1858_Gutzkow_031_235.txt

, die andere Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort, genannt der "Abtödter" ... Wie oft pfiff sie mir sein Leiblied, als er noch schmuck und grün durch die Wälder daherkam aus Holland und Java, wo ihn die Indier gelehrt hatten, wie man Menschen so weit bringen kann, nur noch dreissig Pfund zu wiegen, die Hälfte vom Nettogewichte meines Bauches vor dem Mittagessen! .. O ihr hättet sie sehen sollen, die Frau "Baronin", wenn sie die Tür verschlossen hatte und durch das Schlüsselloch mit mir über den Stand der Zinsen und die Leiden der westfälischen Domänenkäufer sprach, deren Obligationen so wertloses Papier geworden sind! ... Das Schluchzen dann hinterm Schlüsselloch hätte euch gerührt und ihr hättet ein Gemüt bewundert, das dreissig giftige Pfeilspitzen liegen hatte und doch allen denen vergab, die sie beschuldigten, ihre Dienstboten nur aus bösem Herzen zu quälen, während es nur ihr unglückseliges los war, dass sie in der Nacht Mitgefühl bedurfte, zufällig zu einer Stunde, wo frische und gesunde junge Mädchen zu schlafen pflegen! ... Eine, ja Eine, die ist ihr einmal zu Dank gewesen! Das hat sie mir oft erzählt! Die blieb ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage, drei Stunden bei ihr! Die hat sie dann aber auch, so sagte sie oft, ausgestattet wie eine Prinzessin! Auf ein vornehmes Schloss hat sie sie gegeben, wo sie wie eine Prinzessin gehalten wurde; nur seidene Kleider und goldene Spangen mit Juwelen durfte sie da tragen; aber sie war ja selber schuld, kicherte die gute Baronin hinterher, dass sie's nicht lange genoss ... der Nickel wollte auch die Krone haben! sagte sie. Und dann hustete die Edle wie aus feuchten Kellern heraus die liebreichen Worte: Na aber, da haben wir sie schön abgeführt!

Möglich, dass der wirkliche Vortrag dieser Erzählung durch die Erinnerung an das grelle lachen gehindert wurde, in welches die Hingeopferte nach solchen und ähnlichen vertrauten Mitteilungen sich in Gegenwart ihres guten Freundes und Ratgebers zu verlieren pflegte ... Oder was ist es, dass er die Weinschenke verlässt? .. Es ist drei Uhr ... Am Hahnenkamp begegnen ihm vier fröhliche Menschen, unter ihnen sein wärmster Beschützer nächst Dominicus Nück, der Assessor von Enckefuss ... Aber ha! Auch Benno von Asselyn, dem er noch gestern Abend so dicht unter die Augen getreten, als wollte er sagen: Sieh mich genau an! Ich bin's! Unglücksmensch, du, du, den ich möchtewarum sahst du mich so oft Abends von Rendezvous kommen, wo eine siebzigjährige Eule, getrennt von mir durch eine verschlossene Tür, mir ihre Gefühle und ihre stolzesten Hoffnungen auf die Beschämung eines gewissen Ungetreuen, des grünen Jägers, erzählte ... Warum blickst du mich so forschend an? Mensch! Was wendest du so den Kopf zum Assessor? Dich, dich möchte' ich

Ganz gehorsamster Diener! ... Tief verbeugt er sich bei alledem und lächelt ...

In fröhlichster Champagnerlaune grüsst Tiebold de Jonge und macht sich den gewohnten "Witz" mit ihm, im gespräche Anspielungen zu machen auf das unenträtselt gebliebene Hängen des Sporenritters in partibus, diesen "Witz", der ihn seit Jahren verfolgt, der ihn so martert, so quält, dass er im Begriff ist, nach Amerika auszuwandernfür immer ...

Aber bei alledem zieht der Erbebende seine weisse Halsbinde in die Höhe und sagt, im Stil eines Belesenen, zu Tiebold de Jonge:

Herr de Jonge! Ein Wald! Ein Wald! Ein Königreich für diesen Wald! Bei Witoborn! Wann kann ich aufwarten?

Ihre Eichenwälder sind zu jung! Nicht ein Ast, an dem sich eine rechtschaffene Seele aufhängen kann! Hahahaha! ...

So lachte der Spötter und die andern gingen gleichfalls lachend oder fragend und die Köpfe zusammensteckend an ihm vorüber ...

Dass aber auch der Assessor lachen konnte! knirscht es in seiner Seele ...

Er überlegt sich aber alles ... Er wohnt in dieser Stadt mit dem Damoklesschwert überm haupt und sollt' es eigentlich gern haben, wenn ihn zwar nicht heimlich, doch offen die Polizei fallen lässt. Er muss sich's ja sauer verdienen, dass man ihn schont und damals auf Nück's lachen Rücksicht nahm, als er nach Aachen wollte, nach "Spaa", wo er später sein "ihm gehörendes" Geld wirklich verspielt hatte ... er musste sich's verdienen durch die doppelte Tragfähigkeit seiner Schultern, die linke geistlich, die rechte weltlich ... und in der Mitte ein Herz voll Ehrgeiz sogar und ein Mensch, der studirt hat! Sieh! Dieser Herr von Asselyn ... Ausser Nück und Schnuphase weiss niemand in der Welt als er, dass er in Abendstunden mit Hexen schwärmen kann ... Wie er sich vorbeugt zum Ohr der andern und wie sie auf mich zurückschielen! Menschdich schleudr' ich aus dem Wege!

Ein Kieselstein flog vor seinem Knotenstock, dass davon beinahe Herr Joseph Moppes getroffen wurde ...

Dieser kam wie immer mit Noten unterm Arm und probirte im Gehen seine Quartette ...

Selbst Joseph Moppes, der als halber Virtuose doch Beifall und Popularität nötig hatte, dankte nur halb dem schnell gebotenen Grusse ...

Nun wankt der fast zusammenbrechende Fuss durch die Marcebillenstrasse ... dicht vor dem haus des Mannes