sah ...
Den rücken auf einen Stock stemmend, der fast zusammenbricht von der weniger schweren, als vielleicht ermüdeten Last, denkt das etwa vorhandene Menschenstudium desselben beim Anblick eines in den Trödelkram verlorenen Franciscanerpaters: Pater Sebastus? Der Franciscaner? Will der Juden bekehren? Mit Veilchen Igelsheimer den Anfang machen? Fehlt ihm in seiner Klause ein Luxusgegenstand, den er dort einzuschmuggeln gedenkt unter der Kutte? Eine Lichtputze, eine Lampe zum Studiren, eine Laterne für die unterirdischen Gänge, wenn er die geheimnissvolle alte Pforte im Gewölbe des Professhauses finden sollte? ... Wie er die Kleider betrachtet! ... Doch nicht etwa den alten rostigen Ritterhelm? ... Doch nicht den Dreimaster und den Galanteriedegen dazu? ... Oder den Frack mit ellenlangen Schösen und die carrirten engen Beinkleider, die ihm vor Jahren ganz gut mögen gepasst haben?
Der Späher, der selbst wie ein Irrender bald da, bald dort still gestanden und fast die Spalten der Türen, die Risse der alten Häuser betrachtet hatte, als könnte er sich in sie verkriechen, ja als suchte er nur allein dem Sonnenstrahl auszuweichen, wie weiland der allein in der Nacht lebende Held Trojan, ein Vampyr der serbischen Sage – der Späher tritt in ein Haus zurück ... Der Mönch macht eine Bewegung, als wollte er weiter gehen ...
Bald aber erkennt der Späher, dass dies Weitergehen nur die bekannte Bewegung ist, die einen andern Entschluss maskirt. Einigemal wendet sich der Mönch, als hätte er sich im Wege geirrt, wäre unschlüssig, sich links oder rechts zu wenden, und ehe er noch darüber von jemand beobachtet zu sein glaubt, ist er verschwunden. Selbst für den Späher ist er es, der in eines der alten Häuser getreten ... Scheint dieser doch selber zu fürchten, belauscht zu werden.
Nach einer Weile tritt der Späher wieder hervor und sieht sich vorsichtig um. Die heisse Mittagszeit macht die Gasse menschenleerer als sonst. Dann an den niedrigen Fenstern Natan Seligmann's vorüberstreifend, erkennt er den Pater durch die Trödelvorräte hindurch ... Er befindet sich unter ihnen ... Was kann der Mönch dort wollen? Er scheint zu handeln? Um was? Er zeigt auf seine Kutte ... sieht er dich? Vorübergleitend entschlüpft der Lauscher.
Sein sonst so elastischer Spürsinn ist heute frei von aller Unternehmungslust.
Wankend schreitet auch er dahin ... nimmt einen Weg, er weiss es selbst nicht wohin ... an den Strassenecken wird ein Anschlag der Polizei angeheftet ... Hundert Taler dem, der eine Spur zur Entdeckung des Mörders der Frau Hauptmann von Buschbeck angibt ... Sonst war er so flink, solche Summen zu verdienen, er, der alle Spelunken der Stadt, die Herbergen der Freude und des Raubes kennt ... Weiter wankt er, grüsst und achtet nicht des ausbleibenden Gegengrusses ... Gewohnt scheint er das ... Sonst studirt er jedem, den er grüsst, eine Frage nach seiner Lage, nach seinem Tun und Treiben und eine selbstgegebene Antwort an ... Auch heute hätte er gelegenheit gehabt, seine gewohnten Glossen zu machen.
Da fährt Herr Bernhard Fuld in einem eleganten Coupé mit seinem jungen Weibchen neben sich in ihre Villa hinaus nach Drusenheim ...
Der Späher scheint zu denken: Sie fahren wie mit Extrapost! Man glaubt wegen des europäischen Gleichgewichts und vielleicht ist nur eine neue Toilette aus Paris gekommen, die sich vor Ungeduld Madame selber abgeholt hat!
In einem Gig fuhr sich hinter ihm her der Freund der Fulds, Herr Gebhard Schmitz; ein Groom sitzt neben ihm, die hände ineinander geschlagen, wie wenn er der Herr wäre ...
Der Späher sieht ihm nach und weiss vielleicht schon: Ist die bestellte Caricatur am nächsten Sonntag fertig, wenn ihr eure Landpartie macht?
Ein offen zurückgeschlagener grosser Wagen mit zwei Damen und einem Herrn biegt um eine Strassenecke ...
Der Späher erschrickt im ersten Augenblick, zieht tief den Hut und blickt dem Wagen nach: Madame Hendrika Delring! Sie fährt vor dem Fünfuhr-Diner noch mit ihrem Mann aufs Land, weil sie von einer gelegenheit gehört haben, für den ersten – gemischten – Enkel des Hauses Kattendyk eine vortreffliche Amme zu bekommen ... Die neue Gesellschafterin wohl bei ihr? ... Nein! Die schreibt an ihren Freund Hunnius, dass im Domstift immermehr Platz wird ... Oder ist es die Kleine –
Aufschreckend wankt der Beobachter dahin ... immer weiter und weiter ... allmählich ermannt er sich und tritt in eine Weinschenke, sich in der Hitze eines Nachsommertages zu stärken ...
Doch des Redens über den Mord auch hier kein Ende ...
Man klagt die Frau Hauptmännin an und sagt fast, ihr wäre recht geschehen, und schon setzt er an, sie zu verteidigen und eine ganze Rede wickelt sich in ihm auf: Sehr wohl kannt' ich die Aermste, aber glauben Sie mir, meine verehrtesten Herrschaften, sie war mehr krank als böse! Die Vortrefflichste glaubte an die Seelenwanderung und war in Fledermäuse verliebt, weil sie hoffte, die würden sie einst durch die Lüfte ins Jenseits tragen! ... Für den König der Fledermäuse sparte sie gefangene Mäuse und Batzen und Coupons ... O wie oft habe ich sie gebeten, ihre Guitarre neu beziehen zu lassen! Aber nur zwei saiten wollte sie auf ihr dulden; die eine war sie