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aus der Umklammerung der Drehschraube des Sessels los und sucht aus seiner schwebenden Lage auf ebenen Boden zu kommen.

Die Töchter stehen minder erschrocken. Herr Hammaker war von jeher gegen sie die Huldigung und Süssigkeit selbst.

Er nähert sich ihnen und äussert mit Artigkeit und einem sich tief unterwerfenden Tone seinen gerührtesten Dank für die ihm gewordene Aufforderung der fräulein, sich der Erzbruder- und Schwesterschaft zum schwarzledernen Gürtel einverleiben zu wollen, deren Embleme sie verteilten ...

Beide junonische Gestalten sehen sich mit erstaunten Blicken an. Ihre dunkeln Augen rollen, die Augenbrauen senken sich tief niederwärts und ein ersichtlicher Aerger macht sie in dem Augenblicke jede um zehn Jahre älter, d.h. gerade so alt, als sie waren.

"Schwörzlöderner" Gürtel? fragt Schnuphase zur Besinnung gekommen und ergreift den Brief, den ihm Hammaker als Ausweis entgegenhält ...

Es war ein litographirter und demnach eine an viele Einwohner der Stadt abgesandte Einladung der fräulein Eva und Apollonia Schnuphase, sich der Gnaden und Ablässe teilhaftig zu machen, die jeden erwarteten, der in die Erzbruder- oder Erzschwesterschaft vom schwarzledernen Gürtel des heiligen Nikolaus von Tolentino eintreten würde.

Sofort erkannte man, dass hier ein Falsum vorlag ...

Die Aufregung, die diese Entdeckung hervorbrachte, war nicht gering. Die Damen betrachteten den Brief von allen Seiten, der Vater bat um die erlaubnis, ihn sämmtlichen geistlichen Herren zeigen zu dürfen, was jedoch entschieden von seinen Töchtern abgelehnt wurde.

Ein "Extrös-tückchen" der "Pörtei", rief er, die nicht genug hat, die Kirche zu hindern, nach ihren Gesetzen zu leben, "söndern" die auch noch

Ein vollkommen gerechtfertigter Zorn erstickte seine stimme.

Die Schwestern traten mit dem Briefe bei Seite und flüsterten, von welchem Lieutenant oder Referendar wohl dieser ghibellinische Spott herrühren konnte ...

Der jetzt aber vertraulichst Eingeführte erhielt alle die Mitteilungen, die er nur über die Versammlung beim Rolandswirt zu hören wünschte.

Das Einverständniss war vollständig ... Hammaker seufzte tief auf und zog die eben empfangene zinnerne Medaille, um sie mit Verklärung zu zeigen ... Wie auf ebenso viel Legionen des himmels hoffend, öffnete Schnuphase eine Schublade des Schreibepults, in der einige Hundert dieser Medaillen lagen. Dann noch ein Austausch des gemeinschaftlichen Schmerzes über die hingeopferte Dame ... Noch keine "S – pur"? war die dreifache Frage im Unisono. Mit einem blick gegen Himmel, als wenn allen diesen Leiden nur von oben geholfen werden könnte, empfahl sich Hammaker ... Eine Stunde darauf fand Benno beim Eintreten in Nück's "Schreibstube" unter einem Dutzend Pulten auf dem seinigen einen Zettel mit den eben erst rasch hingekritzelten, frisch mit Sand bestreuten Worten: "Die Erben des Riedbauern Kipp in Euskirchen wünschen über ihres Erblassers Passiva, ehe sie das Beneficium inventarii antreten, eine vertrauliche Recherchecitissime! – Freitag früh Termin in Overladen Fasc. 1310a. – Sonnabend in Sachen ca Fiscum bei Zapf am Hüneneck die Vermessung der UfergrenzeIch spreche Sie aber noch um sechsdas Dampfboot geht, glaube' ich, um acht." Es war die Hand des Procurators. Der Name des Hünenecks war für Benno ein Klang, der ihm auf Augenblicke die Besinnung nahm ...

Eine so schnelle Trennung von Bonaventura! Aber dreidrei volleselige Tage in Armgart's Nähevielleicht eine Begegnung mit ihr!

Zum arbeiten fehlte ihm alle Sammlung. Er zählte nur die Minuten, bis es sechs schlug. An sein Ohr tönte nur die Glocke im Hafen und das Brausen und Rauschen im Dampfrohr, die mahnenden Zeichen zur Abfahrt.

7.

Bis sechs Uhr hatte Bonaventura auf die Rückkehr des Mönchs gewartet und er hätte dann lieber wünschen mögen, er wäre nicht gekommen ...

Der Pater kam in einer Aufregung, die ihm wahrhaft beängstigend wurde.

Gleich die Art, wie er von den mit ins Grab genommenen Lesarten des Origines, dem wirklich erfolgten tod des bewussten Domherrn, dann von Bonaventura's Aussichten auf dessen Stelle sprach, war für sein Gefühl verletzend ...

Dann führte er ihn wie in blinder Wahl einem Tore zu ... Er versprach ihm den angenehmsten Eindruck von einer Promenade um die alten Wälle der Stadt. Einige der letzteren waren zu öffentlichen Vergnügungen bestimmt. In mässiger Entfernung von einem solchen, den man den Apostelgarten nannte, beredete er Bonaventura, sich mit ihm auf eine im Gebüsch versteckte Bank zu setzen und durch eine Oeffnung der Gesträuche dem Treiben in dem überfüllten Lokale zuzusehen. Da und dort standen Tische und Lauben, die immermehr sich besetzten und füllten; Kellner und Kellnerinnen schritten hin und wieder von einem nach aussen angebrachten Büffet eines einstöckigen langen Hauses. Rings hatte das Auge die Aussicht auf Häuser und Gärten, auf alte zerklüftete Mauerreste, hier auf einen wohlerhaltenen epheuumwundenen Turm, dort auf eine baumbeschattete Kapelle, in weiterer Entfernung auf eine neue Ringmauer, Teile neuer Befestigungen, dann über sie hinweg auf die Kette der Sieben Bergealles das vermochte auf einige Zeit zu fesseln ... Sogar eine Nachtigall schlug plötzlich und der Mönch lachte über seinen Begleiter, der nicht sogleich entdeckte, dass dieser nach der Jahreszeit völlig unmögliche Ruf von einem Künstler kam, der drüben die Vogelstimmen nachahmte.

hören Sie nur! rief der Pater, als Bonaventura die Kunst des Mannes bewundern musste, der bald auch die Lerche steigen und die Amsel singen liess, die halbe, nicht fertig gewordene Nachtigall,