1858_Gutzkow_031_236.txt

, den er sollte aufgehängt haben, vorüber ... Es ist dasselbe neue stattliche Haus, in dem jetzt bis vier Uhr Nachmittags die Arbeit des Procurators ruhte ... nebenan säuselnd sind's die schönen Linden des Gartens, der zum haus gehörte, Bäume, die noch gerade so grün und stillbewegt standen wie damals, als er um die Mittagszeit aus dem Fenster gesprungen und das in Gedanken mitgenommene Schlüsselbund zurückgeworfen haben sollte, die tasche mit 30000 Talern beschwert ... In diesen Garten blickte niemand, als die Zöglinge des daranstossenden Convicts, die gerade eine Freistunde hatten und an dem Gartengrün die müdegearbeiteten Augen stärkten und ihn nun sehen, ihn verraten mussten ... Fünf Jahre war es her, Hammaker war durch Nück's zeugnis von jedem Verdacht freigesprochen, er durfte zu jeder Zeit in das Haus des Mannes eintreten, den er aufgehängt haben sollte; aber wer erträgt die Qual des Verdachts, den Spott, die Anspielungen auf die Procedur des Hängens, wenn die Menschen mit ihm redeten und vom Binden, Schnüren sprachen, ja auch nur von einer "verwickelten" oder "kurzabzuschneidenden" Verhandlung ... Konnte Er nicht den Kopf erheben? .. Noch heute früh nach der Aufnahme des Tatbestandes und der Rückkehr des Assessors vom Frühstück bei Benno von Asselyn ... was war nicht alles, als er zitternd unter den Menschen weilte und, zum tod erblassend, den Assessor auf sich zukommen sah, zwischen ihnen besprochen worden! Die drohende Zunahme der Aufregung, die Stiftung von Gesellen- und Meisterbündnissen, manche Verbrüderung zu Rat und Tat, die man nicht hemmen konnte und die doch auszuarten drohte im Hinblick auf die Zeit und die schlimmen Ausbeuter der Leidenschaften ... Die Gemüter auf dem land und in der Stadt von den kirchlichen fragen aufgeregt ... zwei Richtungen sich kreuzend, die politische und die hierarchische, eine der andern zur Seite gehend, solange das nächste Ziel dasselbe ... Schon Beratungen hier, Versammlungen dort ... Stürmer und Dränger, wie sie in Kocher am Fall geredet, überall ... unter dem Landvolk Wortführer, die schon anfangen bei verschlossenen Türen zu sprechen ... Die Regierung von anonymen Warnungen aufgeregt ... Winke von den Gutgesinnten, Drohungen von den Feigen ... Namen genannt, die die Häupter einer Erhebung werden sollen, wenn es dem land an die Kränkung seines Teuersten gehen sollte ... Sogar Schnuphase auf den gefahrvollsten Bahnen; denn darin, dass er nur hin- und herreiste zur "Beruhigung", gerade darin lag die Aufregung ... Im Hüneneck, an der Insel Lindenwert, war der Herd des Ganzen bei einem grosssprecherischen Wirte Namens Joseph Zapf ... und der neue John Hampden, der neue Bürger Lafayette, der Sohn des Volkes, der einer möglichen Bewegung zum haupt dienen konnte ... eben kommt er daher ...

Ein Mann mit kühnen Schultern und von freier Rede, ein Fürsprech im neubegründeten Severinusoder Handwerkerverein ... Eine grosse, stattliche Figur von herculischem Körperbau, über die Vierzig hinaus, geröteten Antlitzes, mit dem Ausdruck gutmütiger, aber reizbarer Beschränkteit ... An dem unter einem langen Oberrock getragenen Schurzfell erkennt man den Küfer ...

Wie geht es Ihnen, mein lieber Herr Lengenich?

Ei, Herr Hammaker!

Endlich ein Mann, der sich über die Begegnung mit ihm zu freuen schien ...

Haben Sie endlich den Process gewonnen?

Welchen?

Den Drusenheimer! Schlagen Sie den Blutacker los? Sechshundert Taler ja wohl?

Neunhundert, Herr Hammaker! Ich schlag' ihn nicht los!

Eigensinniger Mann! Neunhundert Taler! Viel Moos!

Die Ehre, Herr Hammaker! Die Ehre! Die Ehre! Was ist der Mensch ohne Ehre!

Ein wahres Wort!

Wir, denke' ich, wir beide wissen es!

Braver Mann! Aber was nützt Ihnen die drusenheimer Ehre?

Wo ich geboren bin, Herr! Bin in die Welt mit Ehren hinausgezogen! Der Acker soll wüst und leer bleiben, bis die Gemeinde und mein Bruder nicht mehr hinter mir rufen: Ab instantia!

Erhaben! Aber

Verkannt, Herr Hammaker!

Aber

Ein Ehrgefühl muss der Mensch haben, wo ein Nadelstich aus Leben geht!

Wie fühl' ich mit Ihnen!

Ab instantiaWegen Mangel an Beweis! Alle glauben und wissen meine Unschuld! Nur ein Bruder und die drusenheimer Gemeinde sagen: Lass hier deinen Acker! Sagen's so zweideutig, als wenn ich

Ruchlos! Ruchlos!

Dornen und Disteln und Steine sollen drauf wachsenich bin Bürger in Drusenheim und bleib' es!

Wenn nurSeligmann nicht Auftrag hätteIhnen zu bieten, was Sie wollen! Fuld's junges Weibchen will einen Pavillon hinter ihrer Villa haben! Es ist so prächtig draussen! Waren Sie lange nicht dort? Ach, meine Heimat! ... Ach, meine alte Mutter! ...

Guter Herr Hammaker! Auch Sie verkannt! Um diesen Acker hab' ich Tränen vergossen, mehr, als in Drusenheim wasser fliesst!

Das ist kein Wort, Herr Lengenich! In Drusenheim ist der Bach das ganze Jahr trocken und nur der Saft der Rebe fliesst ... Eine Prise?

Zitternd wird sie dargereicht ... freudig angenommen. Lengenich und Hammaker, wie dieser ihm aufgeredet, sind die Opfer des Ab instantia-Absolvirens. Lengenich lebte in der Dunkelheit der Moppes'schen Weinkeller