendig geworden. Was zur Besänftigung des Kammerherrn die Harmonica nur annähernd erreicht hatte, das löste Lucinde vollständig. Der Kammerherr wurde durch sie ein Kind, das an ihrem Leitseile unter Blumen spielte; er zeichnete, malte, sprach leidlich vernünftig und verhiess eine wirkliche Heilung.
Ohne phantastisches Uebermass und manche Wunderlichkeit ging es dabei freilich nicht ab.
Es blieb dem Kranken von Lucinden die Vorstellung wie von einer in der Tat feenhaften Erscheinung. Er liess sich den Wahn nicht nehmen, dass Lucinde eine Tochter der Waldeskönigin, vielleicht sie selbst wäre, und Lucinde tat nichts, ihm diesen Glauben zu nehmen. Sie liess sich von ihm ganz so schmücken, wie er sie sehen wollte, wenn er sie malte. Es waren dies diese wunderlichen Malereien der Geisteskranken, die durch ihre technische Vollendung oft überraschen und doch immer etwas nur mechanisch Wiedergegebenes und Seelenloses darstellen. Es waren in seinen Landschaften immer derselbe Eichbaum, immer derselbe Felsengrund, immer dasselbe Haus, derselbe Kirchturm, derselbe Bach und dieselbe Mühle wiederzufinden, nur wechselte die Vermischung und die Beleuchtung. Auch seine Porträts drückten, er mochte den Pfarrer oder den Meier im Dorf oder den einzigen Bekannten, der ihn zuweilen besuchte, einen Grafen Hans von Zeesen wählen, immer denselben Charakter aus, eigentlich ihn selbst. Nur für Lucinden suchte er Abwechselung, bald in dieser Situation, bald in jener. Er verschwendete Summen Geldes, um sie bald als Griechin, bald als Zigeunerin, bald als Salondame oder Amazone malen zu können. Von jenem Residenzstädtchen, wo er sich einst den Kammerherrnschlüssel gekauft hatte, waren beständig Cartons mit kostbaren Stoffen unterwegs. Selbst teuere Schmucksachen wurden angekauft. Und der Kronsyndikus, der Vater, der zuletzt doch auch von diesem Treiben hören musste, widersprach diesmal nicht. Einmal drückte ihn der geheime Vorwurf, das Uebel des Sohnes selbst durch seine Erziehung gemehrt zu haben, dann nährte er die Hoffnung, ihn wieder in die Gesellschaft zurückzuführen. Es wurde sogar eine Adelige genannt, die nach einem Familienstatut mit ihm vermählt werden sollte, nachdem eine Verbindung mit einem fräulein Monica von Ubbelohde vor geraumen Jahren gescheitert war.
Lucinde genoss diese Lage eine Zeit lang mit der ganzen Behaglichkeit ebenso eines sichern und geschützten Aufentalts wie geschmeichelten Selbstgefühls ... Eibendorf lag dem Winkel zu, wo sich das Eggegebirge mit dem Teutoburger wald kreuzt; es war umgeben von jenen Waldzügen, die so dichtbelaubt, so frei und urstämmig sich sonst nur im Süden Deutschlands wiederfinden. Von mancher aufsteigenden Anhöhe aus sah man in das ganze Tieftal der Weser hinab. Ein entzückender Anblick! Jeder Hügel bewaldet und umgeben von unabsehbaren Feldern