, wusste nichts von der Oberwelt, nicht einmal etwas von dem Mönche Sebastus, dessen Vater er beschuldigt worden ermordet zu haben, er sah nur immer, wenn es Licht um ihn wurde und er im Severinusverein präsidirte, den Himmel offen und die heilige Jungfrau mit der Wagschale der Temis in der Hand, wie sie ihm zuwinkte und alle Kronen der jenseitigen Gerechtigkeit an ihn austeilte. Seine Stimmung war die des geblendeten Simson, der zuletzt die Säulen der Paläste zusammenreisst ... Einen Process gegen den Kronsyndikus zu beginnen hatten ihm Nück und Hammaker entschieden widerraten – fehlte doch vor allem jenes im ersten Augenblick von ihm an der Leiche gefundene Stück eines grünen Tuches, das so plötzlich damals abhanden gekommen ...
Glauben Sie Gespenster, Herr Hammaker? fragte Lengenich jetzt und wie heimlich.
Entschieden! sagte Hammaker und zitterte, obgleich er nur scherzen wollte ...
Ich sah den Mann, den ich soll erschlagen haben, neulich deutlich und als Mönch sah ich ihn, aber hager und lang – das Gesicht war es –
Der Deichgraf?
Stephan Lengenich erzählte, dass er kürzlich in den grossen Weinkellern seines Principals, des Herrn Moppes, einsam gearbeitet hätte. Düster hätte die Lampe neben ihm gebrannt, mehrmals wäre sie ihm ausgegangen, wie zuweilen geschähe, wenn er gerade an den Fässern arbeitete, die an einem der kleinen vergitterten Fenster stünden, die in einen alten unterirdischen gang einigen Lichtschimmer fallen liessen. Seit Jahren galt dieser gang für verschüttet oder zum Aufbewahrungsort für Gerätschaften dienend, die zu den noch in der Nähe befindlichen geistlichen Häusern gehörten. Von seiner Arbeit aufblickend, erzählte Stephan Lengenich, hätte er durch das Gitter das volle Gesicht des Deichgrafen erblickt ...
Ich glaube Gespenster, Herr Lengenich! Aber manchmal ist es auch bloss der Dunst von altem Nierensteiner!
Meinen Sie? In dem gang steht ein altes Marienbild, nicht weit von einem der Fenster ... Halt' ich die Lampe drüberher oder tun's die Grubenräumer, die zuweilen durchziehen –
So lebendig geht's da unten her?
Das meiste Leben geben die Ratten, Herr! ... Aber das uralte Marienbild, das muss ich mir alle Tage betrachten, obgleich ich eigentlich – die Gnadenreiche vergeb' es mir –
Ihre alte verräterische Geliebte in ihr erkennen?
Die nicht! Die andere! Die Geliebte von dem Doctor!
Die gegen Sie aussagte!
Wie aus den Augen geschnitten! Obgleich das Bild schwarz ist – sie hiess auch Schwarz –
Wer? fragte Hammaker zerstreut folgend ...
Lucinde Schwarz –!
Lucinde Schwarz! ... Hammaker wusste doch sonst alles in seinem Gedächtniss unterzubringen, er hatte auch ein Schubfach für diesen Namen, er wusste das, er konnte es jetzt nicht sogleich wiederfinden, obgleich er erst vor einer Stunde sie zu sehen geglaubt hatte ... er grübelte auch: Sollte der Küfer nichts von dem Mönche Sebastus wissen?
Gerne hätte er alles das gesagt, aber Wichtigeres wälzte sein Inneres ...
Sie sind zu fromm! sagte er ...
Statt aller Antwort greift Lengenich in sein Schurzfell, zieht zwei blinkende zinnerne Medaillen hervor und will eine davon dem mann darreichen ... Dann zieht er sie wieder zurück und sagt: Sie sind ein Studirter!
Herr Lengenich! Ich bin ein Studirter, aber ich habe eine alte Mutter! Drüben in den Sieben Bergen wohnt sie! Ich besuche sie oft! ... Ihr zu Liebe lieb' ich – Gott – und ich – ich kann Ihnen zeigen – was ich auf dem Leib trage ...
Er deutete auf seine Brust und lüftete ein wenig das Oberhemd, um einige Amulete zu zeigen ...
Dann nehmen und behalten Sie! sagte Lengenich. Es ist die – wie heisst der Name?
Hammaker, aufhorchend, liest die Umschrift und spricht das schwierige Wort aus:
Atanasiusmedaille!
kommt von Rom! ... Was ist der Mensch ohne diesen Beistand! Da, Herr, konnte' ich beichten! Da, Herr, glaubte man mir! Wenn hier etwas an unsern Rechten, an unsern Gesetzen gerüttelt würde –
St!
Vor wem sollen wir uns fürchten?
nächsten Sonntag – hm! – auch in Drusenheim?
Jeden Sonntag bin ich in Drusenheim!
Ich meine – am Abend – am andern Ufer – am Hüneneck?
Sie wissen –?
Zu Joseph Zapf?
Ich sollte fehlen?
Würdiger Mann!
Lengenich sah, dass Hammaker über alles unterrichtet war, was vom Rolandswirt Joseph Zapf in dem Drang der Umstände zum Besten der grossen Sache des Landes vorbereitet wurde.
Stumm schütteln sich beide die hände – der Küfer die weiche und zarte des Agenten, dieser die rauhe des, wie es schien, von den geheimen Leitern für die Stunde der Gefahr ausersehenen Vorkämpfers.
Stephan Lengenich ging jetzt ...
Esel! – lag zwar in dem ihm nachschauenden Blikke Hammaker's, als der Küfer mit dem an die mächtigen Lenden schlagenden Schurzfell von dannen schritt ... aber sein Mut zum Humor verlässt ihn ... er sieht die Menschen an den Strassenecken ... Hundert Taler! ... Er liest es jetzt selbst: "Besonders ist es wünschenswert Auskunft zu erhalten über einen Unbekannten, der an einigen Abenden in der Dunkelheit die Ermordete besucht haben soll" ...
Nun hält er sich an einem Mitleser, um nicht umzusinken ...
Die Zähne klappern ... die Lippen beben und rechnen:
Freitag, Sonnabend